Die Nostradamus-Propaganda der Nazis,
1939 – 1942
Die vorliegende historische
Forschungsarbeit ist in völlig unabhängiger Regie entstanden. Dabei wurde die
Absicht verfolgt, ausschließlich anhand von Archivrecherchen einen
Themenkomplex darzustellen, der bislang noch kein Gegenstand einer systematischen
Analyse auf der Grundlage von zeitgeschichtlichen Dokumenten war.
Meine Nachforschungen zur Nostradamus-Propaganda basieren zu einem
gewissen Teil auch auf der Überprüfung von konkreten Informationen, die
der Autor Ellic Howe weitestgehend anhand von Zeitzeugenaussagen ermitteln
konnte und erstmalig 1965 in seinem Buch „Nostradamus and the nazis: a
footnote to the history of the Third Reich“ publizierte; 1967 erfolgte
eine erweiterte Ausgabe unter dem Titel „Uranias Children“. Die
deutsche Ausgabe ließ noch drei Jahrzehnte auf sich warten und erschien erst
1995 unter dem Titel „Uranias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und
das Dritte Reich“ (ISBN 3-89547-710-9). Obwohl das Buch auf dem Markt als
vergriffen gilt, dürfte es für interessierte Leser, die sich eingehender
damit beschäftigen möchten, kein Problem sein, dieses über die gängigen Internet-Antiquariate
zu beziehen oder in gut sortierten Bibliotheken auszuleihen.
Da Ellic Howe in den frühen
1960ern nicht über einen umfassenden Zugriff auf diverse Archivbestände
verfügte, ist die vorliegende Arbeit durchaus als Weiterführung und
stellenweise auch als Korrektur einer ansonsten meisterhaft recherchierten
Buchpublikation zu verstehen.
Mein ganz besonderer Dank
gilt all jenen MitarbeiterInnen der konsultierten Archive und Bibliotehken,
ohne deren tatkräfige Unterstützung vieles nicht möglich gewesen wäre.
Dieser Dank gilt auch allen Privatpersonen, die immer wieder wertvolle
Hinweise gaben und mir unverzichtbares Material zusandten.
Weitere sehr aufschlußreiche
niederländische bzw. und englischsprachige Dokumentationen zur Nostradamus-Propaganda
sind auch auf der Webseite meines Forscherkollegen Theo van Berkel abrufbar,
bei dem ich mich ebenfalls für seine äußerst zuverlässige und effiziente
Zusammenarbeit bedanken möchte.
Die wichtigsten Resultate dieser Arbeit lassen sich
vorab folgendermaßen zusammenfassen:
Die überlieferten
Archivmaterialien veranschaulichen überdeutlich, daß die Nationalsozialisten
der Nostradamus-Propaganda zeitweise eine sehr hohe Priorität zumaßen, auf
deren Grundlage eine europaweite Kampagne initiiert wurde. Federführend
beteiligt waren daran das Propagandaministerium (RMVP) und das Auswärtige
Amt (A. A.)
Auch wurde die
sichere Auflösung von Autorenpseudonymen möglich sowie bislang unbekannte
Details zu Einzelpersonen, die darin involviert waren.
Ein inhaltlicher
Schwerpunkt dieser Arbeit bezieht sich auf die längst überfällige Beantwortung
der überaus interessanten Frage, weshalb sich der erfolgreichste deutsche
Nostradamus-Autor der Nachkriegszeit, Alexander Centgraf, hinter Autorenpseudonymen
versteckte. Eines seiner Nostradamus-Bücher wird bis auf den heutigen Tag von
Randomhouse/Bertelsmann vermarktet, obwohl das Verlagshaus detail-lierte
Kenntnisse darüber hat, daß dieses unbestreitbare Versuche von Geschichtsverfälschungen
ect. enthält.
Kurzdokumentation zu
Randomhouse/Bertelsmann
Dem Medienkonzern Randomhouse/Bertelsmann ist die hier vorliegende
Forschungsarbeit und insbesondere die Personenrecherche zu Alexander
Centgraf seit dem 19.09.06 bekannt. Am 25.09.06 reagierte die Rechtsabteilung
darauf mit der Absicht „meine Anregungen genauestens prüfen zu wollen“.
Inwieweit diese vollmundige Ankündigung umgesetzt wurde, ist nicht
nachzuvollziehen. Das Resultat einer umfangreichen Korrespondenz ist jedoch
die kategorische Weigerung, das strittige Buch von Alexander Centgraf aus dem
Verlagsprogramm zu entfernen oder zumindest beanstandete Textpassagen zu
streichen. Begründung des zuständigen Hausjustitiars (emailnachricht
vom 08.11.06):
Sehr geehrter Herr Maichle,
vielen Dank für Ihre Nachfrage von heute
früh.
Nach einer Durchsicht des Buchs sehe ich
keine Veranlassung, mich der Einschätzung der verlegerisch Verantwortlichen
entgegenzustellen, das bislang völlig unbeanstandet seit vielen Jahren
erhältliche Buch weiterhin als Lizenzausgabe zu publizieren.
Wir bitten Sie deshalb, unsere im
Leserinteresse getroffene Entscheidung zu akzeptieren.
Freundliche Grüße
Der Verlag hält es nicht einmal für nötig,
dem Leserpublikum die nun bekannten biographischen Daten zu ihrem Autoren N. Alexander Centurio
bekanntzugeben, was ansonsten durchaus üblich ist.
Die Ausgabe der „Junge Welt“ vom 29.11.06
sah sich deshalb veranlaßt, diesen unglaublichen Vorgang mit einem entsprechend
bissigen Artikel zu kommentieren.
Bezeichnend auch neuere
Forschungsergebnisse zur Geschichte des Bertelsmann-Konzerns: eine von der Konzernleitung
eingesetzte Historikerkommission sah sich nicht dazu imstande, die Imagelüge des Medienkonzerns
historisch zu bestätigen, wonach Bertelsmann während der Nazidiktatur wegen
oppositioneller Haltung gegenüber dem Regime geschlossen wurde. Vielmehr war Bertelsmann der
größte Lieferant von Propagandaliteratur für die Wehrmacht und zählt zu den
größten Kriegsgewinnlern überhaupt.
Daß Nostradamus
angedrohter Fluch in der berühmten „Legis cantio contra ineptos criticos“ durchaus extremere Formen als Erfolglosigkeit bei Definitionsversuchen
seiner Verse anzunehmen vermag, zeigt der beispielhafte Fall des Schweizer
Wissenschaftlers und Astrologen Karl Ernst Krafft. Jene unverhohlene Drohung
richtete sich insbesondere gegen die „Astrologen, Tore und Ungebildeten,
die seinen Versen fernbleiben sollten“. Er hätte als „Nostradamus-Kenner“
besser daran getan, diese nicht zu ignorieren, denn mindestens drei
Hauptakteure der nazistischen Nostradamus-Propaganda verstarben noch vor
Kriegsende eines unnatürlichen Todes.
Die einzig
ernstzunehmende Biographie zu dieser berühmt-berüchtigten Gestalt wurde von
dem sehr zuverlässigen Zeitzeugen Ellic Howe veröffentlicht. Er arbeitete im
Verlaufe des Zweiten Weltkrieges für den britischen Geheimdienst und war verantwortlich
für die drucktechnische Produktion von Propagandamaterialien, was ihn in
gewisser Weise zu einem direkten Gegenspieler von Karl E. Krafft machte. Zu
der unschätzbar wertvollen Arbeit, die er nach Kriegsende zur
Nostradamus-Propaganda und den darin involvierten Personen publizierte, ist
jedoch noch einiges hinzuzufügen, zu vervollständigen und zu korrigieren. Dies
wurde ausschließlich und wohl nicht zufälligerweise anhand umfangreicher Ergebnisse
aus Nachforschungen in Bibliotheken und historischen Archiven möglich, die
sich fast ausnahmslos in Berlin befinden.
Anmerkung:
Ellic Howes
Recherche-Korrespondenz zu Karl Ernst Krafft wird im Londoner
Warburg
Institute verwahrt und ist
dort einsehbar.
Der begeisterte
Nationalsozialist Karl E. Krafft wurde spätestens im November 1939 vom RSHA
(Reichsicherheitshauptamt) zum Zwecke der geheimen Zusammenarbeit angeworben
und ließ sich bereitwillig einspannen, als es u. a. darum ging, die
Nostradamschen Prophezeiungen in gefälschter Form als psychologische Waffe
gegen die Kriegsgegner einzusetzen.
Die Nazis wurden
auf ihn aufmerksam, weil er am 02.11.1939 ein Dossier an die deutschen
Sicherheitsbehörden kolportierte, aus dem hervorging, daß Adolf Hitler
zwischen dem 07.11. – 10.11. 1939 sehr gefährdet sei. Nur sieben Tage nach
Versand dieser Nachricht explodierte im Münchner Bürgerbräukeller während
einer Veranstaltung der Blutordensträger ein Sprengsatz. Adolf Hitler verließ
den Veranstaltungsort jedoch nur kurze Zeit vor der Detonation und
überlebte dieses Attentat.
Zunächst wurde
Karl E. Krafft als möglicher Mittäter zu diesem Anschlag vernommen. Er konnte
die Gestapo jedoch davon überzeugen, daß ihn ausschließlich seine astrologischen
Berechnungen dazu veranlaßten, das besagte Dossier zu verfassen.
Er nahm, nachdem
er mit seiner Frau von Süddeutschland nach Berlin zog, umgehend seine
Tätigkeiten für das RSHA auf.
Außerdem verfaßte er ein Buch, das auf der Grundlage der
Nostradamschen Prophezeiungen beweisen sollte, daß der Nationalsozialismus
siegreich sein würde. Diese Propagandaschrift, ein beklemmendes Schriftzeugnis
ideologischer Korruption, wurde vom Auswärtigen Amt in Auftrag gegeben und
1941 in sieben europäischen Ländern aufgelegt und vertrieben. Das
Urmanuskript „Nostradamus sieht die Zukunft Europas“ entstand spätestens
in der zweiten Jahreshälfte 1940, wurde jedoch im deutschsprachigen Raum nie
zur Publikation zugelassen.
Der
„Starastrologe“ des nationalsozialistischen Establishments geriet jedoch sehr
bald in Konflikt mit seinen Dienstherren. Anläßlich einer Briefkorrespondenz
mit dem rumänischen Botschafter in London, Virgil Tilea, kam es zu ernsten Meinungsverschiedenheiten,
in deren Verlauf Karl E. Krafft die weitere Zusammenarbeit verweigerte. Naiverweise
vertrat er die Auffassung, daß sein Briefwechsel eine Privatangelegenheit
sei, den niemanden etwas anginge.
Nachdem der
Reichsminister Rudolph Hess die Seiten wechselte, wurden am 09.06.1941 (Aktion
Hess) alle Astrologen und Nostradamus-Kenner, derer man habhaft werden
konnte, verhaftet oder in Konzentrationslager interniert und oftmals auch
ermordet – so auch Karl E. Krafft, der zum Zeitpunkt seiner Verhaftung als
Übersetzer beim Deutschen Nachrichtenbüro in Berlin beschäftigt war. Er wurde
bis zum Jahresbeginn 1945 ohne offizielle Anklage in faktischer Geiselhaft
gehalten und verstarb als lästiger Mitwisser am 08.01.1945.
Bisher wurde
fälschlicherweise immer angenommen, daß Karl Ernst Krafft am 08.01.1945 auf dem
Transport vom KZ Sachsenhausen in das KZ Buchenwald verstarb. Der Ursprung
dieser nicht exakten Angabe zu Karl Ernst Kraffts Biographie ist sehr schwer
auszumachen, widerspricht jedoch Dokumenten aus dem Archiv der Gedenkstätte
Buchenwald. Aus dort überlieferten Unterlagen geht hervor, daß Karl Ernst
Krafft bereits schon im November 1944 von der Staatspolizei Berlin in das KZ
Buchenwald überstellt wurde.
Krafft, Karl Ernst, geb. 10.5.00 in Basel, Dolmetscher, erfaßt als Polit.
Schweizer, Häftl.nr. 99090, eingeliefert in Buchenwald am 27.11.1944 und
verstorben am 8.1.1945. Der Sterbeort ist der Block 61 im Kleinen Lager von
Buchenwald.
Folgende Kopien
dieser Unterlagen zu Karl Ernst Krafft wurden mir am 21.11.06 auf Anfrage zur
Verfügung gestellt:
- Nummernkarte
aus der Schreibstube 99090
- Auszug aus der
Zugangsliste vom 27.11.1944 (einliefernde Stelle: Stapo Berlin)
- Auszug Nachtrag
der Veränderungsmeldung zum 27.11.1944 (Zeltlager)
-
Veränderungsmeldung vom 09.01.1945 (verst. 08.01.1945, Block 61)
Die
Faschismus-Forschung entwickelte sich seit dem Kriegsende zu hochspezialisierten
und äußerst leistungsfähigen Teilbereichen der historischen Wissenschaften,
die auch die gegenwärtigen Zustände sehr argwöhnisch verfolgt und
dokumentiert.
Ein monumentales
Beispiel dafür, wieviel in den vergangenen Jahrzehnten über den
Nationalsozialismus geforscht und geschrieben wurde, ist „Die Bibliographie
zum Nationalsozialismus, 2000“. In diesem zweibändigen Nachschlagewerk
finden sich 37077 Titel von Büchern und Dokumentationen zu allen wichtigen
Themen und Aspekten der Nazidiktatur und ihre Folgen. So kann heute kaum noch
die Rede von großen und unaufgeklärten Vorgängen und Geheimnissen des Zweiten
Weltkrieges die Rede sein. Dies ist vor allem den unzähligen Aussagen von
Zeitzeugen, einer Unmenge von Film- und Fotoaufnahmen, und insbesondere dem
Umstand zu verdanken, daß ein Teil der Archivbestände der nationalsozialistischen
Diktatur nicht der Zerstörung anheim fielen.
Die überlieferte
Substanz dieser Archive ist – hier sind vor allem das Bundesarchiv und das Politische Archiv des
Auswärtigen Amts zu nennen –
trotz großer Lücken noch derartig vielfältig und reichhaltig, daß auch
ein Themenkomplex recherchierbar bleibt, der zu den obskursten Wechselfällen
der neueren Geschichtsschreibung zu zählen ist.
Im Dezember 1939
führte Joseph Goebbels, nachdem er sich mit den Nostradamschen Prophezeiungen
befaßte, die ersten Sondierungsgespräche u. a. mit Akademikern und Autoren in
Sachen Nostradamus. Zu nennen sind hier vor allem: Dr. Hans Hermann
Kritzinger, Dr. Karl E. Krafft und der Berliner Telegraphen– und Postbeamte
Karl Loog. Dr. Bruno Winkler, Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein und Dr. Alexander Centgraf werden
zwar in den Aussagen von Zeitzeugen nicht genannt, ihre Zusammenarbeit mit
dem Propagandaministerium (RMVP) in diesem Kontext ist aber anhand der Inhalte
ihrer Bücher und bibliographischer Kriterien nachweisbar.
In diesen
Vorgesprächen ging es im Kern darum herauszufinden, inwieweit diese bereit
sind, mit dem RMVP zu kooperieren. Denn Goebbels benötigte dringend kompetente
Köpfe, die bereit waren, die Prophezeiungen in einer Form zu manipulieren, so
daß diese als psychologische Waffe gegen die zukünftigen Kriegsgegner einsetzbar
sind. Das erklärte Ziel bestand darin, den politischen und militärischen
Feinden die Sinnlosigkeit jeglichen Widerstandes zu suggerieren. Die Euphorie
Joseph Goebbels führte sogar soweit, daß er am 09.01.1940 in seinen
Tagebuchaufzeichnungen die Absicht äußerte, einen Fachausschuß einzuberufen,
dem die Aufgabe gestellt werden sollte, geeignetes Propagandamaterial zu
liefern.
Nachdem man das
Potential erkannte, wurde am 22.11.1939 jegliche Publikationen zum Thema
Weissagungen einem strikten Verbot unterworfen, da man befürchtete, diese
könnten die aktuellen Planungsausführungen behindern oder gar sabotieren. Denn
schon am 30.10.1939 verlangte Joseph Goebbels auf einer Ministerkonferenz „eine
Zusammenstellung des astrologischen Schrifttums, um selbst zu entscheiden,
ob darin eine Gefahr zu erblicken sei“.
Noch im gleichen
Jahr erschien im Hause des Ex-Generals Ludendorff, dem einflußreichsten
Verlag zur Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts, das Buch „Weissagungen“,
das aus ideologischer Sicht die gefährliche Absurdität von politischen Prophezeiungen
ableitete. Der Autor Hermann Rehwaldt bezog dabei auch Michel Nostradamus
ausdrücklich in seinen pathologischen und kaum wiederzugebenden Verschwörungstheorien
mit ein, was darauf hinweist, daß das Nazi-Establishment der Galionsfigur der
politischen Prophetie äußerst ablehnend gegenüberstand.
Nichtsdestotrotz
ergeben die Namensindexe historisch unanzweifelbarer Dokumente zwischen 1939
– 1944 insgesamt 29 Einträge, die belegen, daß Nostradamus zur Chefsache
erklärt wurde, auch wenn man dies für noch so absurd halten könnte. Aus diesen
Aufzeichnungen und der einschlägigen Memoirenliteratur ist ebenfalls
deutlich ersichtlich, daß diese Art von Propaganda über Geheimsender,
Flugblattabwürfe der Luftwaffe, Kettenbriefe, Broschüren und Bücher
verbreitet und als sehr wirksam gewertet wurde. Aus der Sicht der
NS-Propagandisten dürfte diese Beurteilung eine sehr reale Grundlage gehabt haben,
wenn gleich auch keine Bestätigungen aus unabhängigen Quellen zur Nostradamus-Propaganda
zu ermitteln waren.
Walter Schellenberg
beschrieb in seinen Memoiren (siehe nächster Abschnitt) die angestrebte
Wirkung der Nostradamus-Propaganda als Maßnahme, welche die Flüchtlingsströme
während der Invasion in Nordfrankreich Richtung Süden kanalisieren sollte.
Beabsichtigt war von den Kriegsplanern in dieser Phase der Kämpfe die militärische
Besetzung der gesamten Atlantikküste und Nordfrankreich. Der Süden und Südosten
Frankreichs wurde erst 1942 von deutschen Truppen okkupiert.
Der überdurchschnittliche
Erfolg der Nostradamus-Propaganda von 1940 schlägt sich in den Tagebüchern von
Joseph Goebbels bis zum Juli 1944 nieder. Zu diesem Zeitpunkt finden sich die
zwei letzten Tagebucheinträge zu Nostradamus.
Die europaweit
geplante und ausgeführte Nostradamus-Propaganda ist am unübersehbarsten aus
zwei Primärquellen ersichtlich – den „Goebbelsschen Tagebüchern – Diktate und Aufzeichnungen“ und den „Protokollen der Geheimen Ministerkonferenzen im Propagandaministerium“.
Es bietet sich
deshalb an, die überlieferten Tagebucheintragungen und die Tagesordnungspunkte
der Ministerkonferenzen, die das Stichwort „Nostradamus“
aufweisen, in der chronologischen Reihenfolge ihrer Niederschrift ineinander
zufügen. Die Tagesordnungspunkte der Ministerkonferenzen werden zur besseren
Unterscheidbarkeit in Kursivschrift
wiedergegeben.
Das Resultat
dieser Vorgehensweise ergibt ein sehr klares und grundlegendes Schema bezüglich
des zeitlichen Ablaufs der Planung und Ausführung sowie der Bewertung der Nostradamus-Propagandakampagne.
