Die Nostradamus-Propaganda der Nazis, 1939 – 1942

 

 

 

 

Die vorliegende historische Forschungsarbeit ist in völlig unabhängiger Regie entstanden. Dabei wurde die Ab­sicht verfolgt, ausschließ­lich anhand von Archivrecherchen einen Themenkomplex darzustellen, der bis­lang noch kein Ge­gen­s­tand einer sy­stematischen Ana­lyse auf der Grundlage von zeitgeschichtlichen Dokumenten war.

 

Meine Nachforschungen zur Nostradamus-Propaganda basieren zu einem gewissen Teil auch auf der Über­prü­fung von kon­kreten In­for­mationen, die der Autor Ellic Howe weitestgehend anhand von Zeitzeu­genaus­sa­gen er­mit­teln konnte und erst­ma­lig 1965 in seinem Buch „Nostradamus and the nazis: a foot­note to the history of the Third Reich“  publizierte; 1967 er­folgte eine er­weiterte Ausgabe un­ter dem Titel „Uranias Chil­dren“. Die deutsche Ausgabe ließ noch drei Jahrzehnte auf sich warten und erschien erst 1995 unter dem Ti­tel „Ura­nias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich“ (ISBN 3-89547-710-9). Obwohl das Buch auf dem Markt als ver­griffen gilt, dürfte es für interes­sierte Leser, die sich einge­hender damit be­schäfti­gen möchten, kein Problem sein, dieses über die gängi­gen In­ternet-An­tiquariate zu beziehen oder in gut sor­tierten Bi­blio­theken auszuleihen.

 

Da Ellic Howe in den frühen 1960ern nicht über einen umfassenden Zugriff auf diverse Archivbestände verfügte, ist die vor­liegende Ar­beit durchaus als Weiterführung und stellenweise auch als Korrektur einer ansonsten meis­terhaft re­cherchier­ten Buchpublikation zu verstehen.

 

Mein ganz besonderer Dank gilt all jenen MitarbeiterInnen der konsultierten Archive und Bibliotehken, ohne deren tat­krä­fige Unterstüt­zung vieles nicht möglich gewesen wäre. Dieser Dank gilt auch allen Pri­vatpersonen, die im­mer wieder wert­volle Hinweise gaben und mir unverzichtbares Material zusandten.

 

Weitere sehr aufschlußreiche niederländische bzw. und englischsprachige Dokumentationen zur Nostra­damus-Propa­ganda sind auch auf der Webseite meines Forscherkollegen Theo van Berkel abrufbar, bei dem ich mich ebenfalls für seine äu­ßerst zuverlässige und ef­fiziente Zusammenarbeit bedanken möchte.

 

 

www.nostradamusresearch.org

 

 

 

Die wichtigsten Resultate dieser Arbeit lassen sich vorab folgendermaßen zusammenfassen:

 

Die überlieferten Archivmaterialien veranschaulichen überdeutlich, daß die Nationalsozialisten der Nos­tradamus-Propa­ganda zeit­weise eine sehr hohe Priorität zumaßen, auf deren Grundlage eine euro­pa­weite Kam­pa­gne in­itiiert wurde. Fe­derführend beteiligt wa­ren daran das Pro­paganda­mi­nisterium (RMVP) und das Aus­wärtige Amt (A. A.)

 

Auch wurde die sichere Auflösung von Autorenpseudonymen möglich sowie bislang unbekannte Details zu Ein­zelper­so­nen, die darin in­volviert waren.

 

Ein inhaltlicher Schwerpunkt dieser Arbeit bezieht sich auf die längst überfällige Beantwortung der übe­r­aus interes­san­ten Frage, wes­halb sich der erfolg­reich­ste deutsche Nostradamus-Autor der Nach­kriegs­zeit, Alex­ander Centgraf, hinter Auto­renpseudonymen vers­teckte. Eines seiner Nostradamus-Bü­cher wird bis auf den heutigen Tag von Random­house/Bertelsmann vermarktet, obwohl das Ver­lags­haus detail-lierte Kenntnisse darüber hat, daß dieses unbestreit­bare Versuche von Geschichts­ver­fäl­schungen ect. en­t­hält.