Außerdem wird durch die Zusammenführung der obigen Quellen sehr deutlich
hervorgehoben, daß dieser Kampagne eine enorme politische Priorität eingeräumt
wurde. Diese Einschätzung wird insbesondere durch den Tätigkeitsbericht der
Abteilung Ausland im RMVP nachdrücklichst bestätigt. Der Berichtszeitraum erstreckt
sich vom 01.01. – 31.08.1940 und die Einzelaufstellungen zu ausgelieferten
Materialien der Auslandspropaganda zeigt auf, daß die
Broschüren und Bücher zum Thema Nostradamus die höchsten Auflagenzahlen überhaupt
aufweisen!
Im krassen
Gegensatz zu anderen Bereichen der Auslandspropaganda liefert dieses Dokument
jedoch keine spezifizierten Angaben zu den Autoren der Nostradamus– bzw.
Flugblattpropaganda, insbesondere nicht zu den Aktivitäten der Geheimsender
unter Dr. Adolf Raskin. Es wurde lediglich eine Gesamtauflage von
Nostradamus-Schriften (83000) und die Auflagenzahlen für einzelne Länder verzeichnet.
Diese
Auffälligkeit ist nur dadurch zu erklären, daß Joseph Goebbels seine liebsten
Steckenpferde in einer Weise abschirmte, die dazu geeignet war, jegliche
Einflußnahme von außen abzublocken, die seine Propagandacoups hätten stören
können.
22. November 1939
3. Veröffentlichungen
über Weissagungen sind zu sperren. Nostradamus soll evtl. in einem französischen
Flugblatt verwendet werden. Gutterer soll Vorschläge dazu machen.
23. November 1939
Gestern... Ich
bin so müde und krank. Zeitig ins Bett. Noch lange gelesen. Nostradamus
Prophezeiungen. Für uns heute sehr interessant. Hoffentlich stimmen die gewagten
Kommentare. Dann hat England nichts zu lachen...
Beim Führer. Er
erzählt von den Hintergründen des Attentats. Das alles wirkt wie ein Wunder. Er
ist überzeugt davon, daß Otto Strasser der Hintermann ist. Aber wir decken
schon noch alle Spuren auf. Jetzt kommt zuerst eine Veröffentlichung über die
grenzenlose Blamage des secret service.
Ich erzähle von
den Prophezeiungen des Nostradamus. Sie sind für unsere Zeit geradezu verblüffend.
Der Führer interessiert sich sehr dafür, aber er will sie nicht lesen...
24. November 1939
Gestern...
Herwarth hat sehr viel Übung und Erfahrung. Er kennt die ganzen führenden Leute
auf der Gegenseite. Er haßt England, wie einer das überhaupt nur kann. Ich
setze ihn zuerst einmal über Nostradamus. Die ganze Welt ist voll von
mystischem Aberglauben. Warum sollen wir das nicht ausnutzen, um die
gegnerische Front zu unterhöhlen...
25. November
1939
2. Gutterer
berichtet über die Flugblattbroschüren für Frankreich. Er wird beauftragt, das
Nostradamus–Flugblatt schnellstens anfertigen zu lassen.
5. Dezember
1939
2. Herr Bömer
erhält den Auftrag, das Manuskript der Broschüre „Nostradamus“ mit Oberst v.
Herwarth nochmals durchzusprechen. In Zusammenarbeit mit Ministerialdirektor
Gutterer soll die endgültige Fassung nach seiner Rückkunft von der Reise vorgelegt
werden. Die Broschüre soll nicht wissenschaftlichen, sondern propagandistischen
Charakter tragen.
5. Dezember 1939
Gestern... Oberst
von Harlan hat den Nostradamus neu übersetzt. Für unsere Auslandspropaganda
großartig zu gebrauchen. Ich werde das gleich veranlassen...
13. Dezember 1939
2. Der Minister äußert sich über die Propaganda mit dem astrologischen Material. Die Schrift “Nostradamus“ sei großartig abgefasst. Der Minister regt an, die Horoskope führender Männer der Westmächte zu bearbeiten. Kreuzworträtsel mit entsprechenden Textlösungen sollten verbreitet werden und ebenfalls im Ausland zur Verbreitung kommen. Die Zusammenstellung der Zahlenmystik wird ebenfalls für gut befunden und freigegeben.
14. Dezember 1939
Deutsches
Weißbuch über die Kriegsschuld. Vom A. A. sehr groß angelegt und geschickt zusammengestellt.
Das verfehlt seine Wirkung nicht. Unsere beiden Geheimsender nehmen am
Samstag ihre Arbeit gegen Frankreich auf. Ich lege Programm und Redaktion fest.
Das wird hinhauen. Wir arbeiten alle getarnt mit.
Nostradamus für
eine Winkelbroschüre und für sogen. Kettenbriefe ausgeschlachtet. Taubert hat
das großartig gemacht...
9. Januar 1940
Gestern... In
Sachen Nostradamus setze ich einen Fachausschuß ein. Der soll mir für meine Propaganda
das notwendige Material liefern...
16. Januar 1940
Gestern... Viel
Arbeit. Ausschlachtung der Nostradamus-Verse in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst
nach Frankreich und ins neutrale Ausland. Etwas wird’s helfen...
23. Februar 1940
Gestern...
Nostradamus ausgearbeitet. Eine glänzende Broschüre für die Neutralen. Ganz
scheinheilig und brav. Ebenso ein Propagandatraktat aus der hl. Schrift. Man
muß die gegnerische Front mit allen Mitteln zermürben...
12. März 1940
Gestern...
Brauweiler hat Nostradamus noch nicht in Neutralien untergebracht. Wir versuchen
es jetzt in Schweden...
27. März 1940
5. Nostradamus-Broschüre kann in der jetzigen Form erscheinen.
28. März 1940
Gestern...
Nostradamus habe ich nun in einigen neutralen Ländern untergebracht. Ich bekomme
sie dabei auch in Frankreich hinein...
30. März 1940
Gestern... Beim
Führer. Er ist wieder mal sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Unsere Propaganda
nach Frankreich ist besonders gut. Ich erzähle ihm von unserer Nostradamus-Broschüre,
was ihn sehr interessiert. Aber am Ende meint er, er werde England so oder so
zu Boden schlagen. Wovon auch ich felsenfest überzeugt bin...
24. April 1940
4. Die Nostradamus-Broschüre ist bereits in zwei Ländern erschienen. Für eine weitere Verbreitung u. a. in Dänemark soll Sorge getragen werden.
25. April 1940
Gestern...
Nostradamus-Broschüre nun in Holland und Schweiz erschienen. Erregt großes
Aufsehen...
24. Mai 1940
4. Der Geheimsender muß in großem Umfang mit Prophezeiungen arbeiten. Der Minister weist auf die Prophezeiungen eines Mönchs hin, ferner auf die Sagen, die um die Loretto-Höhe gehen, und empfiehlt jetzt Auswertung der Nostradamus-Broschüre.
25. Mai 1940
Gestern... Wir
arbeiten im Geheimsender mit Wahrsagungen insbesondere Nostradamus und bezgl.
der Lorettohöhe. Daran knüpft sich soviel Aberglauben...
26. Mai 1940
Gestern... Unsere
Panikpropaganda nach Frankreich ist sehr erfolgreich. Nostradamus-Anhänger
heißen dort schon 5. Kolonne. Das wirkt also. Wir verstärken unsere dahingehende
Arbeit. Einen großen Teil des Tages bin ich damit beschäftigt...
26. Mai 1940
1. Der Geheimsender soll in einem Aufruf die französische Regierung auffordern, die im Kessel eingesetzten Truppen nicht weiter sinnlos aufzuopfern. Ferner soll der Geheimsender die kommunistische Note etwas stärker spielen lassen, sich mit der Arbeitszeit (84 Stundenwoche) beschäftigen und auch gelegentlich antisemitische Polemik anklingen lassen – die antisemitische Note soll aber vor allem durch den Sprachendienst etwas mehr betont werden. Endlich soll der Geheimsender die bereits gut wirkenden Nostradamus- Prophezeiungen weiter verbreiten.
27. Mai 1940
2. Herr Fritsche soll die Presse anweisen, daß über die Prophezeiungen von Nostradamus u.s.w. jetzt nichts mehr gebracht werden darf, damit unsere Auslandsarbeit nicht gestört wird.
9. Juni 1940
2. Herr Raskin soll im Geheimsender Nostradamus anklingen lassen.
12. Juli 1940
Gestern... Unsere
Nostradamus-Broschüre hat im ganzen Ausland größtes Aufsehen erregt. Und kaum
einer weiß, daß sie von uns stammt. Selbst das A. A. ist darauf hereingefallen...
22. Juli 1940
4. Es wird die Frage erörtert, ob die Nostradamus-Prophezeiungen im offiziellen Sprachendienst oder über die Geheimsender in England verbreitet werden sollen. Angesichts der den unseren entgegengesetzten Interpretationen wird beschlossen, den Geheimsendern den Vorzug zu geben. Es soll jedoch der Geheimsender mit dem größten Hörerkreis genommen werden, in ihm soll in Etappen zunächst einmal geschildert werden, was Nostradamus für frühere Zeiten richtig prophezeit habe, und allmählich soll dann auf die Prophezeiung hingeführt werden, die eine Zerstörung Londons im Jahre 1940 schildern.
10. September 1940
1. Die Fliegerangriffe auf Berlin in der Nacht... Der Sprachendienst soll sich stets vergegenwärtigen, daß die Londoner Bevölkerung nur 1/3 der Gesamtbevölkerung Englands ausmacht, und daß es also weiter darauf ankommt auch das Hinterland zu demoralisieren. Lord Haw-Haw soll heute einmal auf die Prophezeiungen des Nostradamus hinweisen, die sich jetzt zu erfüllen scheinen.
19. Mai 1942
Gestern... Bernd
reicht mir eine Ausarbeitung über die von uns zu betreibende okkultistische Propaganda
ein. Hier wird in der Tat einiges geleistet. Die Amerikaner und Engländer
fallen ja vorzüglich in eine solche Art von Propaganda herein. Wir nehmen alle
irgendwie zur Verfügung stehende Kronzeugen der okkulten Weissagung als Mithelfer
in Anspruch. Nostradamus muß wieder einmal dran glauben...
25. Juli 1944
Gestern... Wir
arbeiten an einer neuen Nostradamus-Broschüre für England. Die Prophezeiungen
des französischen Mönches können natürlich für und gegen jedermann zur
Anwendung gebracht werden. Aber zweifellos enthalten sie auch einiges, was für
den abergläubischen Engländer sehr beeindruckend werden könnte, und das wollen
wir ausnutzen.
30. Juli 1944
Gestern... Mir
wird vorgeschlagen, Teile der Nostradamus-Vierzeiler für die deutsche
Propaganda zu verwenden, wenn auch in versteckter Form. In der Tat gibt es bei
Nostradamus eine ganze Reihe von Weissagungen, die auf die deutsche Gegenwart
und Zukunft in sehr positiver Weise bezogen werden können. Trotzdem halte ich
es im Augenblick nicht für zweckmäßig, einen solchen astrologischen Firlefanz
zu drucken.
Identifizierte
Amtsträger und Mitarbeiter des RMVP:
Leopold Gutterer,
Ministerialdirektor im RMVP, danach Staatssekretär
Prof. Dr. Karl
Bömer, Leiter der Auslandspresseabteilung im RMVP
Hans Wolfgang von
Herwarth, Oberst a. D., Journalist. Er war seit 1915 Mitarbeiter der obersten
Zensurbehörde in Berlin.
Dr. Eberhard
Taubert, Oberregierungsrat, Referent in der Propagandaabteilung des RMVP
Dr. Ernst
Brauweiler, Stellv. Leiter der Abteilung
Auslandspresse im RMVP
Hans Fritsche,
Leiter der Abteilung der Deutschen Presse im RMVP.
Dr. Adolf Raskin,
Intendant des Deutschen Auslandfunks, Sendeleiter in Saarbrücken,
verantwortlich für die Geheimsender. Am 08.11.1940 stürzte sein Flugzeug auf
dem Weg nach Rumänien ab.
Lord Haw–Haw,
William Joyce, Kommentator des Englanddienstes des deutschen Rundfunks
Bei der
Namensnennung Harlan im Eintrag vom 5. Dezember 1939 (Tagebuch) handelt es
sich um einen offensichtlichen Irrtum. (Veit) Harlan war Regisseur und
Schauspieler. Er produzierte u. a. den Propagandafilm „Jud Süß“. Gemeint war
hier Hans Wolfgang von Herwarth.
Die Abkürzung A.
A. aus dem Eintrag vom 14. Dezember 1939 (Tagebuch) steht für Auswärtiges Amt.
Bei dem unter 19.
Mai 1942 (Tagebuch) genannten Bernd handelt es sich um einen Schreibfehler.
Gemeint war der Ministerialdirigent Alfred-Ingemar Berndt, Leiter der Abt.
Rundfunk im RMVP.
Die Loretto-Höhe,
erwähnt im Eintrag des 25. Mai 1940 (Tagebuch), ist eine Landschaftserhebung
nördlich der französischen Stadt Arras, auf der sich heute ein Soldatenfriedhof
befindet. Aus militärtaktischen Gründen war dieser markante geographische
Punkt im Ersten Weltkrieg stark umkämpft. So sollen dort bis zum Ende der
Kampfhandlungen über 100000 Soldaten aller Konfliktparteien ihr Leben verloren
haben. Der Hinweis auf den Aberglauben, der sich auf die Loretto-Höhe beziehen
soll, ist unklar geblieben.
Der letzte
Geheimdienstchef der Nazis, Walter Schellenberg, der in seinen letzten Lebensjahren
schwer erkrankte, plauderte wie einige anderer seiner Spießgesellen auch in Sachen
Nostradamus aus dem Nähkästchen, bevor er das Zeitliche segnete.
Nachdem er nach
Beendigung der Nürnberger Prozesse sechs Jahre Haft absaß, ließ er sich in der
Schweiz bzw. in Italien nieder und seine Person wurde in jeder Beziehung
bedeutungslos. Weder die Alliierten noch seine ehemaligen Kampfgefährten, die
sich in der „Organisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes
sammelten, zeigten weiteres Interesse an ihm. Dem Kriegsverbrecher, der zum
Ende des „Wilhelmstrassen-Prozesses“ wegen Liquidierung von Kriegsgefangenen
abgeurteilt wurde, scheint es deshalb ein um so dringenderes Anliegen
gewesen zu sein, sich in der Nachwelt ein ruhmvolles Ehrendenkmal zu sichern
– diese Attitüde ist wohl charakteristisch für Menschen, die glauben, in
ihrem Leben etwas ganz Besonderes geleistet zu haben.
Trotz der überaus
schwierig zu beantwortenden Frage, wie mit Berichten involvierter
Einzelpersonen umzugehen ist, sollte angesichts der Prominenz Walter
Schellenbergs darauf hingewiesen werden, daß die Glaubwürdigkeit seiner
Ausführungen nie prinzipiell in Zweifel gezogen wurde, wenn gleich auch bei
der Lektüre seines Buches auffällt, daß er in den Darstellungen relevanter
Vorgänge stets vermied, andere Personen namentlich zu belasten. Da die Einlassung
zur beabsichtigten Wirkung der Nostradamus-Propaganda während der Invasion in
Frankreich kaum prägnanter sein kann, ist ihm mangels anderer, vielleicht
objektiveren Berichten, an dieser Stelle das Wort zu erteilen.
So war z. B.
festzustellen, daß die Nostradamus-Propaganda, die in Frankreich die
massivsten Auswirkungen zeitigte, in den Standartwerken zum Zweiten Weltkrieg
nicht einmal erwähnt, geschweige denn als Einzelthema aufgearbeitet wurde?!
Dieses Versäumnis ist insofern umso verwunderlicher, als daß die seriöse
Nostradamus-Forschung der letzten Jahrzehnte sehr produktive Fortschritte auf
bibliographischem und philologischem Gebiet vorzuweisen hat.
„Während
dieser Zeit, es war etwa um den 15. Mai, erhielt ich folgenden Auftrag: Mit einem
Fachmann des Propagandaministeriums sollte eine möglichst umfassende, Verwirrung
stiftende Propaganda gegen Frankreich gestartet werden. Den schnellsten und besten
Erfolg versprach der Weg über den Rundfunk. Zufällig war der damalige Leiter des Saarbrücker Senders* ein guter Bekannter von mir, der sich auch sogleich bereit erklärte,
mitzuwirken. Von Saarbrücken aus wurden nun drei Sender auf höchste Frequenz gebracht,
die, als französische Sender getarnt, fortlaufend «Nachrichten»
ausstrahlten. Diese stützten sich zum Teil auf Informationsmaterial unserer
französischen Agenten, zum anderen entstammten sie den eigenwilligen, doch
höchst wirksamen Einfällen meines Saarbrücker Freundes. Ein Beispiel dafür,
wie auf diese Weise der im Norden Frankreichs und wenig später im Pariser
Becken einsetzende Flüchtlingsstrom in die von uns gewünschte Richtung gelenkt
wurde, stellte auch eine von uns gefertigte unscheinbare Broschüre der düsteren
Weissagungen des mittelalterlichen Astrologen Nostradamus dar. Diese wurden
durch Agentenkanäle, Funk– und Flugzeugabwurf unter die französische
Bevölkerung gebracht. Wir wählten unter anderem Zitate, in denen Nostradamus
« rauchende Feuermaschinen» prophezeite, die unter lautem Lärm über den
Städten erscheinen und Schrecken und Vernichtung über die Menschen bringen
würden. Von uns aus prophezeiten wir zusätzlich, daß nur der Süden und
Südosten Frankreichs von solchem Unheil verschont bleiben werde.
Panikartig schob sich daraufhin die Masse des
Flüchtlingsstroms in die von uns angegebene Marschrichtung. Die deutschen
Truppen erhielten dadurch die gewünschte Bewegungsfreiheit, während die
Marschwege der französischen Armee erheblich blockiert wurden.“ (Zitat:„Walter Schellenberg, Memoiren, 1959“, S.
105)
* gemeint ist hier Dr.
Adolf Raskin
Der Bericht von
Martin H. Sommerfeld, Hauptmann und Verbindungsoffizier
des Oberkommandos der Wehrmacht zur Abteilung der Auslandspresse im RMVP, ein langjähriger Teilnehmer der Goebbelsschen
Ministerkonferenzen, bezieht sich im wesentlichen auf Joseph Goebbels
Intentionen in der Planungsphase der Nostradamus-Propaganda und macht eine
ausführlichere Kommentierung notwendig.
Da gab es um
die Mitte des 16. Jahrhunderts den französischen Arzt und Astrologen Michel
Nostradamus, der am Hof von Heinrich II. seine “Zenturien“ schrieb, Prophetien
für die nächsten anderthalb Jahrtausende. Wie alle zukünftigen Propheten
spricht Nostradamus dunkel und vieldeutig, und man kann die „Zenturien“ wie
die delphischen Orakelsprüche hinterher leicht übertragen, wie es einem
paßt. Ist da nicht zum Beispiel eine prachtvolle Prophezeiung der Gründung
des deutschen Kaiserreichs 1871, die in der 32. Zenturie also lautet:
„Das große Reich, das früh zerstückelt/wird
aus dem Inneren heraus/aus kleiner Grafschaft wachsen. / In seinem Schoß wird
das Szepter ruhen.“
Und nichts
ist brauchbarer für den Frankreichfeldzug 1940 als die 33. Zenturie, in der es
also lautete:
„Brabant,
Flandern, Gent, Brügge und Boulogne / werden vorübergehend mit dem großen
Deutschland vereinigt / Doch wenn der Waffengang beendet ist, / Wird der große
Fürst von Arminien Kampf ansagen / Eine Ära der Humanität göttlicher Herkunft
beginnt / die Friedenszeit wird durch Einigkeit gegründet, / gefangen sitzt der
Krieg auf dem halben Welt / lange Zeit wird der Frieden bewahrt.“
Behaglich
lehnte sich der Minister in seinen Sessel am Kopfende des langen Konferenztisches
im Promi zurück:
„Das ist eine
Masche, an der wir lange stricken können. Ich verbiete jeden Druck dieser
Prophezeiungen des Monsieur Nostradamus. Sie darf nur durch Handzettel in Handschrift,
höchstens mit der Maschine geschrieben, heimlich und in der Art der Kettenbriefe
weitergeleitet werden. Das muß durchaus verboten aussehen. Dazu mündlich.
Magische Übereinstimmung der 33. Zenturie mit dem Jahr der Machtübernahme 33,
Deutung: Neuordnung Europas durch Großdeutschland, Besetzung Frankreichs nur
vorübergehend, Großdeutschland bringt das Tausendjährige Reich und den tausendjährigen
Frieden. Den ganzen hanebüchenen Quatsch natürlich auch über die Sender nach
Frankreich hinein.“
Dann schnippt
er wieder vergnügt mit den Fingern:
„Den großen
Führer aus Armenien legen wir auf Eis, bis uns der Herr Stalin aus Georgien
den Kampf ansagt – oder wir ihm. Sonst noch Fragen und Bemerkungen zu dem
Thema? Danke.“
Und die
Auguren lächeln und notieren.
Ein paar
Stunden später ticken schon die Fernschreiber. Ein paar Tage später danach
bekommt man im Luftschutzkeller einen Zettel in die Hand gedrückt:„Vorsicht!
Niemand zeigen Nostradamus!! –“ (Zitat: „Martin H. Sommerfeld, Das Oberkommando
der Wehrmacht gibt bekannt, 1952“, S. 56 - 57)
Es ist davon auszugehen, daß sich
Joseph Goebbels seit Ende November 1939 ein gewisses Maß an inhaltlich fundierten Kenntnissen zu den Nostradamschen Prophezeiungen aneignete, denn
es ist kaum als Zufall zu werten, daß die
von Martin H. Sommerfeld erwähnte 33. Zenturie zu einem der
propagandistischen Dreh– und Angelpunkte der Nostradamus-Kampagne wurde. Eine
33. Zenturie existiert in Nostradamus Hinterlassenschaften nicht; gemeint war der 94. Vierzeiler der V.
Zenturie. In der obigen Übersetzung des Vierzeilertextes schwingt noch
jene fanatische Begeisterung mit, mit der die Brandstifter ihre verderbliche
Subversion betrieben. Nichtsdestotrotz ist die übersetzte Wiedergabe im
Verhältnis zum Vierzeiler-Urtext krasser
Unsinn, weil maßlos übertrieben.
V, 94
Translatera en la grand Germanie,
Brabant & Flandres, Gand, Bruges, & Bolongne:
La traisue fainte, le grand duc d’Armenie,
Assaillira Vienne & la Coloigne.
In das große Deutschland
überführen wird er,
Brabant und
Flandern, Gent, Brügge und Bolongne:
Der falsche
Waffenstillstand, der große Fürst aus Armenien,
Er wird Wien
und Köln angreifen.
Die opportunen Auslegungen dieses Vierzeilers finden sich je nach politischer
Großwetterlage in fast ausnahmslos allen Nostradamus-Schriften der
nazistischen Kriegspropaganda wieder.
Schon im Jahre 1921, also nur kurze Zeit nach den Grauen des Ersten
Weltkrieges, lieferte Karl Loog zu diesem Vierzeiler einen äußerst infamen,
kriegstreiberischen Kommentar, der es in sich hatte und an den man sich noch
nach zwei Jahrzehnten erinnern sollte.
Nachdem Brabant, Flandern, Gent, Brügge und Bolongne im Jahre 1940 von
den deutschen Truppen okkupiert waren, dürften sich die Kriegsplaner in all
ihrem Tun sehr bestätigt gefühlt haben:
Die letzten
beiden Zeilen sind heute noch unverständlich. Aber das geht deutlich aus dem
Vierzeiler hervor, daß der Kaiser auf dem goldenen Throne die Grundlagen für
die Weltgeltung Deutschlands legt. Einsichtsvollen Politikern der Gegenwart
war es ja schon immer klar, daß vom Besitz der flandrischen Küste die Größe
Deutschlands abhängen werde. Bemerkenswert ist, daß Nostradamus Boulogne zum
äußersten Vorposten der deutschen Flotte macht. Er hat dadurch einen Gedanken
vorweggenommen, den Graf Zeppelin einmal geäußert hat. Möge sich der kühne
Traum erfüllen. (Zitat: „ Die Weissagungen des Nostradamus, 1921“, S. 91)
Nun, der kühne Traum ging 19 Jahre, nachdem der Wunsch ausgesprochen
wurde, in Erfüllung, wandelte sich aber alsbald in einen nicht enden wollenden
diabolischen Alptraum, der bei Joseph Goebbels keinerlei Irritationen
auslöste.
Spätestens am 22.06.1941,
an jenem Tag, als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel,
enteisten die Propagandastrategen des RMVP den „großen Fürsten aus Armenien“
und ein williger Schreiberling verkündete ab 1942 in einem holländischen Nostradamus-Buch
lauthals, daß es sich bei diesem um Joseph
Stalin handle.
Um den Vierzeiler vor Kriegsbeginn mit der Sowjetunion für die
Propagandamaschinerie in eine kompatible Form zu bringen, bediente man sich
einer mikroskopischen Verfälschung des Urtextes, indem man nur einen einzigen
Buchstaben austauschte! Somit wurde dem „großen Fürsten von Armenien“ durch
Karl E. Kraffts Geistesblitze und Joseph Goebbels Direktiven die Gnade einer
ganz besonderen Metamorphose zuteil, denn dieser verwandelte sich kurzerhand
in den „großen Fürsten aus Arminien“.
Diesem geringfügigen, aber entscheidenden „chirurgischen Eingriff“ war
die verführerische Möglichkeit eines Rollentausches der politischen
Hauptakteure zu verdanken – Adolph Hitler nahm vorerst den Platz von Joseph
Stalin ein, denn der „große Fürst aus Arminien“ war eine offene Anspielung auf
den cheruskischen Römerfresser Arminius, mit dessen Kriegstaten die
neuzeitlichen Arier bevorzugt prahlten und daraus ihre eigene Unbesiegbarkeit
ableiteten. Daß Arminius nur ein paar Jahre nach seinem überwältigenden Sieg
über die drei Varus-Legionen einem Mordkomplott der eigenen Sippe zum Opfer
fiel, war dabei nie von Belang.
Auch der Goebbels-Biograph Boris von Borresholm verarbeitete die
Vorgänge um den Vierzeiler V,
94 in
einem Bericht, der Karl E. Krafft als den eigentlichen Initiator des
Goebbelsschen Propagandacoups namentlich benennt.
Seine Darstellung ist gewiß nicht frei von Dramatisierung und Effekthascherei.
Eine Überprüfung seiner Aussagen in Bezug auf Karl E. Krafft legt jedoch nahe,
daß er entweder über sehr zuverlässige Informanten verfügte, oder aber Zugang
zu Internas der Nostradamus –Propaganda gehabt haben mußte. Denn der
Vierzeiler V, 94 und die daran gekoppelte
Armenien–Arminien–Manipulation findet sich erstmalig in dem deutschsprachig
verfaßten Urmanuskript „Nostradamus
sieht die Zukunft Europas“ wieder, das in Deutschland auch nach dem Krieg nicht
publiziert wurde! Der Autor war kein anderer als Karl E. Krafft, der diese in
der zweiten Jahreshälfte 1940 im Auftrag des A. A. erstellte.
Die Übersetzungen dieser Schrift, die 1941 in sieben europäischen
Staaten publiziert wurden, waren ausschließlich für die Auslandspropaganda
bestimmt. Es ist deshalb nahezu ausgeschlossen, daß Boris von Borresholm schon
kurz nach Kriegsende detaillierte inhaltliche Kenntnisse zu den Auslandsausgaben
des Krafftschen Nostradamus-Buches hatte.
Auch seine sehr frühen spezifischen Kenntnisse darüber, daß Karl E.
Krafft im Deutschen Nachrichtenbüro als Übersetzer beschäftigt war, und daß
die deutsche Luftwaffe zu Beginn des Frankreichfeldzuges Nostradamus-Flugblätter
über der Maginot-Linie abwarf, bekräftigen nachdrücklichst, daß Boris von
Borresholm unmittelbar nach Kriegsende aus außergewöhnlich zuverlässigen
Informationsquellen schöpfen konnte. Denn in den erhaltenen Aktenbeständen
des Deutschen Nachrichtenbüros ist Karl E. Krafft nicht als Mitarbeiter zu
identifizieren, und Einzelexemplare der besagten Nostradamus-Flugblätter
gelten bis heute als unauffindbar.
Am auffälligsten ist jedoch, daß er von Karl E. Kraffts Brief wußte,
den dieser vor dem Attentat im Bürgerbräukeller abschickte, um Adolf Hitler zu
warnen. Es wäre deshalb sehr voreilig, einen wahren historischen Kern in
seiner Darstellung prinzipiell in Abrede zu stellen:
November 1939
Nostradamus
Am 9.
November 1939 explodiert bei der Zusammenkunft der Blutordensträger im
Münchner Bürgerbräukeller sechs Minuten, nachdem Hitler mit seinem Gefolge
aufgebrochen ist, eine Höllenmaschine. Hitler erfährt davon erst, als er
schon im Sonderzug nach Berlin sitzt. Er erörtert mit Goebbels die Maßnahmen,
die man treffen könnte. „Kommen Sie morgen zum Mittagessen!“ sagt Hitler, als
der Zug in Berlin einfährt, „ und bringen Sie die Auslandspressestimmen mit!“
An Hitlers
Tafel werden sonst politische Gespräche streng vermieden. Heute aber zieht
Hitler einen Brief aus der Tasche, reicht ihn Goebbels und sagt:„ Ich bin gespannt,
was Sie davon halten.“ Goebbels legt Messer und Gabel beiseite und beginnt zu
lesen.
Der Brief ist
am 2. November aus einem Dorf im Schwarzwald datiert. Der Schreiber habe sich,
so heißt es darin, seit Jahren mit astrologischen Studien befaßt und nun auch
Hitlers Horoskop gestellt. Die Aspekte zeigten leider, daß das Leben des
Führers zwischen dem 7. und 10. November durch Gewalt bedroht sei. Der
Schreiber wisse sehr wohl, daß die Partei nichts von Astrologie halte, aber als
Parteigenosse erachte er es als seine Pflicht, den Führer inständig zu bitten,
daß er sich in den genannten Tagen nicht unnötig exponiere, sondern die
erhöhte Sicherheit sorgen lasse. Es folgt der Gruß „ Heil Hitler!“ und die
Unterschrift Karl Ernst Krafft.
„Toll!“ sagt
Goebbels kopfschüttelnd. Das ist alles. Er weiß, daß Hitler seit langem auf der
Suche nach einem Seni ist. Ein Hofastrologe – das hat ihm gerade noch gefehlt.
Dann würde sich Hitler seinem Einfluß ganz entziehen. Aber gegen den Brief ist
kein Argument vorzubringen. Das Zusammentreffen von Horoskop und Attentat
scheint überzeugend.
„Toll!“, sagt
Goebbels und beginnt über die Auslandspressestimmen Vortrag zu halten.
Während der
Unterhaltung über den mutmaßlichen Attentäter, die sich anschließt, bittet
sich Himmler den Brief des Astrologen aus. Als Chef der deutschen Polizei habe
er die Pflicht zu prüfen, ob jener Krafft nicht ein Mitwisser sei.
Einige Tage
später ist Goebbels zu der Einsicht gekommen, daß es das Richtige ist, den
Astrologen in seine Machtsphäre einzubeziehen; nur so läßt sich verhindern, daß
Krafft auf Hitler einen entscheidenden Einfluß bekommt. Er schickt einen
Mitarbeiter nach dem Schwarzwald, um zu ermitteln, was von diesem Krafft zu
halten ist. Ergebnis der Ermittlung: Krafft ist inzwischen von der Gestapo verhaftet
worden. Er lebte bisher als Übersetzer französischer Bücher.
Goebbels
fragt bei der Gestapo und erfährt, daß keine belastenden Umstände bekanntgeworden
seien. Er erwirkt die Feilassung Kraffts und läßt diesen zum Wilhelmsplatz
bestellen.
Als Krafft
von einem Adjutanten durch den Seiteneingang – unbemerkt vom Hausmeister und dem
übrigen Personal – in das Arbeitszimmer des Ministers geführt wird, empfängt
ihn Goebbels mit dem Bemerken, er kenne den Brief vom 2. November. Wie Krafft
dazu gekommen sei?
Der Brief
sei, erwidert Krafft, „lege artis“ abgefaßt und nur durch die Sorge um das Wohlergehen
des Führers eingegeben worden. Er könne nicht verstehen, wieso man ihn dafür
habe einsperren können.
„Ich weiß,
ich weiß“, sagt Goebbels und betont, daß gerade er Krafft aus der Haft befreit
habe. Krafft treten Tränen in die Augen. Er stammelt Worte des Dankes. „Ich bin
so glücklich, daß ich wieder arbeiten darf.“
„Woran
arbeiten Sie denn im Augenblick?“
Krafft zieht
ein Manuskript hervor: „Einführung zu den Prophéties de Maistre Michel Nostradamus“ und beginnt
vorzulesen. Der kleine blasse Mann mit den tieffliegenden Augen, den
spindeldürren Händen und den langen, zurückgekämmten Haaren doziert in näselndem
Ton.
„Translatera en la grand Germanie,
Brabant et Flandres, Gand, Bruges, & Boloingne:
La Traisue fainte, le grand duc d’Armenie,
Assaillira Vienne & la Coloigne.“
So steht es
im Urtext. Nun kommt die Übersetzung:
„Weil der
Waffenstillstand ein Betrug war, wird der große Führer von Arminien (vom Land des
Armin) Brabant, Flandern, Gent , Brügge und Boulogne nach Großdeutschland überführen,
und er wird überraschend Wien und die Rheinlande besetzen.“
Goebbels hält
den Atem an. Der hagere Asket im schwäbischen Anzug weiß offenbar gar nicht,
was für ein Kapital er darstellt.
„Wenn Sie mir
in die Hand versprechen, daß Sie schweigen können, will ich Ihnen sagen, warum
ich Sie in Zukunft gebrauchen kann.“
Krafft
schlägt ein, und Goebbels erklärt ihm, er habe von nun an das Horoskop des Führers
genauestens zu überwachen. Sobald sich eine Gefahr zeige, müsse er sofort
schriftlich an ihn, den Minister, Meldung machen. Dazu sei es natürlich
notwendig, daß Krafft sich ständig in Berlin aufhalte. Er werde einen Posten in
der französischen Übersetzungsabteilung des „Deutschen Nachrichtenbüros“ erhalten.
Wenige Monate
später werden Millionen von Flugblättern über der Maginot – Linie abgeworfen,
auf denen in französischer Sprache zu lesen ist, daß Nostradamus nicht nur Hitlers
Einmarsch ins Rheinland und nach Österreich, sondern auch die Eroberung von Belgien
und der Kanalküste prophezeit hat.
Daß die
Weissagung den „Großfürsten von Armenien“ (grand duc d’Armenie) nennt und nicht
den „großen Führer von Arminsland“, werden die Leser hoffentlich übersehen.
(Zitat: „Joseph Goebbels, Boris von Borresholm, 1949“, S. 146 – 149)
Ein extrem scharfer Kontrast zu Boris von Borresholms Bericht bilden
zwei Einlassungen des Nostradamus-Autors N. (Alexander) Centurio. Er
widerspricht zwar einigen von Ellic Howe gesicherten Details aus Karl E.
Kraffts Biographie. Beispielsweise sind die Behauptungen, Karl E. Krafft wäre
ein Referent im RMVP und der astrologische Berater Adolf Hitlers gewesen, als
nicht zu rechtfertigenden Nonsens zu werten. Nichtsdestotrotz können diese
nicht verbergen, daß der Charakter seiner Verbindung zu ihm weit über den
einer zufälligen Begegnung hinausreichte. Dieser offensichtliche Widerspruch
reizt unweigerlich zur Neugierde und wirft vielerlei Fragen auf, die nicht
unbeantwortet bleiben dürfen.
Es wird
interessieren, daß an dieser so schwer zu deutenden Prophezeiung der bekannte
Astrologe und Nostradamus-Forscher Krafft im wahrsten Sinne des Wortes
gescheitert ist: Krafft hatte in dem hier genannten „Herzog von Armenien“ den
russischen Diktator Stalin erkannt. Diese Deutung trug er dem Propaganda-Chef
des Dritten Reiches vor, um durch Dr. Goebbels den verantwortlichen Leiter der
deutschen Politik zu warnen. Hitler hat niemals ein Wort von dieser Warnung
gehört, denn Dr. Goebbels verstand sich ja allzu gut auf Fälschungen. Mit
seiner bekannten Beredsamkeit gelang es ihm, den nüchtern arbeitenden
Statistiker Krafft davon zu überzeugen, daß nicht Stalin sondern Hitler gemeint
sein müsse. Der kleine Doktor wird diese nationalistische Konjektur in
eindringlicher Weise begründet haben, den in Krafft zutiefst verschütteten
Romantiker zur Zustimmung veranlassend. Zugleich mit dieser Umdeutung gab es
dann einen tragischen Berufswechsel: Aus dem Versicherungsstatistiker Krafft
wurde ein Referent des nationalsozialistischen Propaganda-Apparates.
Offensichtlich
war der gebürtige Schweizer Krafft diesen Anforderungen seines neuen Amtes
nicht gewachsen. Es blieb kein Geheimnis, daß der Sohn und Bürger eines
sprichwörtlich freien Landes sich nicht völlig gleichschalten ließ. Kraffts
Ende in einem Konzentrationslager der Nazis ist daher nicht verwunderlich.
Letztlich war das Wort „Coloigne“ in der vierten Zeile dieser Prophezeiung, das hier den Anstoß gab
zum Lauf in das eigene Verderben: Es mußte als völlig ausgeschlossen angesehen
werden, daß im Falle einer deutschen Niederlage Stalin vor den Westmächten bis
Köln am Rhein vorstoßen könnte, also war unmöglich Stalin hier gemeint, sondern
nur eine Deutung auf Hitler denkbar. Gegen dieses Argument gab es für Krafft
keine überzeugende Erwiderung, diese konnte eigentlich nur ein Deutscher geben
– sie wurde gegeben! (Zitat: „Nostradamus, Der Prophet der Weltgeschichte,
1955“, S. 128)
Bereits im Jahre
1938 hatte der Schweizer Nostradamusforscher und Astrologe Krafft erkannt, daß
der große Führer von Armenien Stalin war. Er kam spontan zu Joseph Goebbels
und wollte ihn warnen. Goebbels erkannte sofort, daß dieser Vers dazu geeignet
war, das Glück zu korrigieren. Er beredete Krafft, statt le grand duc d’Armenie
zu setzen le grand duc d’Armenie. Er machte also aus einem Führer aus Armenien
einen Führer des Arminiuslandes und damit aus Stalin Hitler! Krafft ging leider
darauf ein und erhielt eine Stellung als Referent im Propagandaministerium.