 

 

 

Kurzdokumentation zu Randomhouse/Bertelsmann  

 

Dem Medienkonzern Randomhouse/Bertelsmann ist die hier vorliegende Forschungsarbeit und insbeson­dere die Per­so­nen­re­cherche zu Alexander Centgraf seit dem 19.09.06 bekannt. Am 25.09.06 reagierte die Rechtsabteilung darauf mit der Ab­sicht „meine Anregungen genauestens prüfen zu wollen“.

Inwieweit diese vollmundige Ankündigung umge­setzt wurde, ist nicht nachzuvollziehen. Das Resultat einer um­fangrei­chen Korrespon­denz ist jedoch die kategorische Wei­ge­rung, das strittige Buch von Alexander Centgraf aus dem Ver­lagspro­gramm zu entfernen oder zumindest bean­standete Textpassagen zu strei­chen. Begründung des zuständigen Hausjustitiars (emailna­chricht vom 08.11.06):

 

Sehr geehrter Herr Maichle,

 

vielen Dank für Ihre Nachfrage von heute früh.

Nach einer Durchsicht des Buchs sehe ich keine Veranlassung, mich der Einschätzung der verlegerisch Ver­ant­wortli­chen ent­gegenzu­stellen, das bislang völlig unbeanstandet seit vielen Jahren erhältliche Buch weiterhin als Lizenzaus­gabe zu pu­blizie­ren.

Wir bitten Sie deshalb, unsere im Leserinteresse getroffene Entscheidung zu akzeptieren.

 

Freundliche Grüße

 

 

Der Verlag hält es nicht einmal für nötig, dem Leserpublikum die nun bekannten biographischen Daten zu ihrem Autoren N. Alex­ander Cen­turio bekanntzugeben, was ansonsten durchaus üblich ist.

Die Ausgabe der „Junge Welt“ vom 29.11.06 sah sich deshalb veranlaßt, diesen unglaublichen Vorgang mit einem ent­spre­chend bissi­gen Artikel zu kommentieren.

Bezeichnend auch neuere Forschungsergebnisse zur Geschichte des Bertelsmann-Konzerns: eine von der Kon­zernlei­tung ein­gesetzte Historikerkommission sah sich nicht dazu imstande, die Imagelüge des Medien­konzerns historisch zu bestäti­gen, wo­nach Bertelsmann während der Nazidiktatur wegen oppositio­neller Haltung gegen­über dem Regime ge­schlossen wurde. Vielmehr war Bertelsmann der größte Lieferant von Propagandaliteratur für die Wehrmacht und zählt zu den größten Kriegs­gewinnlern überhaupt.

 

 

 

Prolog

 

Daß Nostradamus angedrohter Fluch in der berühmten „Legis cantio contra inep­tos criti­cos“ durchaus ex­tremere Formen als Erfolglo­sigkeit bei De­finitions­versu­chen seiner Ver­se anzunehmen vermag, zeigt der bei­spielhafte Fall des Schweizer Wissenschaftlers und Astrologen Karl Ernst Krafft. Jene unverhohlene Drohung richtete sich insbesondere gegen die „Astrologen, Tore und Ungebil­deten, die seinen Versen fernbleiben sollten“. Er hätte als „Nostradamus-Kenner“ besser daran getan, diese nicht zu ignorieren, denn minde­stens drei Hauptakteure der nazistischen Nostradamus-Propaganda verstarben noch vor Kriegsende eines unnatürlichen Todes.

 

Die einzig ernstzunehmende Biographie zu dieser be­rühmt-be­rüchtigten Gestalt wurde von dem sehr zuverlässigen Zeit­zeugen El­lic Howe veröf­fentlicht. Er arbeitete im Verlaufe des Zweiten Welt­krieges für den britischen Geheimdienst und war ver­antwortlich für die drucktechnische Produktion von Propagandamaterialien, was ihn in gewisser Weise zu einem di­rekten Gegenspieler von Karl E. Krafft machte. Zu der unschätzbar wertvollen Arbeit, die er nach Kriegsende zur Nostradamus-Propaganda und den darin involvierten Per­so­nen publizierte, ist jedoch noch einiges hinzuzufügen, zu ver­vollständigen und zu korrigieren. Dies wurde ausschließlich und wohl nicht zufälligerweise anhand umfangreicher Er­geb­nisse aus Nachfor­schungen in Bibliotheken und historischen Ar­chiven möglich, die sich fast aus­nahmslos in Berlin befinden.