Gleichzeitig wurde er zum astrologischen Berater von Adolf Hitler ernannt.
Aber der Sohn
und Bürger eines sprichwörtlich freien Landes wie der Schweiz ließ sich nicht
gleichschalten. Durch irrtümliche und auch bewußt unklare Prognosen suchte er
die Pläne Hitlers zu durchkreuzen. Er wurde 1944 zusammen mit seinem Freund
und Schüler Görner von der Gestapo wegen Sabotage verhaftet und zunächst in
milder Haft in einem Büro in der Lützowstraße festgehalten. Nachdem es mir
gelungen war, 1941 den Astrologen Bernd Unglaub aus den Händen der Gestapo zu
retten, versuchte ich das gleiche bei Krafft. Es war zu spät. Er wurde
plötzlich aus Berlin abtransportiert und ist in einem KZ hingerichtet worden.
(Zitat: „Die großen Weissagungen des Nostradamus, 1977“, S. 216)
Die Propagandastrategen des RMVP sprachen mit ihrer
Buchstabenmanipulation indes eine Wahrheit aus, die tiefgründiger nicht sein
könnte. Es ist jedoch massiv anzuzweifeln, ob sie diese jemals bewußt registrierten,
geschweige denn beherzigten: Diktatoren, gleichgültig ob aus Armenien oder
Arminien, sind austauschbare und vergängliche Schatten des schlechteren
Teils der menschlichen Geschichte, die sich so verdammt erschreckend ähneln.
Das Handlungsprinzip „Lege den einen auf Eis und wenn der andere seine propagandistische
Schuldigkeit erfüllt hat, taue diesen wieder auf und schicke ihn erneut ins
Spiel“
stieß alsbald auf eine objektive Grenze,
denn die schwindelerregenden Propagandaerfolge des ersten Kriegsjahres
fanden mit der Aggression gegen die Sowjetunion ein jähes Ende. Die
Nostradamus-Propaganda taugte nicht mehr dazu, den Kriegsverlauf zu beeinflussen
und große Bevölkerungsteile in
heillose Panik zu versetzen. So hatte die Nostradamus-Propaganda mit der
holländischen Schrift aus der Feder eines gewissen A. de Tombre alias Dr.
Alexander Centgraf aus dem Jahre 1942 ausgedient.
Zwei Jahre später, als der Krieg im Sommer 1944 mit der Operation
„Overlord“ und der sowjetischen Offensive für die deutschen Truppen verloren
schien, erinnerte man sich noch einmal an Nostradamus. Die Absicht, seine
Prophezeiungen als Propagandamaßnahme
in Deutschland einzusetzen, wurde jedoch aus unbekannten Gründen nicht nachweisbar
realisiert.
Erst im Jahre 1943 schlug der englische Geheimdienst in einer
energischen, aber hilflos wirkenden Geste zurück und reagierte damit sehr
verspätet auf die Nostradamus-Propaganda mit einer Komplettfälschung der
Prophezeiungen. Über die tatsächliche Verbreitung und Wirkung dieser
schwarzen Propagandaschrift existieren nach Ellic Howe keine Berichte.
Aus heutiger Sicht ist die Frage zu stellen, weshalb sich die Gegner
der Weltkriegsaggressoren im wesentlichen darauf beschränkten, fast
ausschließlich auf die klassischen Methoden der psychologischen Kriegsführung
zurückzugreifen. Deren Propagandaaktivitäten auf „okkultistischem“ Gebiet
sind eher als nicht besonders einfallsreiche Randerscheinung zu werten. Die
deutschsprachige Literatur wies aber auch schon zu damaligen Zeiten eine sehr
reichhaltige, volkstümliche Weissagungstradition auf, die durchaus dazu
geeignet gewesen wäre, die Goebbelssche Propagandamaschinerie nachhaltigst
zu sabotieren.
So geisterte z. B. schon die zu Beginn des 18. Jhs. erstmals
schriftlich niedergelegte und überaus bekannte „Schlacht am Birkenbaum“ umher, die eine vollständige
Zerstörung der Stadt Köln prophezeit.
Doch selbst zeitgenössische Zitate prominenter Persönlichkeiten, die
durchaus schon während des Zweiten Weltkrieges als sybillinische Orakel zu
werten waren, und für die Antipropaganda der Alliierten von unschätzbarem
inhaltlichem Wert gewesen wären, blieben in der psychologischen Kriegsführung
ungenutzt.
So soll sich z. B. Walter Rathenau, der 1922 in seiner Eigenschaft als
Außenminister der Weimarer Republik einem Attentat zum Opfer fiel, in einer
Ausgabe der „Züricher Zeitung“ aus dem Jahre 1919 folgendermaßen zur Zukunft
Deutschlands geäußert haben:
„Wer in 20
Jahren Deutschland betritt, das er als eines der blühendsten Länder der Erde
gekannt hat, wird niedersinken vor Scham und Trauer. Die großen Städte des
Altertums, Babylon, Ninive, Theben, waren von weichem Lehm erbaut, die Natur
ließ sie zerfallen und glättete Boden und Hügel. Die Deutschen Städte werden
nicht als Trümmer stehen, sondern halb erstorbene steinerne Blöcke, noch zum
Teil bewohnt von kümmerlichen Menschen. Ein paar Stadtviertel sind belebt,
aber aller Glanz und alle Heiterkeit ist gewichen.
Müde Gefährte bewegen sich auf dem morschen Pflaster, Spelunken sind erleuchtet,
die Landstraßen sind zertreten. Die Wälder sind abgeschlagen, auf den Feldern
keimt dürftige Saat. Häfen, Bahnen, Kanäle verkommen, und überall stehen
traurige Wohnungen, die hohen verwitterten Bauten aus der Zeit der Größe...
Der Deutsche Geist, der für die Welt gesungen und gedacht hat, wird Vergangenheit...
Ein Volk, das noch heute jung und stark ist,... ist tot.“ (Zitat: Weissagungen,
H. Rehwaldt, 1939, S. 113)
Britische Reaktion auf die Nostradamus-Propaganda
Ein Originalexemplar befindet sich im Londoner Imperial War Museum.
Die Faksimile stammt aus Ellic Howes Buch: „Die schwarze Propaganda, 1983, S. 224“. Bei dem hier wiedergegebenen
Vierzeiler handelt es sich um eine Teilfälschung, denn in der ersten Zeile des
Vierzeilers III, 30 wurde lediglich ein Wort
verändert.
Flugblatt des
US-Geheimdienstes OWI / OSS (BSB Einbl. 1939/45, 9722.300)
Dieses Flugblatt,
in sehr geringer Auflagenhöhe in der Schweiz produziert, wurde in den Jahren
1943 – 1945 verbreitet. Der gelehrte Mönch Alfried von Wirdingen und die ihm
zugeschriebene Handschrift sind Erfindungen des Verfassers, womit der Text dieses
Flugblattes als schwarze Propaganda einzustufen ist.
I. Akteneinsicht EKM (Evangelische Kirche
Magdeburg)
II. Akteneinsicht
Bundesarchiv Abteilung R
II. Ergebnisse
aus öffentlich zugänglichen Quellen
In
den Archiven der EKM sind zwei sehr umfangreiche Akten zu Alexander Centgraf
einzusehen.
Das
Konsistorium legte zum einen 1914 eine Personalakte an, die Einträge bis ins
Jahr 1962 aufweist!
Zum
anderen findet sich eine weitere, Ende 1934 geöffnete Disziplinarakte, die sehr
präzise die Aberkennung der geistlichen Rechte von Alexander Centgraf innerhalb
der Evangelischen Kirche dokumentiert. Anlaß für dieses Disziplinarverfahren
war seine überaus unsittliche Lebensführung. Er wurde der Zeugung von
mindestens zwei unehelichen Kindern und der Nichteinhaltung eines Eheversprechens
beschuldigt. Nicht einmal Friedrich Peter,
damaliger Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, sah sich imstande, seinen
Glaubensbruder und Parteigenossen zu protegieren, da er ein ihm gegebenes
Ehrenwort für wertlos hielt.
1) 26.02.1935, Alexander Centgraf nimmt zu den gegen ihn erhobenen
Vorwürfen Stellung.
2) 08.03.1935, Das Konsistorium beschließt die Suspendierung von
Alexander Centgraf mit „dem Ziele der Entfernung aus
dem Amt.“
3) 24.07.1935, Alexander Centgraf erkennt seine Amtsenthebung an.
4) 12.011.1936, Alexander Centgraf zieht erst über ein Jahr, nachdem er
seine Amtsenthebung anerkannte nach Berlin,
W 35, Bülowstrasse 29. Erst
auf massiven Druck hin räumte er das Pfarrhaus in Schlieben!
Mindestens drei Anträge
von Alexander Centgraf auf Wiedererlangung der geistlichen Rechte werden am
31.03.1939, am 21.01.1946 und am 05.02.1952 abgelehnt.
BArch (ehemals
BDC), SSO Centgraf Alexander, 08.03.1893
Karteikarten der
NSDAP-Mitglieder
Parteistatistische
Erhebung 1939
1) Lebenslauf
Ich, Alexander
Centgraf, wurde am 8. März 1893 in Thale a / Ha. geboren.
Meine Eltern waren der 1934 verstorbene Rektor Alexander Centgraf und Agnes
geb. Lehmann. Ich bin rein arischer Abkunft und evangelischen Glaubens. 1911
bestand ich die Reifeprüfung am Gymnasium zu Belgard in Pommern. Ich studierte
darauf Theologie und Nationalökonomie. Bei Ausbruch des Weltkrieges trat ich
sofort als Kriegsfreiwilliger ein und kämpfte in der Schlacht bei Langemark
mit, wurde im Feldzug verwundet, ausgezeichnet und befördert.
Ende 1916
wurde ich wegen Kriegsbeschädigung entlassen und trat in den geistlichen Beruf
ein. 1918 wurde ich vom Armee-Oberkommando aufgefordert zwecks Bekämpfung
der bolschewistischen Agitation in Warschau, kam aber nicht mehr dorthin, da
inzwischen die Revolution ausbrach.
Ich habe seit
1918 in Wort und Schrift für den Wiederaufbau des Deutschen Reiches gekämpft,
u. a. in viel beachteten Artikeln des „Tag“ zum Beispiel „Kraft aus dem Sinn
des Opfers“ – „Ewiges Deutschland“ usw. In meiner geistlichen Tätigkeit im
Pfarramt in Goldbeck und später in Schlieben widmete ich mich besonders der
Fürsorge für den deutschen Arbeiterstand. Die Deutsche Arbeiterfront hat mir
ein Zeugnis ausgestellt, das ich beifüge. Ich baute auch eine Kirche, die als
erste in Deutschland die Zeichen des Dritten Reiches trug. 1933 trat ich in die
SA ein, der ich bis heute noch als Rottenführer angehöre. Mein Sturmbann II
R 72 hat mich für die Aufnahme in die Partei vorgeschlagen. Aus dem aktiven
Pfarramt schied ich 1935 freiwillig aus und bin jetzt als theologischer Pressereferent
und Mitglied des kirchlichen Presseamtes der Mark Brandenburg tätig. Ich
stelle Verbindungen zwischen der kirchlichen Pressearbeit und den deutschen
Zeitungen her, bin auch selbst schriftstellerisch tätig.
In all meinen
Handlungen habe ich mich an die Richtlinien des Herrn Ministers Kerll als
Beauftragten unseres Führers in kirchlichen Fragen gehalten.
Ich wohne seit
1936 in Berlin. Ich bin unverheiratet, habe noch einen unversorgten Bruder
(P.g.), den ich unterstütze. Mein verstorbener Vater war Parteimitglied vor
der Machtübernahme. Ich unterstütze ferner 2 angenommene arische Kinder.
Um auch die
bäuerliche Bevölkerung für den Boden des Dritten Reiches zu gewinnen, gab ich
von 1929 bis 1934 eine Zeitung „Heimat“ heraus. Mein treuester Mitarbeiter an
derselben war der jetzige Ortsgruppenleiter Rektor Schalck, Dommitsch, Träger
der Goldenen Ehrenzeichen der Partei und HJ. Eine Bescheinigung über unsere
gemeinsamen Ziele der Arbeit ist unter A beigefügt.
Berlin, den
12.Februar 1937
Alexander Centgraf
2) Personalien
aus dem Abstammungsnachweis vom 10.02.1937:
Alexander Centgraf, Berlin 35, Bülowstr.
29
3) Weitere
personenbezogene Daten:
Deckname
C–F
Theologischer
Pressereferent
Hauptberuflicher
Schriftsteller
Mitglied der SA
seit 15.10.1933 (1545
SAR 72)
Mitglied der
NSDAP seit 01.05.1937 (4825620)
Mitglied der
Reichschrifttumskammer (10381)
Anhand des
Decknamens C–F, Anfang und Endbuchstabe des Nachnamens Centgraf, waren keine
weiteren Nachforschungen im Bundesarchiv möglich.
4) Erklärungen an die Reichschrifttumskammer über Bruttoeinkommen für die Jahre 1940 – 42:
aus hauptberuflich schriftstellerischer Tätigkeit insgesamt 14126, 00 RM.
5) Bekanntgabe an die Reichschrifttumskammer wegen Wohnsitzwechsel am 12.04.1941:
Alexander Centgarf, Hohenstaufenstr. 35, W 30
Weitere
verfügbare Materialen über Alexander Centgraf sind unter BArch-NS 18/595 abrufbar; die darin
enthaltenen Dokumente stammen von den NS-Zensurbehörden. Die
Negativbeurteilung seines Manuskripts „Martin Luther als Judenfeind“ wird im Abschnitt „Archivdokumente“ vollständig wiedergegeben.
(BArch, Portraitfoto aus den Karteikarten der NSDAP-Mitglieder)
6) 05.01.1945,
Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse ohne Schwerter an Dr.
Alexander Centgraf.
Die Verleihung
der Auszeichnung bezieht sich auf seine Tätigkeit bei „kriegswichtigen
Sonderaktionen“ als freier Mitarbeiter der Antikomintern; der gesamte Wortlaut
des Dokumentes befindet sich im Abschnitt „Archivdokumente“. Ausdrücklich
hervorgehoben wird dort die „Nostradamus-Aktion“, die von Alexander Centgraf
umgesetzt wurde! Zu erwähnen ist noch, daß die Antikomintern
eine separate Propagandaabteilung im RMVP war.
1) Lebenslauf
Der zweite hier
vollständig wiedergegebene Lebenslauf von Alexander Centgraf stammt aus der
Dissertation vom 16.01.1940 (siehe unten). Damals waren die Promovierenden
verpflichtet, ihren schriftlichen Arbeiten einen Lebenslauf beizufügen.
Lebenslauf
Ich bin als Sohn
des am 11.5.1934 verstorbenen Rektors Alexander Centgraf und seiner Ehefrau
Agnes geborene Lehmann in Thale am Harz am 8. März 1893 geboren. Im Jahre 1911
bestand ich in Belgard i. Pommern, wohin mein Vater versetzt war, am dortigen
humanistischen Gymnasium die Reifeprüfung. Ich studierte dann evangelische
Theologie und Nationalökonomie in Königsberg, Heidelberg, Berlin und Greifswald.
Beim Ausbruch des Weltkrieges meldete ich mich als Kriegsfreiwilliger und
kämpfte an der Ypern – Front bis 1916. Ich wurde verwundet, zum Unteroffizier
befördert und mit dem EK. 1 ausgezeichnet. Wegen Kriegsbeschädigung
entlassen, trat ich nach bestandenen theologischen Prüfungen in das geistliche
Amt ein und war bis 1935, zuerst in Goldbeck i. Pommern und dann in Schlieben
(Niederlausitz) tätig. Im Jahre 1935 schied ich aus dem Pfarramt aus und wandte
mich dem schriftstellerischen Berufe zu, den ich schon zuvor lange Zeit nebenberuflich
ausgeübt hatte. Ich wurde Mitglied der Reichschrifttumskammer und schrieb Beiträge
für Zeitungen und Zeitschriften. Im Wintersemester 1937/38 wurde ich an der
hiesigen Universität wieder immatrikuliert. Ich studierte Zeitungswissenschaften,
Geschichte und Volkskunde. Ich hörte bei den Herren Professoren: Abb,
Ballerin, Böhm, Dovifat, Günther, Hinderer, Reinerth, Rogge, v. Rohden,
Schüssler und Spamer.
Vor allem bin
ich den Herren Professoren Dr. Emil Dovifat, Dr. Wilhelm Schüssler, D. Erich
Seeberg und Dr. Adolf Spamer für wichtige Anregungen und Ratschlägen zu stetem
und großen Dank verpflichtet. Ferner verdanke ich den Herren Propst zu Berlin
Otto Eckert, dem Direktor der Lutherhalle in Wittenberg lic. theol. Oskar
Thulin und seinem Mitarbeiter Gerhard Jordan wertvollen Rat und Förderung.
Berlin, am 24.
Mai 1939 Alexander
Centgraf
2) Bestätigung des Belgarder Aufenthaltes
Das Belgarder
Adressbuch (heute Bialogard/Polen) aus dem Jahre 1927 weist einen Eintrag über
seinen Vater auf. Es wurden alle Einwohner eingetragen, die älter als 14
Jahre waren. Alexander Centgraf junior ist in diesem Adressbuch nicht
verzeichnet, denn seit 1918 übte er ein geistliches Amt in Goldbeck i. Pommern
aus.
Nachname:
Centgraf
Vorname:
Alexander
Geschlecht: M
Beruf: Rektor i.
R.
Adresse:
Bahnhofstr.2
Bemerkungen: ohne
3) Nachweis der
Berliner Wohnadresse 1942 – 43
Zu beachten ist,
daß in den „Berliner Einwohnerverzeichnissen“ nur Haushaltsvorstände
und Hauptmieter registriert wurden. 1944 und 1945 wurden keine öffentlichen Verzeichnisse
mehr erstellt, da aufgrund der großflächigen Kriegsschäden und deren Folgen
eine Registrierung der Berliner Bevölkerung unmöglich wurde. Diese
Verzeichnisse sind in einer Mikrofiche–Sammlung der ZLB oder aber unter http://adressbuch.zlb.de/ abruf- und ausdruckbar.
Eine eingehende
Ortsbesichtigung ergab, daß große Teile der Altbausubstanz des Bayrischen
Viertels im Berliner Stadtteil Schöneberg während der Bombardierungen durch
die Alliierten und den Kampfhandlungen von 1945 zerstört wurde. Die entstandenen
Schäden waren so gravierend, daß selbst Straßenverläufe beim Wiederaufbau
geändert werden mußten. Die nicht wieder zu errichtenden Altbauten wurden im
Verlaufe der 1950er bis 1960er Jahre durch Neubauten ersetzt.
Der Wohn- und
Gewerbekomplex in der Hohenstaufenstr. 35 sowie einige andere Häuser auf der
Nordseite der Straße weisen hingegen keinerlei Spuren massiver Gewalteinwirkungen
auf.
4) 1937/38 – 1941, Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität
Berlin, heute Humboldt Universität Berlin
Laut dem „Verzeichnis
der Studierenden“ (Mikrofichesammlung der HUB) war Alexander Centgraf vom
Wintersemester 1937/38 bis zum Ende des Trimesters 1941 immatrikulierter
Student der Fachschaft Kulturwissenschaften.
Studentenkarte Alexander Centgraf (Archiv der HUB)
5) 16.01.1940,
Dissertation
Martin Luther
als Publizist. Geist und Form seiner Volksführung. HUB, Alexander Centgraf,
Phil. Dissertation vom 16.01.1940.