 

Anmerkung:

Ellic Howes Recherche-Korrespondenz zu Karl Ernst Krafft wird im Londoner Warburg Institute verwahrt und ist dort einsehbar.

 

 

Der begeisterte Nationalsozialist Karl E. Krafft wurde spätestens im November 1939 vom RSHA (Reichsicherheits­hauptamt) zum Zwe­cke der ge­heimen Zusam­men­arbeit ange­worben und ließ sich bereit­willig einspannen, als es u. a. darum ging, die Nostradamschen Pro­phe­zeiungen in ge­fälschter Form als psy­chologische Waffe ge­gen die Kriegsgegner ein­zusetzen.

Die Nazis wurden auf ihn aufmerksam, weil er am 02.11.1939 ein Dossier an die deut­schen Sicherheitsbehörden kolportierte, aus dem hervor­ging, daß Adolf Hitler zwischen dem 07.11. – 10.11. 1939 sehr ge­fährdet sei. Nur sieben Tage nach Versand dieser Nachricht ex­plo­dierte im Münchner Bürgerbräukeller während einer Veranstaltung der Blutor­densträger ein Sprengsatz. Adolf Hitler verließ den Ver­an­stal­tungsort je­doch nur kurze Zeit vor der Detonation und überlebte dieses Atten­tat.

Zunächst wurde Karl E. Krafft als möglicher Mit­täter zu diesem An­schlag vernommen. Er konnte die Gestapo je­doch davon überzeu­gen, daß ihn ausschließlich seine astrologi­schen Be­rech­nungen dazu veranlaßten, das besagte Dossier zu verfassen.

Er nahm, nachdem er mit seiner Frau von Süddeutsch­land nach Berlin zog, umgehend seine Tätigkeiten für das RSHA auf.  Außer­dem ver­faßte er ein Buch, das auf der Grund­lage der Nostra­damschen Prophezeiun­gen be­weisen sollte, daß der National­sozia­lismus sieg­reich sein würde. Diese Propagandaschrift, ein beklem­mendes Schrift­zeugnis ideolo­gischer Korruption, wurde vom Auswär­tigen Amt in Auftrag gegeben und 1941 in sieben europäi­schen Län­dern aufgelegt und vertrieben. Das Urmanuskript „Nostradamus sieht die Zukunft Europas“ entstand spätestens in der zweiten Jah­reshälfte 1940, wurde jedoch im deutschsprachigen Raum nie zur Publikation zuge­las­sen.

Der „Starastrologe“ des nationalsozialistischen Establishments ge­riet je­doch sehr bald in Konflikt mit seinen Dienstherren. Anläßlich ei­ner Brief­korrespondenz mit dem rumäni­schen Botschafter in Lon­don, Virgil Tilea, kam es zu ernsten Meinungsverschiedenheiten, in deren Verlauf Karl E. Krafft die weitere Zusammenarbeit verweigerte. Naiv­er­weise ver­trat er die Auffassung, daß sein Briefwechsel eine Privat­an­gelegenheit sei, den nie­man­den etwas anginge.

Nachdem der Reichsminister Rudolph Hess die Seiten wechselte, wur­den am 09.06.1941 (Aktion Hess) alle Astrologen und Nostrada­mus-Ken­ner, derer man habhaft werden konnte, verhaftet oder in Kon­zen­trations­lager inter­niert und oftmals auch ermordet – so auch Karl E. Krafft, der zum Zeitpunkt seiner Verhaftung als Übersetzer beim Deutschen Nach­richtenbüro in Berlin beschäftigt war. Er wurde bis zum Jah­res­beginn 1945 ohne of­fizielle An­klage in fakti­scher Geiselhaft gehalten und verstarb als lä­stiger Mit­wisser am 08.01.1945.