Die Dissertation
wurde u. a. auch veröffentlicht vom Institut für Zeitungswissenschaften der Friedrich-Wilhelms-Universität, Schriftenreihe
„Zeitung und Zeit“ N. F., Reihe A, Band 14“. Siehe auch: „Jahresverzeichnisse der Hochschulschriften, Band 56, Jahrgang 1940“ unter „Berliner Universität“.
Im Lebenslauf der
Dissertation brachte Alexander Centgraf zur Geltung, daß er sich, nachdem er
1935 aus seinem Pfarramt ausschied, dem schriftstellerischen Beruf zuwandte.
Außer in der „Bibliographie der
Deutschen Zeitschriftenliteratur, 1940, Band 86, S. 667“ waren keine weiteren Zeitungs– bzw.
Zeitschriftenbeiträge von ihm aufzufinden. Im Gegensatz dazu ist aus den
Dokumenten der Reichschrifttumskammer-Akte zwischen 1933 bis 1937 eine rege
Publikationstätigkeit von Zeitungsartikeln zu ersehen.
Zeitschrift
„Evangelischer Religionsunterricht“, Jahrg. 51, Nr. 40
Behandlung
der Kriegsbriefe gefallener Studenten im evangelischen Religionsunterricht, (A. Centgraf)
6) 1942 erschien in Arnhem/Holland das Nostradamus-Buch von A. de Tombre alias Dr. Alexander Centgraf.
Voorspellingen
die uitgekomen zijn: Michel Nostradamus spreekt in 1558 over het verloop en
den uitslag van dezen oorlog, A. de Tombre, Arnhem 1942
Diese Publikation
war Teil der oben beschriebenen europaweiten Kampagne. Alexander Centgraf
betrat die Bühne der Nostradamus-Propaganda jedoch erst, als Karl E. Krafft und
Hans Hermann Kritzinger in diesem Zusammenhang an Bedeutung verloren, da
beide Autoren nach der Flucht von Rudolph Hess unter Generalverdacht standen.
Aus Alexander
Centgrafs Büchern, die nach dem Krieg erschienen, ist zu entnehmen, daß er
Karl E. Krafft persönlich kannte. Er behauptete insbesondere einen vergeblichen
Versuch, der zur seiner Freilassung führen sollte, nachdem dieser von der
Gestapo inhaftiert wurde. Die biographische Recherche zu Alexander Centgraf
ergab jedoch bislang keine eindeutigen Resultate in der Frage, wann genau und
unter welchen Umständen sie sich in Berlin begegneten.
Eine inoffizielle
Kooperation zwischen beiden Personen ist anhand der zwei auffälligsten
Indizien sehr wahrscheinlich:
a) Karl E. Krafft, Hans Hermann Kritzinger, Lage Fabian
Wilhelm Staël von Holstein und Alexander Centgraf sind die einzigen,
namentlich identifizierbaren Autoren, deren Nostradamus-Schriften als
Broschüren und Bücher im europäischen Ausland publiziert und vertrieben
wurden. Diese Publikationen weisen eine identische, inhaltliche und
propagandistische Intention auf und wurden in den jeweiligen Landessprachen
in Spanien, Portugal, Rumänien, Ungarn, Belgien, Frankreich, Holland, Dänemark
und Schweden im legalen Buchhandel verkauft. Alle hier genannten Personen
waren Mitglieder der NSDAP und der Reichschrifttumskammer.
Die Annahme einer Zusammenarbeit zwischen
Karl E. Krafft und Hans Hermann Kritzinger hingegen ist deshalb eher
problematisch, da aus dem Inhalt einer sehr umfangreichen Akte des PAAA zu
Karl E. Krafft deutlich zu ersehen ist, daß zwischen diesen „Berufskollegen“
im Rahmen der Nostradamus-Propaganda zumindest zeitweise ein starkes
Konkurrenzverhältnis herrschte.
Die Verbreitung von Propaganda-Schriften,
die für das Ausland bestimmt waren, fiel in die Kompetenz der
Informationsstelle des A. A. Für die jeweiligen Autoren, die keinen
Beamtenstatus innehatten, war die Mitgliedschaft in der Reichschrifttumskammer
obligatorisch. Ein eindrucksvoller Beleg für diesen Umstand findet sich in
der Personalakte von Karl E. Krafft (BArch (ehemals BDC), SSO Krafft Karl Ernst, 10.05.1900). Im Antrag auf Mitgliedschaft
vom 07.09.1940 ist unter 14. zu lesen:
14. Übersetzungen
Titel der
Übersetzungen
Comment Nostradamus a-t-il
l’avenir de l’Europe
wann erschienen
vorges. für
Oktober 1940
Verlag
Noch
unbestimmt
(Brüssel, im
Auftrag des Ausw. Amt)
b) Da Alexander Centgraf seinen Lebensunterhalt ausschließlich
mit der „freien“ Schriftstellerei bestritt, muß er ein sehr starkes Interesse
daran gehabt haben, seinen Auftraggebern auf möglichst schnellem und kurzem
Wege ein druckreifes Manuskript abzuliefern. Denn im Laufe der Jahre 1941/42
hatte er herbe Mißerfolge einzustecken, da die NS-Zensurbehörden mindestens
drei seiner Manuskripte nicht zur Publikation zuließen. Nach der Verhaftung
von Hans Hermann Kritzinger und Karl E. Krafft im Zuge der „Aktion Hess“
erschloß sich für Alexander Centgraf jedoch die Möglichkeit, sich auf einem zu
diesem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich konkurrenzlosem Feld zu profilieren.
Seine behauptete Intervention bei der Gestapo, die zur Freilassung von Karl
E. Krafft führen sollte, könnte demnach durchaus in dem Motiv begründet gewesen
sein, ein Vertrauensverhältnis zu Anna Theresia van de Koppel aufzubauen, das
geeignet war, ihre Kooperationsbereitschaft zu sichern.
Karl E. Kraffts Ehefrau, Anna Theresia
Krafft van de Koppel, stammte ursprünglich aus Zeist bei Utrecht und wäre
theoretisch in der Lage gewesen, das Manuskript von Alexander Centgraf auch
nach der Verhaftung ihres Ehemannes ins Niederländische zu übersetzen. Mit
einiger Wahrscheinlichkeit ist auszuschließen, daß außenstehende Personen
einen derartigen Übersetzungsauftrag erhielten, denn das Thema Nostradamus-Propaganda
unterlag einer strikten Geheimhaltungspolitik. So war z. B. auch die Einfuhr
von im Ausland vertriebenen Propagandaschriften ohne offizielle Genehmigung
untersagt.
Nach Kriegsende lebte Anna Theresia Krafft
van der Koppel bis weit in die 50er Jahre in München. Sie übertrug zwischen
1952 – 57 drei katholisch–theologische Werke von Romano Guardini vom Deutschen ins
Niederländische. Dieser Sachverhalt ist als Beleg dafür zu werten, daß sich
Anna Theresia Krafft van de Koppel schon vor dem Beginn dieser Tätigkeit
profunde Kenntnisse in der literarischen Übersetzung erwarb.
Am 12.03.1954 überreichte sie dem IFZ ein
Gedächtnisprotokoll zum Lebenslauf ihres Ehemannes, da sie beabsichtigte,
einen Entschädigungsprozeß in die Wege zu leiten. In diesem Dokument findet
sich auch ein aussagekräftiger Abschnitt über Karl E. Kraffts Rolle bezüglich
der Nostradamus-Propaganda.
In den
europäischen Bibliotheken sind nur noch drei Exemplare des holländischen Nostradamus-Buches
von Alexander Centgraf zu ermitteln – in der Königlich Niederländischen
Bibliothek Den Haag, in der Hamburger Universitäts- und Staatsbibliothek sowie
in der Berliner Staatsbibliothek.
Dem „Brinkman’s Catalogus van Boeken, 1941 – 1945, S.
826“ ist jedoch zu entnehmen,
daß es in dem damals legalen holländischen Buchhandel erschien, der von der
deutschen Besatzungsbehörde nach strengsten Kriterien überwacht wurde.
Die Durchsicht
zahlreicher weiterer Nationalbibliographien sowie Online-Recherchen mit
international kooperierenden Verbundkatalogen ergab, daß der angegebene
Autorenname A. de Tombre nicht weiter zu bestätigen ist.
Anhand des in der
BSB (Na 7716/50) archivierten Exemplars wird jedoch unbestreitbar
deutlich, daß es sich dabei um ein Pseudonym handelt. Denn dort finden sich
zwei handschriftliche Notizen, die die Unterschrift von Alexander Centgraf aufweisen.
Über die
Beweggründe, weshalb sich Alexander Centgraf namentlich in einer Schrift, die
unter einem Pseudonym publiziert wurde derart exponierte, kann nur spekuliert
werden. Tatsache ist jedoch, daß die sichere Auflösung des Autorenpseudonyms
A. de Tombre heute ein Ding der Unmöglichkeit wäre, wenn er darauf verzichtet
hätte, Besitzanspruch auf seine „Kriegstrophäe“ zu erheben.
Wesentlich
einfacher ist jedoch zu erklären, wie Alexander Centgraf in den Besitz eines
Exemplars dieser Schrift kam, deren Einfuhr generell untersagt war. Denn die
deutschen Gesandtschaften hatten die Anweisung, für die im Ausland publizierten
Propaganda – Schriften Belegexemplare nach Berlin zu senden. Aus diesem Grund
sind in den Katalogen der Deutschen Bibliothek hunderte von Titel abrufbar,
die von der Deutschen Informationsstelle des A. A. oder von der
Auslandsabteilung des RMVP erstellt und weltweit publiziert wurden.
„Der
Preußischen Staatsbibliothek als Geschenk überreicht vom Verfasser Dr.
Centgraf“
„1942 verfasst von Dr. Alexander Centgraf,
Berlin W.30 Hohenstaufenstr. 35“
Die Adressenangabe
in Notiz 2 ist identisch mit den Einträgen der „Berliner Einwohnerverzeichnisse“
aus den Jahren 1942/43!
Des weiteren ist auch mit den „Berliner Titeldrucken“ des
Jahres 1942! der bibliographische Nachweis zu
erbringen, daß es sich bei A. de Tombre ausschließlich um Alexander Centgraf
handelt.
Berliner
Titeldrucke, 1942, Band L – Z, S. 848
Tombre, A. de 1942 (Pseud.) s. Centgraf Alexander (42.21787)
Berliner
Titeldrucke, 1942, Band A – K, S. 144
(Centgraf Alexander) – Vorspellingen die uitgekomen zijn. Michel Nostradamus spreekt in 1558 over het verloop en den uitslag van dezen oorlog. (Schutzumschl. Door A. de Tombre d. i. Alexander Centgraf) – Arnhem: Hyman, Stenfert Kroese & van de Zande (1942) 99 S. 8° (Umschlagt:) Vorspelling van Nostradamus uit het jaar 1558. (42.21786)
Bei den Bänden
der „Berliner Titeldrucke“ handelt es sich um ein Gemeinschaftsunternehmen
aller Preußischen Bibliotheken, die deren Erwerbungen verzeichnen – diese korrespondieren
auch mit den internen Erwerbskatalogen der einzelnen Bibliotheken. So ist für
die Archivare in vielen Fällen nachvollziehbar, woher abgegebene Archivalien
stammen und von wem diese an die Bibliotheken überreicht wurden.
Eine weitere
wichtige Funktion dieser Bände bestand seit jeher auch darin, Autorenpseudonyme
möglichst aufzulösen, und die tatsächlichen Verfasser von Literatur bekanntzugeben.
Aus dem Eintrag
des Bandes A – K, 1942 ist deutlich ersichtlich, daß ein Mitarbeiter der BSB
mit einer handschriftlichen Notiz vermerkte, daß Alexander Centgraf der Autor
des Titels ist (siehe Notiz 3). Diese handschriftliche Notiz wurde also
hinzugefügt, bevor die „Berliner Titeldrucke, 1942“ veröffentlicht
wurden!
Der
Bibliographischen Auskunft der BSB zufolge war es zu keinem Zeitpunkt gängige
Praxis, zur Archivierung überreichte Bände mit handschriftlichen Notizen zu versehen.
Die einzige Ausnahme war dann gegeben, wenn die Mitarbeiter zu der Überzeugung
kamen, daß es sich beim angegebenen Autor um ein Pseudonym handelt, dessen
Identität zweifelsfrei ist.
„d. i. Alexander Centgraf“
7) Ende August
1943, Aufenthalt in Kiew
Ein weiterer
relevanter biographischer Rückschluß ergeht aus der antisemitischen
Hetzschrift: „Ein Jude treibt Philosophie, Verlag Paul Hochmuth
Berlin, 1943“
(BSB 50 MA 17965).
Diese wurde von Alexander Centgraf nachgeschoben, nachdem sein Manuskript „Martin Luther als Judenfeind“ am 29.04.1942 von den NS –Zensurbehörden nicht
zur Publikation zugelassen wurde.
Vorwort
Manch einer
wird jetzt, da wir im Zenit des größten aller Kriege stehen, die Frage stellen,
ob es eigentlich nötig ist, ein solches Büchlein wie das vorliegende zu
schreiben.
Weiniger nahm
sich ja selbst 1903 als 23 jähriger das Leben und wenn auch sein Buch ein
großer Publikumserfolg war, wie viele oder besser wie wenige interessieren sich
noch heute dafür?
Zugegeben,
daß dieser Einwand berechtigt wäre, darf aber niemand vergessen, daß der
seelische Aufbau der arischen Kulturvölker ein feines geistiges Gewebe ist.
Wird ein jüdischer Faden unmerkbar mit hineinverwoben, so wird dieser immer
wieder Grund neuer Verknüpfungen und Verwicklungen sein, deren Tragweite oft
nicht abzusehen ist. Diesen Faden zu knüpfen ist Weiniger gelungen. Von seinem
Buch „Geschlecht und Charakter“ führt eine Linie über Freud eine Linie zu
Magnus Hirschfeld, und hier wird immer die Frau zu einem Menschen niederen
Grades gestempelt und darüber hinaus seelisch und geistig geschändet. Gerade
aber heute, wo die Frau unter Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit mit uns um
die politischen und geistigen Fundamente eines neuen Europas kämpft, sind wir
es ihr als Kameradin schuldig, daß wir mit einem so gefährlichen jüdischen
Intellektuellen wie Otto Weiniger gründlich abrechnen.
z. Zt. in
Kiew, Ende August 1943 Dr.
Alexander Centgraf
Bis zum 06.11.1943
befand sich die ukrainische Hauptstadt unter deutscher Besatzung. Alexander
Centgraf kann sich demnach höchstens 2 Monate dort aufgehalten haben, da er
sonst Gefahr lief, in sowjetische Kriegsgefangenschaft zu geraten, für die es
in seiner Biographie jedoch keinerlei Anhaltspunkte gibt.
Mit Sicherheit
ist jedoch auszuschließen, daß er aus eigenem Antrieb nach Kiew reiste. Zur
fraglichen Zeit erhielten Zivilpersonen ohne besonderen Auftrag keine Reisegenehmigungen
in die besetzten Gebiete des Ostens. Trotz intensiver Nachforschungen im
BArch war die Frage nicht zu klären, weshalb Alexander Centgraf nach Kiew
reiste. Denkbar ist jedoch ein journalistischer Auftrag, da er in seinen
Nostradamus-Büchern der Nachkriegszeit erklärte, der Reichssendeleiter Eugen
Hadamowsky (RMVP) sei sein Chef gewesen. Die Richtigkeit dieser Angabe ist als
Indiz dafür zu werten, daß er sein holländisches Nostradamus-Buch im Auftrag
des RMVP verfaßte, denn in den entsprechenden Aktenbeständen des PAAA waren
keinerlei Hinweise dazu aufzufinden. Daß dem tatsächlich so war, ergeht aus einem
Schriftdokument, dessen zufällige Auffindung einer Mitarbeiterin des BArch R zu
verdanken ist, die mich über dessen Existenz unaufgefordert
informierte und mir eine entsprechende Kopie zusandte.
8) 10.07.1949,
Nostradamus–Artikel in der Sonntagsbeilage „Der Kurier, Nr. 158“, Erscheinungsort
Berlin
Nostradamus und Berlin Dr. Alexander Centgraf
Der
Zeitungsartikel ist inhaltlich eher unbedeutend und läßt keine weiteren Anhaltspunkte
zu Alexander Centgrafs Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges erkennen.
Interessant ist jedoch der Umstand, daß dieser Artikel von einem Mitarbeiter
des Berlin Document Center in Alexander Centgrafs
Personenakte der Reichschrifttumskammer eingefügt wurde.
9) 1950 – Gegenwart,
nachweisbare Briefkorrespondenzen und Publikationen
1950, Die älteste
gedruckte Hexenbibel gefunden: Goethe entnahm ihr das Hexeneinmaleins, A.
Centgraf
22.05.1950, Brief
an Hermann Hesse
Der Brief von
Alexander Centgraf an Hermann Hesse ist für die hier dargestellten Zusammenhänge
zweifellos von öffentlichem Interesse. Er tritt dort als Bittsteller auf,
da er sein fertiggestelltes Nostradamus-Manuskript in Berlin nicht
veröffentlichen könne. Bezeichnenderweise teilte er Hermann Hesse zwar mit,
daß er zu diesem Thema schon vor einigen Jahren publizierte, verschwieg aber
gleichzeitig, daß es sich dabei um eine pronazistische Propagandaschrift handelte.
Dafür warb er mit seiner Dissertation aus dem Jahre 1940. Aber auch hier
vermied er es, den kompromittierenden Titel dieser Schrift anzugeben. Er gab
lediglich die unverfängliche Hauptüberschrift „Luther als Publizist“ an; das völkerverhetzende Pamphlet „Ein Jude treibt Philosophie“ verschwieg er vorsorglich ganz.
Außerdem beklagte
er seine aktuelle Situation, denn nicht näher beschriebene Kriegsereignisse
hätten ihn in einen kleinen Ort der Sowjetzone verschlagen. Mittlerweile ist
es als gesichert anzusehen, daß Alexander Centgraf schon Ende 1943 wieder nach
Schlieben, also in einer seiner ehemaligen Pfarrgemeinden, zurückkehrte.
Dort sei er mehrmals
verhaftet und erst freigelassen worden, als er nachweisen konnte, daß er einige
seiner Kameraden aus dem Konzentrationslager befreien und eine weitere
ebenfalls nicht genannte Person vor der Erschießung retten konnte??!! Er läßt
den Empfänger seines Briefes aber darüber im Unklaren, wo und wann dies
geschehen sein soll.
In Schlieben
befand sich das KZ und Zwangsarbeiterlager HASAG (Hugo Schneider AG), die
drittgrößte Außenstelle des KZs Buchenwald, in dem überwiegend Juden, aber
auch Sinti und Roma sowie politische Kriegsgefangene interniert wurden. Die
HASAG war in der Zeit des Zweiten Weltkrieges der größte örtliche Arbeitsgeber,
der mindestens 200 Schliebener Bürger als Zivilangestellte beschäftigte. Da
bislang aber keinerlei Anhaltspunkte dafür zu erkennen sind, daß Alexander
Centgraf überhaupt in irgendeiner Weise mit diesem KZ zu tun hatte, sind seine
behaupteten Lebensrettungsaktionen und die erlittenen Repressalien durch die
Sowjetbesatzung bis zur Auffindung und Publikation von gegenteiligen Beweisen
als kalkulierte Tatsachenverdrehungen (um nicht zu sagen unverschämte Lügengeschichten) zu werten, die ausschließlich der Aufwertung
seiner Person dienen sollten.
Ob Hermann Hesse
diesen Brief jemals beantwortete, war nicht festzustellen; Tatsache ist, daß
sein 600 Seiten umfassendes Manuskript nicht in der Schweiz veröffentlicht
wurde. Aus Auszügen ist jedoch zu entnehmen, daß er sich vom leidenschaftlichen
Nazipropagandisten zum Kalten Krieger wandelte. Er gehöre keiner Partei an,
außer der der Menschlichkeit und strebe mit der Veröffentlichung seines Manuskripts
keinen Reichtum an. Vielmehr ginge es ihm bei der Herausgabe seines Werkes um
die menschlichen Ziele, denn er könne auf Grund der Nostradamschen
Prophezeiungen eine konfliktreiche Zukunft bis zum Jahre 2200 erkennen.
1952, Geschichte
der Kirche und Propstei Schlieben, Centgraf, Dr. Alexander
(unveröffentlicht).
Das
unveröffentlichte Manuskript liegt als vollständige Kopie vor. Der
Aufbewahrungsort des Originals ist mir bekannt, kann hier jedoch nicht benannt
werden!
Zu lesen ist in
seinem Manuskript u. a.:
Pfarrer Centgraf hatte zuerst schwere Angriffe von
dem nationalsozialistischen Ortsgruppenleiter Brennicke zu erleiden. Als er
aber der Kirche nichts von ihren Rechten und ihrer Botschaft nehmen liess,
änderte er seine Haltung und besuchte fleissig den Gottesdienst und nahm am
Abendmahl teil. (Zitat: S. 168)
Am 21. April
1945 rückte die Vorhut der Roten Armee, von Naundorf herkommend, in Schlieben
ein, am 22. folgten mehrere Divisionen. Die Beschreibung dieser kritischen
Stunden und Tage wird einem späteren Chronisten vorbehalten bleiben, zumal es
wichtig ist, erst von diesen Dingen Abstand zu nehmen.
Der Nazibügermeister Knoche ließ seine Stadt und sein Amt feige im Stich. Der Stützpunktkommandant, der verstorbene Leutnant d. R. Paul Krause verhinderte die Ausführung wahnwitziger Befehle, nach denen Schlieben bis zum letzten Blutstropfen gehalten werden sollte. Auch kirchliche Kreise haben die Katastrophe verhindert dadurch, dass die weiße Fahne am Kirchturm gehisst wurde. Ein plötzlich erscheinendes Detachement des sogenannten Freikorps Adolf Hitler (12 schwerbewaffnete Männer und 3 Frauen) holten die weiße Fahne noch herunter, bald aber war sie wieder oben zu sehen. So blieb Blutvergießen in einer offenen Stadt erspart.“ (Zitat: S. 170)
Der Autor dieses kirchengeschichtlichen Abrisses,
dessen Wohnung in Berlin durch Bombenangriffe schwer beschädigt und daher unbewohnbar
wurde, befand sich seit Ende 1943 wieder in Schlieben und hat all die Nöte der
grossen Katastrophe miterlebt. Auch er hat versucht, so gut er konnte die
Herzen aufzurichten. Durch Vertrauen der Bevölkerung zum Stellvertreter des
Bürgermeisters und Standesbeamten erwählt, hat der Verfasser leider die
traurige Pflicht gehabt, die erschütternden Einzelheiten bei den über siebzig
Fällen von Selbstentleibungen zu untersuchen. (Zitat: S. 170 – 171)
III. Teil , Anhang Verzeichnis der Geistlichen
Alexander Max Centgraf, von 1929 - 1935
Centgraf wurde am 8.3.1893 als Sohn des Rektors
Alexander Centgraf und seiner Ehefrau Agnes geborene Lehmann, welche aus Schlieben
stammt, in Thale am Harz geboren. Er besuchte die Gymnasien in Sorau N. L. und
Belgard in Pommern. Von 1911 – 1914 studierte er in Königsberg, Heidelberg,
Berlin und Greifswald Theologie und Nationalökonomie. Als Kriegsfreiwilliger
nahm er am 1. Weltkrieg (Langemarck) teil. Das erste theologische Examen
bestand er 1914 in Stettin
1917 ebenda. 1918 wurde er Pfarrer in Goldbeck, Ephorie Dublitz
i. Pommern. In Schlieben trat er sein Amt am 1. April 1929 an. Unter ihm fand
die große Kirchenrenovation in den Jahren 193/34 statt. Am 1. September 1935
schied er aus dem Pfarramt aus, studierte nochmals in Berlin und legte am
13.Juli 1939 in der philosophischen Fakultät das Doktorexamen mit einer Dissertation ???? „Luther als Publizist“ Referent Prof.
Dovifat, Korreferenet Prof. D. E. Seeberg. Die Doktorarbeit erschien als Buch
bei Moritz Diesterweg, Frankfurt a. Main.
Dr. A. Centgraf ist mit Frieda geborene Recknagel,
der Tochter Kaufmanns Karl Recknagel und seiner Ehefrau Klara Telefski, beide
verstorben, seit dem 17. Mai 1941 verheiratet und lebt jetzt als freier
Schriftsteller in Schlieben.
Aus den Lebensläufen
von Alexander Centgraf (Dissertation und Reichschrifttumskammer) ist zu
ersehen, daß er bis 1935 als evangelischer Pfarrer in den Städten Goldbeck in
Pommern und Schlieben in der Niederlausitz tätig war. Außerdem rühmte er sich
damit, daß er in Deutschland die erste Kirche erbaute , die
nationalsozialistische Zeichen des Dritten Reiches trug; gemeint war damit die
evangelische Martinskirche in Schlieben. Aus dem unveröffentlichten
Manuskript geht hervor, daß er dort am 1. April 1929 sein Amt als Geistlicher
antrat. In den Jahren 1933/34 fand unter seiner Leitung eine Kirchenrenovation
statt, bei der Bleiglasfenster mit Hakenkreuzsymbolen in die Fassade
eingesetzt wurden; ein selbst für damalige Zeiten einmaliger Vorgang, an den
heute niemand mehr gerne erinnert wird!
Der
Aufbewahrungsort eines Originalfotos zu den fraglichen Bleiglasfenstern ist mir
bekannt, kann jedoch nicht benannt werden. (Zusendung einer privaten Quelle aus Schlieben
am 14.11.06)
Bei den zu erkennenden Daten auf
dem Foto des Bleiglasfensters unter dem salbungsvollen Spruch „UND IHR HABT
DOCH GESIEGT“ handelt es sich um einen zehnjährigen Zeitraum, in dem die NSDAP
die politische Macht in Deutschland an sich reißen konnte. Am 12.11.1923 wurde
Adolf Hitler nach dem gescheiterten Putsch vom 09.11.1923 in München von der
Regierung der Weimarer Republik inhaftiert. Der 09.11.1933 war der Tag, an dem
man das „10. Jubiläum“ dieser Ereignisse feierte. Zwei Tage später, also am
12.11.1933 erhielt die NSDAP bei den Wahlen nahezu 100 % der Stimmen und
putschte sich somit wiederum „demokratisch legitimiert“ an der Macht. Der
weitere Verlauf der faschistischen Machtergreifung bis 1945 ist hinlänglich
bekannt.
Alexander
Centgraf schrieb in seinem unveröffentlichten Manuskript zu den
Bleiglasfenstern folgendes:
Ein Fenster
an der Südseite, eine Stiftung des Landrats, trug ein nationalsozialistisches
Symbol, das inzwischen durch das kirchliche A und O ersetzt worden ist. Über
dieses Fenster ist oft diskutiert worden. Leider können wir die vergangene
Epoche nicht aus der Geschichte ausstreichen: von der evangelischen Seite her
gesehen, war die Komposition dieses Fensters gewiss ein Mißgriff. Allerdings
ist nicht zu vergessen, dass der Staat über seine Verpflichtungen hinaus aus
der Arbeitslosenfürsorge zur Durchführung des Baues Mittel zur Verfügung
stellte, ja zuerst von allen Anträgen das Schliebener Projekt genehmigte, damit
diese Gelder den Werktätigen und ihren Familien zugute kamen. (Zitat: S. 166)
Wie oben schon
erwähnt, kam Alexander Centgraf schon Ende 1943 wieder nach Schlieben. Dies
bedeutet, daß er unmittelbar nach seinem Aufenthalt in Kiew dort eintraf und
sich mindestens 13 Jahre nach dem Kriegsende in dieser Stadt aufhielt. Der
Grund für diesen Umzug kann jedoch keinesfalls, wie oben schon nachgewiesen,
darin gesehen werden, daß seine Berliner Wohnung im Stadtteil Schöneberg durch
Bombenangriffe unbewohnbar wurde. Vielmehr ist davon auszugehen, daß er
spätestens während seines Aufenthaltes in der ukrainischen Hauptstadt erkennen
mußte, daß seine Träumereien von einer arischen Weltordnung wie Seifenblasen
zerplatzten. In Berlin wieder angekommen, wird er es mit der Angst zu tun
bekommen haben und hat sich deshalb, erahnend was da noch kommen möge, wieder
ins relativ sichere Schlieben abgesetzt, wo sowohl seine Mutter als auch seine
Ehefrau herstammten.
Bürger der Stadt
und Umgebung wiesen mich in persönlichen Gesprächen darauf hin, daß man sich
sehr wohl, wenn auch mit gemischten Gefühlen, an Pfarrer Centgraf erinnere
und seine Person bis heute äußerst umstritten sei. Noch vor dem Mauerbau sei er
in den Westen, vermutlich nach Süddeutschland gezogen.
Diese Vermutung
wurde vom Turm-Verlag, der ab 1968 Alexander Centgrafs Nostradamus-Bücher
verlegte, aufgrund einer Anfrage bestätigt. In einer Email-Nachricht vom
04.10.06 wurde mir mitgeteilt, daß Alexander Centgraf im Jahre 1967 in Waldkraiburg, einer
sehr kleinen Ortschaft ca. 60 Kilometer östlich von München, lebte. Eine
weitere private Quelle teilte zu Alexander Centgrafs Sterbedatum folgendes
mit:
A. Centgraf ist am 18.12.1970 in Kraiburg (bei
Waldkraiburg) in dem damals noch existierenden Krankenhaus gestorben. Das
ehemalige Krankenhaus ist heute ein Altersheim. Die Ehefrau von Alexander
Centgraf ist im Juli 1970 im Krankenhaus Mühldorf verstorben. Ob es Kinder
gegeben hat ist nicht bekannt, aber vermutlich nicht, denn als für das Grab
keine Gebühren mehr bezahlt wurden, wurde es aufgelöst (nach 15 – 20 Jahren).
Es gibt also in Kraiburg oder Waldkraiburg keine Grabstelle und auch keine
Nachkommen der Familie.
Im Jahre 1956
betätigte er sich noch als Organisator zu den Feierlichkeiten des 1000-jährigen
Stadtjubiläums. Die ehemalige SED-Kreisleitung habe ihm jedoch Redeverbot
erteilt, was die Bevölkerung zu massiven Protesten veranlaßt haben soll. Dies
führte wiederum dazu, daß das Verbot nicht durchsetzbar gewesen sei. Spuren
für seinen Aufenthalt in Schlieben sind bis 1963 auch in den „Heimatkalender, Kreisleitung des
Kulturbundes zur demokrat. Erneuerung Deutschl.“ aufzufinden.
Laut der
Personalakte der EKM erhielt Alexander Centgraf am 20.11.1962 im Zuge der
Familienzusammenführung von den DDR-Behörden die Erlaubnis, nach
Westdeutschland zu ziehen. Ab dem 02.12.1962 hielt er sich dann in Bad Aibling
bei München auf.
1953, erste
Nachkriegspublikation zum Thema Nostradamus unter dem Pseudonym N. Centurio.
Im „Deutschen Bücherverzeichnis, 1951 – 1955, Bande
29, S. 685“ wurde bekannt gegeben,
daß es sich bei N. Centurio um ein Pseudonym handelt und der Leser wurde auf
das Stichwort „Nostradamus“ im Band 30 verwiesen. Dort findet sich auf S.
1437 der Titel:
1953, Nostradamus, Der Prophet der Weltgeschichte,
N. Centurio, Berlin Schikowski
Dieses Buch
erschien bis Anfang der 1990er Jahre in etlichen erweiterten und überarbeiteten
Fassungen sowohl im Berliner Schikowski – Verlag als auch im Bietigheimer
Turm-Verlag.
1962,
Zeitschriftenartikel in „Materia
medica Nrodmark ; XIV (1962), 2“
Von
Nostradamus eigener Hand: ein Bericht über die große Pest in Aix im Jahre
1546 und über ein von ihm erfundenes wirksames Pestmittel / A. Centurio
1977, Die großen Weissagungen des
NOSTRADAMUS, Prophetische Weltgeschichte bis zum Jahr 2050, N. Alexander Centurio
1977 veröffentlichte
der Turm–Verlag einen neuen Titel mit einem leicht veränderten Pseudonym, das
ohnehin schon sehr früh als solches erkannt wurde. Dieser Titel ist bis heute
bei der Random House/Bertelsmann-Verlaggruppe unter ISBN-10: 3-442-11772-0 sowie
ISBN-13: 978-3-442-11772-7 bestellbar.
Des weiteren erschienen ab 1981 auch in Holland! diverse
Publikationen zum Thema Nostradamus unter dem Pseudonym N. Alexander Centurio.
Die Gesamtzahl der seit 1953 verkauften Bücher ist nicht annähernd zu
schätzen, dürfte jedoch erheblich hoch sein.
Die Auflösung der
Autorenpseudonyme von Alexander Centgraf ist auch über die Online-Katalogdatenbank ILTIS bei der Deutschen Bibliothek abrufbar:
NORMDATEN:
Personenname (108141985)
Centgraf, Alexander
Beruf/Funktion: Dt. Historiker und Philologe
Verweisungsformen:
Centurio, N. Alexander [Pseud.]
Centurio, N. [Pseud.]
Centgraf, N. A.
28.12.1981, Spiegel–Artikel “Weg mit euch; ihr Astrologen!” Der
Katastrophenhellseher und das Geschäft mit der Panik
Das Wochenmagazin
„Der Spiegel“ druckte in der Ausgabe Nr. 53 vom 28.12.1981 einen
zu Recht sehr kritischen Nostradamus–Artikel ab, wobei der ausschlaggebende
Anlaß war, daß damals acht Bücher fraglichen Inhalts zu diesem Thema auf den
Büchermarkt drängten und überaus erfolgreich waren. Das Buch von N.
Alexander Centurio belegte zum damaligen Zeitpunkt unter der Kategorie Lizenzerscheinungen
den 7. Platz in der Spiegel-Bestsellerliste.
Die unmittelbare
Ursache dieser aufgeregten Besorgtheit um das geistige Wohlergehen der
bundesrepublikanischen Bevölkerung war der reißende Absatz eines Nostradamus-Buches
in Frankreich, das offensichtlich ähnlich gelagerte Befindlichkeiten herrief,
wie die Nostradamus–Propaganda der Nazis nur 41 Jahre zuvor.
Innerhalb
kürzester Zeit produzierte und vermarktete der herausgebende Verlag in der
rekordverdächtigen Auflagenhöhe von 600000 Exemplaren.
.... Zu einem Nostradamus-Boom
kam es 1981: Der 46 Jahre alte französische Autor Jean Charles de Frontbrune (ein Pseudonym) hatte
in Fortsetzung der Nostradamus-Exegese seines Vaters, Max de Frontbrune, 1980
ein Buch mit dem Titel «Nostradamus
– Historien et Prophète» auf den Markt gebracht
und, in dem er, durch Computer-Techniken unterstützt, die Quatrains des Sehers
von 1555 bis 2000 lückenlos historischen Ereignissen zuordnete, retrospektiv
bis zum Jahr des Erscheinens, prognostisch für die zwanzig Jahre, die uns noch
von der Jahrtausendwende trennen. Der Autor, ein überzeugter Monarchist, hat die Erwähnung des Wortes «la
rose» (die Rose war bereits zu Giscards Regierungszeit Symbol der französischen
Sozialisten) für die Prognose in Anspruch genommen, die Sozialisten kämen
an die Macht. Thérèse de Brosse in der Redaktion von «Paris Match» versprach
ihm ein Interview, wenn er recht behalte. Er hatte Glück: Im Juli 1981 wurde
es von dem bekannten Magazin veröffentlicht und löste einen Verkaufsboom aus.
Innerhalb weniger Wochen wurden aus bisher mühsam verkauften 6000 Buchexemplaren
600000. Selbst Mitterrand, so berichteten die Zeitungen, las das
Katastrophenbuch, das vom Regierungswechsel profitierend, in Frankreich eine regelrechte
Hysterie auslöste. Kein Wunder: de Frontbrunes Elaborat sagt eine Folge von
Katastrophen für die kommenden Jahre voraus. Der Papst solle in Lyon ermordet
werden, ein dritter Weltkrieg ausbrechen, eine sowjetisch-islamische Invasion
Europa bezwingen, Paris werde von der zurückflutenden Roten Armee verbrannt,
Avignon Hauptstadt, die Fünfte Republik werde spätestens 1984 blutig
zusammenbrechen. Am Ende werde Europa unter der milden Hand des
(Übrigens
ist der Monarch der Endzeitkatastrophen ein wiederkehrendes Motiv der «Großen
Weissagung» – ein
von Hübscher eingeführter Begriff.) Wohlhabende Kreise in Frankreich
bereiteten Fluchtquartiere vor, es herrschte eine allgemeine Nervosität.
«Paris
Match» veranstaltete eine Umfrage, die ergab, daß 70 Prozent aller
Es
konnte nicht ausbleiben, daß der Boom in die Reihen der deutschsprachigen Verlage
überschwappte. Der Spiegel zählt sie auf:.....
(Zitat: „Hans Bender,
Zukunftsvisionen, Kriegsprophezeiungen, Sterbeerlebnisse, R. Piper & Co
1986“, S. 43 – 44)
In dem o. g.
Spiegel-Artikel wurde darauf hingewiesen, daß es sich bei N. Alexander Centurio
um einen verstorbenen bayrischen Philologen namens Zentgraf handelt. Der genannte
Familienname wurde vom Verfasser des Artikels entweder schlecht recherchiert
oder aber falsch wiedergegeben; es hätte heißen müssen: Centgraf!
Eine
biographische Recherche mit der Schreibweise Zentgraf, ein in der BRD relativ
häufig anzutreffender Familienname, hätte zu keinerlei verwertbaren Resultaten
geführt. So stehen laut www.telefonbuch.de bundesweit Hunderte von Einträgen auf dem Nachnamen
Zentgraf nur etwa knapp 20 Einträge gegenüber, die auf Centgraf lauten.
28.06.1962, Brief von Alexander Centgraf an Ellic Howe.
Im Sommer 1962
las Ellic Howe das Nostradamus-Buch von Alexander Centgraf und stolperte dabei
über seine Anekdoten aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihn „nicht überraschten, aber sehr amüsierten“. Deshalb nahm er Briefkontakt zu ihm auf und erhielt
tatsächlich eine in gutem Englisch abgefaßte Antwort. Alexander Centgraf
wußte einiges über Karl E. Krafft zu erzählen und seine Darstellungen deckten
sich in diesem Fall mit denen eines Akademikers namens F. G. Goerner, der
einige Zeit lang mit Karl E. Krafft zusammenarbeitete und mit ihm inhaftiert
war; die entsprechenden Passagen aus dem Antwortschreiben wurden in Ellic
Howes Buch zitiert.