Bisher wurde fälschlicherweise immer angenommen, daß Karl Ernst Krafft am 08.01.1945 auf dem Transport vom KZ Sachsenhausen in das KZ Buchenwald ver­starb. Der Ursprung dieser nicht exakten Angabe zu Karl Ernst Kraffts Biographie ist sehr schwer auszumachen, widerspricht jedoch Dokumenten aus dem Archiv der Gedenkstätte Buchenwald. Aus dort überlieferten Unterlagen geht hervor, daß Karl Ernst Krafft bereits schon im November 1944 von der Staatspolizei Berlin in das KZ Buchenwald überstellt wurde.

 

Krafft, Karl Ernst, geb. 10.5.00 in Basel, Dolmetscher, erfaßt als Polit. Schweizer, Häftl.nr. 99090, eingeliefert in Buchenwald am 27.11.1944 und verstorben am 8.1.1945. Der Sterbeort ist der Block 61 im Kleinen Lager von Buchenwald.

 

Folgende Kopien dieser Unterlagen zu Karl Ernst Krafft wurden mir am 21.11.06 auf Anfrage zur Verfügung gestellt:

 

- Nummernkarte aus der Schreibstube 99090

- Auszug aus der Zugangsliste vom 27.11.1944 (einliefernde Stelle: Stapo Berlin)

- Auszug Nachtrag der Veränderungsmeldung zum 27.11.1944 (Zeltlager)

- Veränderungsmeldung vom 09.01.1945 (verst. 08.01.1945, Block 61)

 

 

 

 

Der Griff ins Räderwerk der Geschichte

 

Die Faschismus-Forschung entwickelte sich seit dem Kriegsende zu hochspeziali­sierten und äußerst leistungsfähigen Teilbe­reichen der hi­storischen Wissenschaften, die auch die gegenwärtigen Zu­stände sehr argwöhnisch verfolgt und dokumentiert.

Ein monumentales Beispiel dafür, wieviel in den vergangenen Jahrzehnten über den Nationalsozialismus geforscht und geschrie­ben wurde, ist „Die Bibliographie zum Na­tio­nalsozialismus, 2000“. In diesem zweibändigen Nachschlagewerk finden sich 37077 Titel von Büchern und Dokumentationen zu allen wichtigen Themen und Aspekten der Nazidik­tatur und ihre Folgen. So kann heute kaum noch die Rede von großen und unaufge­klärten Vorgängen und Ge­heimnissen des Zweiten Weltkrieges die Rede sein. Dies ist vo­r allem den un­zähligen Aussagen von Zeitzeugen, einer Unmenge von Film- und Fotoauf­nahmen, und insbesondere dem Umstand zu ver­dan­ken, daß ein Teil der Archivbestände der na­tionalsoziali­stischen Dik­tatur nicht der Zer­störung anheim fielen.

Die überlieferte Substanz dieser Archive ist – hier sind vor allem das Bundesarchiv und das Politische Archiv des Auswärti­gen Amts zu nennen –  trotz großer Lücken noch derartig vielfäl­tig und reich­haltig, daß auch ein Themenkomplex recherchier­bar bleibt, der zu den obskursten Wechselfällen der neueren Ge­schichts­schrei­bung zu zählen ist.

Im Dezember 1939 führte Joseph Goebbels, nachdem er sich mit den Nostradam­schen Prophezeiungen befaßte, die ersten Sondierungs­gespräche u. a. mit Akademi­kern und Autoren in Sachen Nostrada­mus. Zu nennen sind hier vor allem: Dr. Hans Hermann Kritzinger, Dr. Karl E. Krafft und der Berli­ner Tele­graphen– und Postbeamte Karl Loog. Dr. Bruno Winkler, Lage Fabian Wilhelm Staël von Hol­stein und Dr. Alexan­der Centgraf werden zwar in den Aus­sagen von Zeitzeugen nicht genannt, ihre Zusam­menarbeit mit dem Propa­gan­daministerium (RMVP) in diesem Kon­text ist aber an­hand der In­halte ihrer Bücher und bibliographischer Kriterien nach­weisbar.