Prof. Dr. Hans
Bender, ehemaliger Leiter des Lehrstuhles für Psychologie und ihre
Grenzgebiete an der Universität Freiburg, der sowohl Karl E. Krafft als auch
Ellic Howe persönlich kannte, bewertete diese Arbeit aus heutiger Sicht
übertrieben lobend. Denn Ellic Howe besaß weder inhaltliche Kenntnisse zu den
Aktenbeständen des BArch und des PAAA, noch hatte er einen Gesamtüberblick über
die Schrifterzeugnisse der Nostradamus-Propaganda.
Ellic Howe hat in dem oben erwähnten Buch jede
Einzelheit der okkulten Szene im Hintergrund des Nazi-Regimes mit einer kaum
zu fassenden Akribie aufgezeichnet. Das Buch ist ein historisches Dokument. (Zitat:
„Hans Bender, Zukunftsvisionen, Kriegsprophezeiungen, Sterbeerlebnisse, R.
Piper & Co 1986“, S. 49)
Daß Ellic Howe
historische Pionierarbeit leistete, ist durchaus zuzugestehen, denn bisher
erwiesen sich alle relevanten Einzelinformationen, die er 1965 erstmals
publizierte, als überaus zutreffend. Den einzigen bisher zu identifizierenden
Mißgriff leistet er sich, als er berichtete, daß er ein Exemplar des
Nostradamus-Flugblattes zu sehen bekam, das die deutsche Luftwaffe in der
ersten Jahreshälfte 1940 über französischem Territorium abwarf – er gab nämlich
nicht an, wo und wann genau er dieses Exemplar zu sehen bekam. Darüber hinaus
versäumte er es im Gegensatz zu anderen seltenen Schriftdokumenten, das
Flugblatt zu fotokopieren und in seinen Publikationen zur
Nostradamus-Propaganda wiederzugeben.
Ich suchte vergeblich nach Abbildungen dieser
Flugblätter, bekam jedoch nur eines zu sehen, das seinen typographischen
Merkmalen nach in Belgien oder Frankreich gedruckt worden war. Es zeigt ein
Dutzend Knüttelverse, die zwar Nostradamus zugeschrieben werden, mit den
Prophéties jedoch nichts zu tun hatten, und es ist unwahrscheinlich, daß Krafft
etwas mit der Herstellung dieses Machwerkes zu tun hatte. (Zitat: „Uranias
Kinder. Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich“, 1995, S.249)
Auch scheiterte
Ellic Howe aus objektiven Gründen bei Aufklärungsversuchen von maßgeblichen
Sachverhalten, was folgende zwei sehr augenfällige Beispiele aufzeigen
sollen:
1) Während seiner
Recherchen zu Karl E. Krafft stellte Ellic Howe im Bonner Außenministerium Nachforschungen
an, die die Frage klären sollten, ob dort ein gewisser Dr. Wilmanns beschäftigt
gewesen sei. Er soll laut Gedächtnisprotokoll von Anna Theresia Krafft van
de Koppel Karl E. Krafft im Herbst des Jahres 1940 beauftragt haben, ein Nostradamus-Buch
zu schreiben. Das Resultat war eine Negativauskunft des A. A.
Ellic Howe standen die Geschäftsverteilungspläne
des A. A. in den frühen 1960er Jahren noch nicht zur Verfügung, weshalb er
nicht bemerken konnte, daß es sich hierbei, beabsichtigt oder nicht, um eine
falsche Information handelte. Denn in den „Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, 1937 –
1941“ wurde unter Inf. IV (Informationsstelle, Referat
IV) ein Dr. Wilmans aus dem Wirtschaftshauptamt verzeichnet. Daß es sich
dabei um einen Druckfehler handelt, geht aus zahlreichen Dokumenten der
Akte „Karl Ernst Krafft, PAAA – R
66.658“ hervor, die belegen, daß
ein Dr. Wilmanns der Informationsstelle, Referat IV, in der Tat intensiv
mit Karl E. Krafft beschäftigt war.
Die Bände der „Akten zur
Deutschen Auswärtigen Politik, 1937 – 1941“, die die Geschäftsverteilungspläne der
Informationsstelle und deren Mitarbeiter enthalten, wurden jedoch erst
publiziert, nachdem er seine Recherchen zu Karl E. Krafft in der BRD abgeschlossen
hatte. Diese zählen heute zu den Standartwerken großer Bibliotheken und sind
für jedermann zugänglich.
Doch selbst wenn seine Anfrage vom A. A.
positiv beantwortet worden wäre, ist zu bezweifeln, daß ihm der Zugang zu
Archivbeständen, die während der Nazidiktatur entstanden, gestattet worden
wäre. Denn zur damaligen Zeit war die gesetzlich vorgeschriebene Sperrfrist
von 30 Jahren für derartiges Archivmaterial noch nicht abgelaufen.
2) Bei seinem Zusammentreffen mit Hans Hermann
Kritzinger 1961 in Karlsruhe erhielt er von diesem ein Exemplar der Nostradamus-Broschüre „Der Seher aus Salon“.
Einer seiner Freunde hätte voller Verwunderung entdeckt, daß es in seiner
Manteltasche steckte, als er nach einem Kinobesuch in Teheran seine Gaderobe
abholte. Ellic Howe wurde auf Kritzingers Darstellung hin nicht etwa mißtrauisch,
sondern kommentierte dessen Darstellung lediglich damit, daß diese auf
Krafftschem Material beruhen würde. Diese Einschätzung war jedoch falsch, denn
der Autor dieser Nostradamus-Broschüre war Hans Hermann Kritzinger selbst.
Die Schriften von
Alexander Centgraf, die an der BSB und an der HUB einzusehen sind, weisen
diesen als ideologisch überzeugten Nazi-Hardliner aus. Des weiteren verfügte
er im Sinne der NS-Behörden über einen unzweifelhaften Leumund und geriet
mit diesen in keinen dokumentierten Konflikt. Er hatte also ein sehr
deutlich erkennbares Motiv, seine Bücher nach dem Krieg unter Pseudonymen zu
veröffentlichen. Seine Biographie läßt jedoch bei weitem nicht die Wertung
zu, daß es sich bei ihm um eine wichtige Persönlichkeit im Nationalsozialismus
handelte. Gerade dieser Umstand bot ihm nach dem Zweiten Weltkrieg eine
gewisse Immunität vor allzu kritischen Fragen nach seinen Aktivitäten zwischen
1939 – 1945.
Ellic Howe, der
seine Forschungsresultate weitestgehend auf die unterschiedlichsten
Zeitzeugenaussagen stützte und zu sehr auf die Person von Karl E. Krafft
fixiert war, erkannte nicht einmal ansatzweise, daß Alexander Centgraf eine
sehr aktive Rolle in der Nazi-Propaganda spielte. Eine dominierende Ursache
dafür wird sein, daß er u. a. von dem in Holland erschienenen Nostradamus-Buch
keine Kenntnis hatte, oder aber nicht in der Lage war, den tatsächlichen Autor
dieses Buches zu identifizieren. Auch die antisemitische Propagandaschrift „Ein
Jude treibt Philosophie, 1943“ zog er bei seinen Schlußfolgerungen nicht in
Betracht.
Andernfalls hätte
er die Tatsache ernster genommen, daß Alexander Centgraf in seinen Nostradamus-Büchern
der Nachkriegszeit ohne ersichtliche Gründe an maßgebliche Tatorte
zurückkehrte und dabei verwertbare Spuren mit entscheidenden Hinweisen hinterließ,
die seine Person über alle Maße diskreditieren:
1)
Er berichtete, daß er 1939 die einzig vorhandene Ausgabe der Nostradamschen
Prophezeiungen in der Berliner Staatsbibliothek in die Hand bekam. Als ihm
diese überreicht wurde, soll der zuständige Bibliotheksrat geäußert haben,
daß dieses Werk eben aus der Reichskanzlei kam. Außerdem soll zwischen den
Seiten 58 und 59 noch ein Lesezeichen gelegen haben und der Vierzeiler III, 58 sei rot markiert gewesen. Daraus schloß
er, daß Adolf Hitler diesen Vers gekannt habe. Unter „Bibliographische Angaben“ benannte er auch die exakte
Signatur dieses Werkes (Na 7590) und fügte hinzu, daß
dieses Exemplar verloren gegangen sei. Eine eingehende Überprüfung dieses
Bandes widerlegt jedoch alle Angaben nachdrücklichst:
a)
Die BSB führte zu Beginn des 20. Jhs. eine spezielle Markierung für besonders
seltenes und schützenswertes Schriftgut ein. Auch der Band Na 7590 weist auf
dem Einband ein rotes R auf, das für „Rarum“ steht. Derartige Werke gingen
grundsätzlich nicht außer Haus und Bibliotheksbenutzer konnten diese nur unter
Aufsicht einsehen – diese Handhabung wird auch heute noch praktiziert. Es ist
somit höchst unglaubhaft, daß dieses Werk in der Reichskanzlei vorgelegen
haben soll. Außerdem ergeht auch aus den „Goebbelsschen Tagesbuchaufzeichnungen“ vom 09.01.1940 ein unmißverständlicher
Hinweis darauf, daß Adolf Hitler es ablehnte, sich mit den Nostradamschen
Prophezeiungen zu befassen.
b)
Die Aufnahme von auffälligen Einzelmerkmalen der Signatur Na 7590 ergab, daß
sich dieser Band einst im Besitz der Königlichen Bibliothek Erfurth befand
und zu einem unbestimmten Zeitpunkt in die Hände des Grafen Klinckowstroem,
einem bekannten Nostradamus-Bibliographen,
überging. Insbesondere fällt eine völlig unzulängliche Numerierung der
Buchseiten auf – dieser Zustand ist in Werken des 16. und 17. Jhs. sehr häufig
anzutreffen. Dabei handelt es sich nicht um Numerierungen von einzelnen
Buchseiten, sondern um eine Doppelseitennumerierung. 14 Vierzeiler wurden
zwar von unbekannter Hand mit Bleistiftstrichen markiert, aber der Vierzeiler III, 58 weist definitiv keine behauptete Rotmarkierung
auf und befindet sich auf Doppelseite 30. Auch eine 58. Seite, auf die eine
59. Seite folgen könnte, ist in diesem Werk nicht vorhanden, was bedeutet, daß
dort auch kein Lesezeichen gelegen haben kann, als Alexander Centgraf das Buch
vorgelegt wurde. Die hier beschriebenen Sachverhalte sind anhand von
Schwarzweiß-Fotographien, die die BSB, Abteilung Historische Drucke auf
Anfrage erstellte, jederzeit nachweisbar.
c)
Da Berlin im Laufe des Zweiten Weltkrieges massivsten Luftangriffen ausgesetzt
war, sah man sich auch dort gezwungen, unersetzliche Kulturgüter in
Sicherheit zu bringen. Werner Schochow berichtete in „Bücherschicksale,
2003“ über den
Verbleib von Archivbeständen der BSB nach Kriegsende u. a. folgendes:
zwischen dem 14.12. – 18.12.1942 wurden per Eisenbahntransporte 300 Kisten
mit ausgesuchtem Archivgut in das hessische Arnsberg ausgelagert, ein Volumen
von geschätzten 40000 Druckschrifteinheiten. Darunter befand sich u. a. auch
die Signaturengruppe N-Nz. Diese ausgelagerten Bestände blieben bis zum
Kriegsende völlig unbeschädigt und wurden ab Februar 1948 in dem Marburger
Gebäude der Staatsbibliothek West eingelagert bis diese wieder an die BSB
ausgehändigt wurden.
Alexander
Centgraf suggerierte seinen Lesern mittels gezielt falschen Darstellungen,
daß der Vierzeiler III, 58 schon in der Reichskanzlei auf die Person
von Adolf Hitler bezogen wurde, was der Anlaß gewesen sei, diesen mit einer
Rotmarkierung zu versehen. Außerdem gab er seinen Lesern unmißverständlich
zu verstehen, daß dies nicht mehr überprüfbar sei. Entgegen seiner Behauptung
war der Band Na 7590 zu keinem Zeitpunkt kriegsverlustig oder galt
anderweitig als „verloren gegangen“. Dieser ist für Bibliotheksnutzer unter
gewissen Bedingungen in der Abtl. Rara der BSB einsehbar.
Die Ausführungen
eines „Zeitzeugen“ zum Vierzeiler III, 58 waren offensichtlich so
glaubhaft, daß eine intensive Überprüfung unnötig erschien. Die unmittelbare
Folge davon war, daß Alexander Centgrafs Interpretation von etlichen
Nostradamus-Autoren der Nachkriegszeit gebetsmühlenartig wiederholt wurde.
Unglücklicherweise
besteht heute keine Möglichkeit mehr nachzuvollziehen, wer sich im Laufe
des Jahres 1939 die Signatur Na 7590 ausgeliehen hat, denn die damals erstellten
Ausleihprotokolle wurden nicht archiviert. Erwägenswert ist aber, daß Alexander
Centgraf schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf dem Laufenden darüber war,
was die internen Planungen des RMVP zur Nostradamus-Propaganda betraf und
sich deshalb das nötige Wissen zum Thema Nostradamus verschaffte.
Diesen Vers kannte Adolf Hitler wahrscheinlich. Als ich in der
Staatsbibliothek Berlin im Jahre 1939 die einzig vorhandene Ausgabe der
Centurien, angeblich 1568 von Pierre Rigaud in Lyon gedruckt, in die Hand
bekam, bermerkte der zuständige Bibliotheksrat: „Eben ist dieses Werk aus der
Reichskanzlei gekommen.“ Ein Lesezeichen lag noch zwischen den Seiten 58 und 59
und diese Prophezeiung war außerdem rot angestrichen! (Zitat: „Die großen Weissagungen
des Nostradamus, 1977“, S. 199)
Bibliographische Angaben
…….
Graf Klinckowstroem hat nachgewiesen, daß die in
der Gesamtausgabe von Pierre Rigaud in Lyon angegebene Datierung mit dem Jahre
1566 eine Irreführung, wenn nicht gar eine Fälschung ist. Diese Ausgabe, von
der die Staatsbibliothek in Berlin ein jetzt verloren gegangenes Exemplar
besaß, wollte den Anschein erwecken, daß es noch zu Lebzeiten des Sehers
erschienen war. (Zitat: „Die großen Weissagungen des Nostradamus, 1977“, S. 262)
2)
In einem besonders anrüchigen Fall ist eine weitere irreführende Darstellung zu
benennen, die kaum absichtslos entstanden sein kann. Vielmehr muß dieser Fall
als offener Versuch von Geschichtsverfälschung gewertet werden.
Alexander Centgraf behauptete schon in
seinem Buch „Nostradamus, Der Prophet der Weltgeschichte“, daß er im Sommer 1944
von seinem Chef, dem Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky, nach Berlin bestellt
worden sei. Dort angekommen, sei ihm in einem streng vertraulichen Gespräch
mitgeteilt worden, daß Joseph Goebbels eine Verständigung mit den
Westalliierten anstrebe: ob nicht Nostradamus auch hier Fingerzeige und
Hilfestellung geben könne? Sodann habe Hadamovsky ihn angewiesen, umgehend
eine neue Nostradamus-Broschüre für die Engländer zu erstellen. Diese sei von
einem süddeutschen Verlag mit dem Titel „Nostradamus and England“ aufgelegt worden und soll nach Ellich Howe das
Pseudonym „Nestor“ aufgewiesen haben. Außerdem
soll Hadamovsky auf seine Bitten hin die Freilassung von KZ-Häftlingen erwirkt
haben, bevor er aus lauter Verzweiflung darüber, daß Joseph Goebbels
Bestrebungen, die von Himmler torpediert worden seien, an die Front ging.
Eugen Hadamovsky wurde schon am 12.06.1942
wegen interner Querelen im RMVP von allen Rundfunkämtern enthoben. Fortan arbeitete
er als Stabsleiter der Reichspropagandaleitung der NSDAP bis er sich im
November 1943 zur Wehrmacht meldete und eingezogen wurde. Den bekannten biographischen
Daten von Eugen Hadamovsky ist nicht zu entnehmen, daß er sich im Jahre 1944
in Berlin aufhielt. Demnach kann er Alexander Centgraf weder mit einer neuen
Nostradamus-Broschüre beauftragt haben, noch kann er die behauptete
Freilassung von KZ-Häftlingen erwirkt haben. Am 01.03.1945 kam er bei Feuergefechten
mit Rotarmisten nahe des pommerschen Dorfes Hölkewiese ums Leben. Seine
sterblichen Überreste, insbesondere seine Erkennungsmarke, wurden am
18.10.2002 vom „Verein zur
Bergung Gefallener in Osteuropa“ geborgen.
Nachdem Ellic
Howe im Jahre 1965 einige Ungereimtheiten in den Darstellungen von N. Centurio
anmahnte, verzichtete dieser in seinem Buch „Die großen Weissagungen des NOSTRADAMUS, 1977,
S. 208 - 209“ lediglich darauf
zu wiederholen, daß er der Urheber der Broschüre “Nostradamus and England“ sei. Auf die Hadamowsky-Story und seine an ihn
gerichteten Bitten um Freilassung von KZ-Häftlingen, die dann auch tatsächlich
erfolgt seien, bestand er jedoch weiter!
Auf Grund des
Gesamtkontextes ist davon auszugehen, daß die Broschüre „Nostradamus and England“ nie existierte oder nicht gedruckt und
verbreitet wurde. Bezeichnenderweise verliefen alle Ansätze, den o. g.
Titel nachzuweisen, negativ. Zu bedenken ist, daß die heutigen Möglichkeiten
bibliographischer Ermittlungen weitaus umfangreicher und effizienter als
zu Beginn der 1960er sind.
Die abstruse
Hadamovsky-Connection und die somit behauptete Nähe zur Führungsriege der
Nazis könnte jedoch die unbeabsichtigte Bestätigung dafür enthalten, daß Alexander
Centgraf zu jenem Personenkreis gehörte, der im Juli 1944 an neuem
Nostradamus-Propagandamaterial für die Engländer arbeitete. Die
Qualifikationen dazu brachte er zumindest mit, denn er war nach Ellic Howe der
englischen Sprache mächtig. Außerdem konnte er sich mit seiner holländischen
Publikation als „Nostradamus-Experte“ profilieren, der die
Arminien-Armenien-Manipulation aus politisch opportunen Gegebenheiten wieder
rückgängig machte.
Ebenfalls
scheint die Schlußfolgerung zulässig zu sein, daß es Alexander Centgraf war,
der Joseph Goebbels den Vorschlag unterbreitete, die Nostradamschen Prophezeiungen
als Propagandamaßnahme gegen die Kriegsmüdigkeit der deutschen Bevölkerung zu
nutzen. Doch dieser verwarf am 29.07.1944 den Gedanken an eine weitere Nostradamus-Schrift,
da er es „im Augenblick für nicht zweckmäßig halte, einen solchen astrologischen
Firlefanz zu drucken“. Denn zum damaligen Zeitpunkt hatte die Nazi-Führung
weitaus gravierendere Probleme, als sich Propagandacoups aus den Fingern zu
saugen. Am 06.06.1944 setzte die alliierte Invasion an der französischen
Atlantikküste ein und gleichzeitig startete auch auf den Kriegsschauplätzen im
Osten eine gewaltige Offensive der Roten Armee.
3)
Ein weiterer Anstoß, der Alexander Centgrafs intellektuelle Redlichkeit
gravierend in Frage stellt, ist sein 32 Seiten umfassendes Pamphlet „Ein Jude treibt Philosophie“ aus dem Jahre 1943.
Diese antisemitische Hetzschrift wiederholt im Kern sämtliche ideologischen
Grundzüge des nationalsozialistischen Rassenhasses und legitimiert auf
„gelehrtem Niveau“ den physischen Vernichtungskrieg.