In diesen Vorgesprächen ging es im Kern darum herauszufinden, inwieweit diese bereit sind, mit dem RMVP zu kooperieren. Denn Goebbels benötigte dringend kom­petente Köpfe, die bereit waren, die Prophezeiungen in einer Form zu manipulieren, so daß diese als psychologische Waffe ge­gen die zukünftigen Kriegsgegner einsetz­bar sind. Das er­klärte Ziel bestand darin, den politischen und mili­täri­schen Feinden die Sinnlosigkeit jegli­chen Widerstandes zu sugge­rie­ren. Die Eupho­rie Joseph Goebbels führte sogar soweit, daß er am 09.01.1940 in seinen Tagebuchaufzeichnungen die Absicht äußerte, einen Fachausschuß einzuberufen, dem die Aufgabe gestellt wer­den sollte, geeig­netes Propagan­da­material zu liefern.

Nachdem man das Potential erkannte, wurde am 22.11.1939 jeg­liche Publikationen zum Thema Weissagungen einem strikten Verbot unterworfen, da man befürchtete, diese könnten die aktuellen Planungsausführungen behindern oder gar sabotieren. Denn schon am 30.10.1939 verlangte Joseph Goebbels auf einer Ministerkonferenz „eine Zu­sammen­stellung des astrologischen Schrifttums, um selbst zu ent­scheiden, ob darin eine Gefahr zu erblicken sei“.

Noch im gleichen Jahr erschien im Hause des Ex-Generals Lu­dendorff, dem ein­fluß­reichsten Verlag zur Verbreitung nationalsozia­listi­schen Gedankenguts, das Buch „Weis­sagungen“, das aus ideolo­gischer Sicht die gefährliche Absurdität von politischen Pro­phezeiun­gen ablei­tete. Der Autor Hermann Rehwaldt bezog dabei auch Michel No­stra­damus ausdrücklich in seinen pathologischen und kaum wie­derzu­ge­benden Ver­schwö­rungstheo­rien mit ein, was darauf hinweist, daß das Nazi-Establishment der Galionsfi­gur der politischen Pro­phetie äu­ßerst ablehnend gegenüberstand.

Nichtsdestotrotz ergeben die Namensindexe historisch unan­zweifelbarer Doku­mente zwischen 1939 – 1944 insgesamt 29 Ein­träge, die belegen, daß Nostra­damus zur Chef­sache erklärt wurde, auch wenn man dies für noch so absurd halten könnte. Aus die­sen Auf­zeich­nungen und der einschlägigen Memoiren­literatur ist ebenfalls deutlich ersichtlich, daß diese Art von Propaganda über Geheimsen­der, Flugblattab­würfe der Luftwaffe, Ket­ten­briefe, Bro­schüren und Bücher verbreitet und als sehr wirk­sam ge­wertet wurde. Aus der Sicht der NS-Propagandi­sten dürfte diese Beurteilung eine sehr reale Grundlage gehabt ha­ben, wenn gleich auch keine Bestäti­gun­gen aus unabhängigen Quellen zur No­strada­mus-Propaganda zu ermitteln waren. 

Walter Schellenberg be­schrieb in seinen Memoiren (siehe näch­ster Abschnitt) die an­gestrebte Wirkung der Nostradamus-Pro­pa­ganda als Maßnahme, welche die Flücht­lings­ströme während der In­vasion in Nordfrankreich Richtung Süden ka­nalisieren sollte. Beab­sichtigt war von den Kriegsplanern in dieser Phase der Kämpfe die militäri­sche Be­setzung der ge­samten Atlantik­küste und Nordfrank­reich. Der Süden und Süd­osten Frank­reichs wurde erst 1942 von deutschen Truppen okku­piert.

Der überdurchschnittliche Erfolg der Nostradamus-Propaganda von 1940 schlägt sich in den Tagebüchern von Joseph Goebbels bis zum Juli 1944 nieder. Zu diesem Zeitpunkt finden sich die zwei letz­ten Tage­buch­einträge zu No­stradamus.

Die europaweit geplante und ausgeführte Nostradamus-Propaganda ist am un­über­sehbarsten aus zwei Primär­quellen ersichtlich – den „Goebbelsschen Tagebü­chern – Dik­tate und Auf­zeichnungen“ und den „Protokollen der Geheimen Mini­ster­konferen­zen im Propa­ganda­ministerium“.   