Kaum daß der Krieg zu Ende war und die
Vernichtung von Millionen von Menschen im industriellen Maßstab das blanke
Entsetzen der Weltöffentlichkeit hervorrief, inszenierte Dr. Alexander
Centgraf eine für damalige Zustände charakteristische Reinwaschung von individueller
Schuld. Mit nur einem einzigen Satz verschaffte er sich eine
Generalabsolution und beabsichtigte, seine eigene Vergangenheit
ungeschehen zu machen. Aber auch schon zwei Jahrzehnte zuvor, als er noch in
der ehemaligen DDR lebte, befleißigte er sich dieser beschämenden Bußübung.
Hitler besetzt
die Rheinlande und schließt einen Nichtangriffspakt mit Stalin. Nostradamus
nennt mehrfach Hitler Hadrie, ein Anklang an den Kaiser Hadrian (117 – 138 n.
Chr.). Dieser zerstörte zum zweiten Male Jerusalem und verstreute die Juden in
alle Welt (132 – 135 n. Chr.). Dieselben Untaten vollbrachte der deutsche
Diktator, indem er die Juden verfolgte und Millionen vernichtete. (Zitat: „Die großen Weissagungen des Nostradamus, 1977“, S. 200)
Eine noch unmenschlichere Todesstrafe war das
BRENNEN. Dies geschah nicht nur auf dem Scheiterhaufen, sondern auf einem
glühenden Rost wurde 1501 der Jude Ephraim mit einigen anderen seiner
Glaubensgenossen durch einen entsetzlichen Justizmord vom Leben zum Tod
gebracht. Man warf diesen armen, unschuldigen Menschen vor, sie hätten die
Viehweiden um Herzberg vergiftet, so daß das Vieh krepierte. (Zitat:
„Unmenschliche Todesstrafen im Kreise Herzberg in der Vergangenheit, 1957, S.
48)
Die unten
angeführte Liste enthält nicht alle Druckerzeugnisse der Nostradamus-Propaganda,
denn beispielsweise waren trotz intensivster Nachforschungen keine Exemplare
der Nostradamus-Propagandaflugblätter aufzuspüren, die in der ersten Jahreshälfte
1940 von der deutschen Luftwaffe u. a. über dem französischem Territorium abgeworfen
wurden. Auch evtl. noch existierende Sendemanuskripte von Propagandasendungen
mit Nostradamus-Bezug, die über Geheimsender ausgestrahlt wurden, waren
bislang noch nicht zu lokalisieren.
Hier werden
ausschließlich jene Titel von Broschüren und Büchern angegeben, die mit den
gängigen Online-Verbundkatalogen nachzuweisen sind oder deren exakte Bestellsignaturen
in Bibliotheken und Archiven ermittelt werden konnten.
Wer sich nicht die
Mühe machen will, Unmengen von Nationalbibliographien durchzusehen, sollte
für Recherchen zum Auffinden von Literatur prinzipiell das Internet nutzen.
Die frei zugänglichen Suchseiten sind sehr bedienerfreundlich erstellt und
oftmals besteht auch die Möglichkeit, ermittelte Medien über Fernleihen zu
beziehen.
So bietet der
Karlsruher Verbundkatalog, kurz „KVK“, auch die Möglichkeit, einen gesuchten
Titel gleichzeitig in zahlreichen Nationalbibliotheken weltweit abzufragen.
Als besonders
effizient für Recherchen sind auch die Kataloge der Deutschen Bibliothek zu
benennen, anhand derer beispielsweise hunderte Titel von Propagandaschriften
abrufbar sind, die von der dt. Informationsstelle des A. A. weltweit vertrieben
wurden.
http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/
1) Carl Loog,
Die Weissagungen des Nostradamus, Erstmalige Auffindung des Chiffreschlüssels
und Enthüllung der Prophezeiungen über Europas Zukunft und Frankreichs Glück
und Niedergang 1555 – 2200, 6. Auflage, Johannes Baum Verlag, Pfullingen i.
Württ.
Die 1. Auflage
dieses Titels erschien zweifelsohne im Jahre 1921, nur ein Jahr darauf folgte
die 6. – 8. Auflage. Bei dem angegebenen Verfasser handelt es sich nicht um ein
Pseudonym. Dieser Umstand ist sehr bemerkenswert, denn der unveränderte Titel
wurde im Jahre 1940 in der 5. und 6. Auflage vom gleichen Verlag vertrieben,
obwohl Publikationen zu Weissagungen schon im November 1939 verboten wurden.
Dieser Sachverhalt läßt zwei mögliche Erklärungen zu:
a)
Der Verlag produzierte im Jahre 1940 mit den alten Druckplatten neue Exemplare,
deklarierte diese als 5. und 6. Auflage, welche dann auf dem Schwarzmarkt vertrieben
wurden.
b)
Die NS-Zensurbehörden duldeten den legalen Verkauf, weil der Inhalt dieser
Schrift noch nach 19 Jahren seit der Ersterscheinung einen gewissen
propagandistischen Wert aufwies. Erst nach Rudolf Hess Flucht am 10.05.1941
wurden alle Verlage, die auf astrologische und okkultistische Literatur
spezialisiert waren, geschlossen und die noch vorhandenen Bestände eingestampft.
Zu Carl Loog konnten
weder im BArch noch im PAAA überlieferte Aktenvorgänge ermittelt werden. Doch
die durchgängigen Eintragungen seiner Wohnadressen und Berufsbezeichnungen
in den „Berliner Einwohnerverzeichnissen“ zwischen den Jahren 1917 –
1932 belegen, daß es sich bei ihm um eine existente Person handelte.
Der Johannes Baum
Verlag gab im Jahre 1921 seinen Vornamen mit einer falschen Schreibweise
wieder. Dieser wies einen Carl Loog als Autoren auf, es hätte jedoch heißen
müssen Karl Loog.
2) Bruno
Winkler, Und dies geheimnisvolle Buch, 1937 Görlitz: Regulus-Verlag
3) Bruno
Winkler, Nostradamus und seine Prophezeiungen für das zwanzigste Jahrhundert,
1939 Görlitz: Regulus-Verlag
4) Bruno
Winkler, Englands Aufstieg und Niedergang nach den Prophezeiungen des großen
französischen Sehers der Jahre 1555 bis 1558, Leipzig 1940
Die Nostradamus-Schriften
von Bruno Winkler wurden, da diese inhaltlich nicht sehr relevant sind, nie
zur Auslandspropaganda herangezogen.
5) Prédictions, Que se passera-t-il entre le printemps 1940 et le printemps
1941?, Ant. Rossier,
Geneve
Diese großformatige,
acht Seiten umfassende Faltbroschüre ist heute an keiner Nationalbibliothek
nachweisbar. Diese wurde auch auf serbisch übersetzt und erschien ebenfalls
1940 in Belgrad. Originalexemplare dieser Broschüren sind unter PAAA –
R 66.658 einzusehen.
6)
Informations-Schriften Nr. 18, Die Prophezeiungen des Nostradamus, Europa-
Verlag 1940
7)
Informations-Schriften Nr. 38, Der Seher von Salon, Europa – Verlag 1941
8) Brochures ter Informatie no. 18, De vorspellingen van Nostradamus,
Europa–uitgeverij 1941
9) Information universelle N° 18, Les Prophéties de Nostradamus, Éditions
universelles, 1941
In der BSB sind
insgesamt 48 deutschsprachige Ausgaben der Informations-Schriftenreihe erhalten,
die zwischen 1940 – 1942 weltweit erschienen. Die meisten Broschüren des Europa-Verlages
weisen keinen Verfasser auf und stets ist Berlin als Herstellungsort identifizierbar:
Druck– und Verlagshaus Erich Zander, Deutsche Zentraldruckerei sowie Rotadruck
Wilhelm Meyer.
Der Urheber
dieser Propagandabroschüren war die Informationsstelle des A. A., der Verfasser der beiden Nostradamus–Titel
Dr. Hans Hermann Kritzinger.
10) Jean François Pasteur, Hoe zal deze oorlog endigen? W. J.
Ort, Gravenhage, 1940
Der tatsächliche Verfasser dieser Schrift ist nicht mit letzter Sicherheit namentlich zu ermitteln. Fälschlicherweise wird als Autor stets ein gewisser Jean Francois Pasteur genannt, der jedoch außer im „Brinkman’s Catalogus van Boeken, 1940“ nicht weiter zu bestätigen ist. Auf der Titelseite des Buches wurde lediglich mitgeteilt:
Samengesteld
uit de nagelaten geschriften van Jean François Pasteur (†)
Zusammengestellt
aus den nachgelassenen Schriften von Jean François Pasteur (†)
Unter der Signatur PAAA
– R 66.726 finden sich jedoch einige aussagekräftige Dokumente,
die zumindest die Urheberschaft dieser Schrift aufdecken: Am 21.10.1940
richtete Dr. Wilmanns eine Anfrage an die Gesandtschaft von Den Haag mit der
Bitte um Auskunft darüber, wer dieses Buch in Auftrag gab. Am 16.12.1940
erfolgte lediglich die Rückantwort, daß der fragliche Titel aus dem RMVP
stamme. Karl E. Krafft forderte schon am 12.04.1940 vier Exemplare dieses Buches
an. Diese wurden ihm am 29.04.1940 vom Militärbefehlshaber in Holland
zugesandt, worauf dieser über dessen Inhalt ein Gutachten für die
Informationsstelle IV des A. A. anfertigte. Dabei äußerte er die Vermutung,
daß diese Schrift mit höchster Wahrscheinlichkeit aus dem RMVP stamme.
Ein Exemplar der
damals in Holland verkauften Bücher ist heute an der BSB einzusehen. Auf Seite
3 wurde vom Herausgeber erwähnt, daß nur eine sehr geringfügige Auflage von 100
Stück hergestellt wurden. Da jedoch keine Exemplarnumerierung aufzufinden ist,
entsteht der Eindruck, daß man suggerieren wollte, diese Schrift sei besonders
exklusiv. Der Tätigkeitsbericht des RMVP vom 01.01.1940 – 31.08.1940 weist
jedoch eine holländische Nostradamus-Auflage von 5000 Stück auf.
Alexander
Centgraf gab in seinem holländischen Nostradamus-Buch „Voorspellingen die
uitgekomen zijn…“ zu verstehen, daß er den Inhalt des Buches von
Jean Francois Pasteur kenne. Seine inhaltlichen Kenntnisse zu einer Schrift,
die für die Auslandspropaganda bestimmt war, ist jedoch ausschließlich
aufgrund seiner Kontakte im RMVP erklärbar oder aber Alexander Centgraf war der
Verfasser einer zweiten Nostradamus-Propagandaschrift, die ebenfalls nur in
Holland zirkulierte. Diese Schlußfolgerung könnte auch eine Erklärung zu der
„Nostradamus-Aktion“ liefern, die in dem oben erwähnten Dokument der
Antikomintern ausdrücklich erwähnt wird. Demnach handelte es sich dabei um
zwei Buchpublikationen der Nostradamus-Propaganda, die in einem größeren
zeitlichen Abstand erschienen und von ein und demselben Verfasser stammen.
11) Karl
Ernst Krafft, Nostradamus sieht die Zukunft Europas, zweite Jahreshälfte 1940
– unveröffentlichtes Urmanuskript
Ursprünglich beabsichtigte die Informationsstelle die Erstveröffentlichung
dieses Manuskripts in Holland. Doch am 11.10.1940 wurde dies von dem
zuständigen Reichskommissariat mit der Begründung abgelehnt, daß zum Thema
Nostradamus schon der Titel „Hoe zal deze oorlog endigen?“ erschienen sei – PAAA R 66.726. Weitere zahlreiche
Dokumente zu Karl E. Kraffts Urmanuskript finden sich unter PAAA – 66.711 sowie
66.715.
12) Karl Ernst Krafft, Comment
Nostradamus a-t-il entrevu l'Avenir de
l'Europe ?" - Editions Snellew, Bruxelles. 1941
13)
Karl Ernst Krafft, Nostradamus predice el porvenir de Europa/Ediciones Espanolas,
1941 (Art. Gra.Diana)
14)
Karl Ernst Krafft, Nostradamus ve o futuro da Europa/Lisboa: Alma, 1941
15) Karl
Ernst Krafft, Nostradamus forudser Europas Fremtid/Kobenhavn: Trinidadstr.,
1941
Zu Kraffts
Nostradamus-Buch existieren im Internet mehrere Hinweise, die eine rumänische
Übersetzung mit dem Titel „Nostradamus
prezice viitorul Européi, Bucarest 1941“ höchst wahrscheinlich machen. Zwar war ein
Standort von Exemplaren mit gleichlautendem Titel und Verfasser bisher nicht
zu lokalisieren, aber auf rumänischen Webseiten von Antiquariaten wird das
Buch in einer im Jahre 1992 erstellten Neuauflage zum Verkauf angeboten.
Außerdem fand
sich in Karl E. Kraffts Manuskript „Der Schicksalweg des British Empire“
(siehe 17) unter „Wichtigste Veröffentlichungen des Verfassers“ ein
weiterer stichhaltiger Hinweis für die rumänische Übersetzung seines
Urmanuskriptes:
Comment Nostradamus a-t-il entrevu l’avenir de
l’Europe ?
(Edit.
Snellew/Brüssel 1941. Rumänische Ausgabe bei Nicolas Stroila/Bucarest 1941;
portugiesische und spanische Uebersetzung in Vorbereitung.
16) Karl
Ernst Krafft, Nostradamus Europa jövendőjét látja, Stádium
Sajtóvállalat Rt. – Budapest, 1941
Der holländische Forscher
Eintrag im Katalog der ungarischen
Nationalbibliothek:
123.082/Raktár
Név/nevek Krafft, Karl E.
Cím és szerzőségi közlés: Nostradamus Európa jövendőjét látja Karl
E. Krafft.
Megjelenés: [Budapest] : Stádium, [1941].
Terj./Fiz. jell.: 100 p., 8 t. 20 cm
17) Karl
Ernst Krafft, Der Schicksalsweg des British Empire, Anfang Mai 1941
Dieses Manuskript wurde weder veröffentlicht noch in andere Sprachen
übersetzt. Das erhaltene Exemplar befindet sich in PAAA – R 66.658.
18) Norab,
Nostradamus spådomar om kriget, Stockholm Bokindustrie, 1940
19) Norab,
Nostradamus prophecies about the war, Stockholm Bokindustrie aktiebolag, 1940
Das
Autorenpseudonym „Norab“ wurde bereits im „Svensk Bok – Katalog, 1936 –
1940, S. 701“ aufgelöst. Danach war der tatsächliche Verfasser dieser
Nostradamus-Schriften ein gewisser Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein (1886 – 1946), der dem schwedischen
Zweig des Aristokratengeschlechts der Stael von Holsteins entstammte.
Das Pseudonym
wurde, so sollte man meinen, mit Bedacht gewählt, denn einerseits handelt es
sich um einen geläufigen schwedischen Familienname. Andererseits ergibt
„Norab“ von hinten nach vorne gelesen den Adelstitel „Baron“, was mit
Sicherheit nicht dazu beigetragen haben dürfte, die tatsächliche Identität Staël von Holsteins lange zu verschleiern.
Des weiteren sind
anhand der Bände des „Svensk Bok – Katalog“ zwölf weitere pronazistische
Titel zu ersehen, die Lage Fabian Wilhelm Staël von
Holstein verfaßte oder übersetzte.
Bemerkenswerterweise
erkannte auch die Ausgabe der „Berliner Titeldrucke“ aus dem Jahre 1941
den Umstand, daß es sich bei „Norab“ um ein Pseudonym handelte, konnte oder
durfte es jedoch nicht auflösen.
Eine
Gegenkontrolle mit dem Katalog der BSB ergab, daß die Titel a) und e)
identisch mit jenen sind, die auch in dem oben erwähnten Tätigkeitsbericht der
Abteilung Ausland im RMVP unter dem Autorennamen Stael von Holstein
verzeichnet wurden.
a) Vår
neutralitet / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - Stockholm: Åström,
1939
b) Norden
inför världsbranden / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - Stockholm:
Neutrala Inst., 1940
c) ?Vencerá
Inglaterra? / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. – Madrid: Rubiños, 1940
d) Kan
Engeland den oorlog winnen? / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - 's -
Gravenhage: Ort in Komm., [1940]
e) Det nya
Europa / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - Stockholm: Neutrala Inst.,
1940
20) Alexander Centgraf, Voorspellingen die uitgekomen zijn: Michel Nostradamus spreekt in 1558 over het verloop en den
uitslag van dezen oorlog, A.
de Tombre, 1942
Zu der Nostradamus-Schrift von
Alexander Centgraf waren bis zum Abschluß der Archivrecherchen weder im BArch
noch im PAAA Schriftdokumente aufzufinden. Auch über den Verbleib eines evtl.
noch existierenden schriftlichen Nachlasses war nichts in Erfahrung zu
bringen.
21) Entwurf eines Nostradamus-Flugblattes, Ende
1939?
Der hier dargestellte Entwurf eines nicht verbreiteten Nostradamus-Flugblattes ist Bestandteil der in der BRD bedeutendsten Sammlung von Propagandaflugblättern aus dem Zweiten Weltkrieg, die von dem Historiker Dr. Klaus Kirchner zusammengetragen wurde; ein Originalexemplar befindet sich in der BSB und wird in der Einblattsammlung 1939/45 unter 1736. N 1 archiviert.
Das Original ist
nur auf der Vorderseite bedruckt und die Masse betragen 11cm × 12cm.
Laut Dr. Klaus
Kirchner liegen zu diesem Flugblatt weder die sonst üblichen internen
Codezeichen noch Abwurfberichte der deutschen Luftwaffe vor.
Auch der
inhaltliche Abgleich mit Walter Schellenbergs Bericht zur
Nostradamus-Propaganda legt nahe, daß es sich hierbei nicht um jenes Flugblatt
handeln kann, das nach dem 15. Mai 1940 über französischem Territorium
abgeworfen wurde.
Die Benennung des
RMVP als Urheber des vorliegenden Entwurfes scheint insoweit gerechtfertigt,
als daß der Ministerialdirigent Leopold Gutterer am 25.11.1939 beauftragt
wurde, „das Nostradamus-Flugblatt
schnellstens anfertigen zu lassen“. Die Frage, weshalb dieser Entwurf nicht zum Einsatz kam, ist in keiner
Weise zu beantworten.
Aber eine
Textanalyse ergab, daß auch hier eine Methode der Manipulation angewandt
wurde, die durchdacht und nicht sofort durchschaubar war. Denn bei den Zeilen
7 sowie 13 – 15 handelt es sich um Komplettfälschungen. Die anderen Zeilen
wurden der VIII. sowie der X. Zenturie entnommen und willkürlich ineinander
gefügt. Dabei wurden die Urtexte der einzelnen Zeilen an die heute gebräuchliche
Orthographie der französischen Sprache angepaßt.
Konsultierte
Archive und Bibliotheken:
BArch – Bundesarchiv Abteilung R
(Berlin)
PAAA –
Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (Berlin)
BSB – Berliner Staatsbibliothek
HUB – Humboldt Universität Berlin
SLA – Schweizer Literaturarchiv (Bern)
ZLB – Zentrale Landesbibliothek
Berlin
IFZ – Institut für Zeitgeschichte
(München)
IGPP – Institut für Grenzgebiete der Psychologie
und Psychohygiene e. V. (Freiburg)
Gedenkstätte Buchenwald - Archiv der Gedenkstätte Buchenwald
EKM - Kirchliche Archive und Bibliotheken in der
Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (Magdeburg)