Es bietet sich deshalb an, die überlieferten Tagebucheintragungen und die Tages­ord­nungspunkte der Ministerkonferenzen, die das Stichwort Nostradamus aufweisen, in der chronologischen Rei­hen­folge ihrer Nieder­schrift ineinander zufügen. Die Tages­ord­nungs­punkte der Ministerkonferenzen werden zur besse­ren Unter­scheid­barkeit in Kursivschrift wiedergegeben.

Das Resultat dieser Vorgehensweise ergibt ein sehr klares und grundlegendes Schema bezüglich des zeitlichen Ablaufs der Planung und Ausführung sowie der Be­wer­tung der No­stradamus-Propagan­dakampagne. Außer­dem wird durch die Zu­sam­menfüh­rung der obi­gen Quellen sehr deutlich hervorgehoben, daß dieser Kampagne eine enorme politi­sche Priorität eingeräumt wurde. Diese Einschät­zung wird insbeson­dere durch den Tätigkeitsbericht der Abteilung Ausland im RMVP nachdrücklichst be­stätigt. Der Be­richts­zeitraum er­streckt sich vom 01.01. – 31.08.1940 und die Ein­ze­lauf­stellungen zu ausge­lieferten Materialien der Auslandspropa­ganda zeigt auf, daß die Broschüren und Bücher zum Thema Nostra­damus die höchsten Auflagenzahlen über­haupt aufweisen!

Im krassen Gegensatz zu anderen Bereichen der Auslandspropa­ganda liefert die­ses Dokument jedoch keine spezifizierten Angaben zu den Auto­ren der Nostradamus– bzw. Flugblattpro­paganda, insbe­sondere nicht zu den Aktivitäten der Geheimsender unter Dr. Adolf Raskin. Es wurde lediglich eine Gesamtauflage von Nostradamus-Schriften (83000) und die Auflagenzahlen für einzelne Länder ver­zeich­net.

Diese Auffälligkeit ist nur dadurch zu erklären, daß Joseph Goeb­bels seine liebsten Steckenpferde in einer Weise abschirmte, die dazu geeignet war, jegliche Einfluß­nahme von außen abzublocken, die seine Propagandacoups hätten stören können.

 

22. November 1939

3. Veröffentlichungen über Weissagungen sind zu sperren. Nostradamus soll evtl. in ei­nem franzö­sischen Flugblatt verwendet werden. Gutterer soll Vorschläge dazu ma­chen.

 

23. November 1939

Gestern... Ich bin so müde und krank. Zeitig ins Bett. Noch lange ge­lesen. Nostrada­mus Prophe­zeiungen. Für uns heute sehr interes­sant. Hoffentlich stimmen die gewag­ten Kommentare. Dann hat England nichts zu lachen...

Beim Führer. Er erzählt von den Hintergründen des Attentats. Das alles wirkt wie ein Wunder. Er ist überzeugt davon, daß Otto Strasser der Hintermann ist. Aber wir decken schon noch alle Spuren auf. Jetzt kommt zuerst eine Veröffentlichung über die grenzen­lose Bla­mage des secret service.

Ich erzähle von den Prophezeiungen des Nostradamus. Sie sind für unsere Zeit gera­dezu verblüf­fend. Der Führer interessiert sich sehr dafür, aber er will sie nicht lesen...

 

24. November 1939

Gestern... Herwarth hat sehr viel Übung und Erfahrung. Er kennt die ganzen führenden Leute auf der Gegenseite. Er haßt England, wie einer das überhaupt nur kann. Ich setze ihn zuerst einmal über No­stradamus. Die ganze Welt ist voll von mystischem Aberglau­ben. Warum sollen wir das nicht ausnutzen, um die gegnerische Front zu un­terhöhlen...

 

25. November 1939

2. Gutterer berichtet über die Flugblattbroschüren für Frankreich. Er wird beauftragt, das Nostrada­mus–Flugblatt schnellstens anfer­ti­gen zu lassen.

 

5. Dezember 1939

2. Herr Bömer erhält den Auftrag, das Manuskript der Broschüre „No­stradamus“ mit Oberst v. Her­warth nochmals durchzuspre­chen. In Zusammenarbeit mit Ministeri­aldi­rektor Gutterer soll die endgültige Fassung nach seiner Rückkunft von der Reise vor­ge­legt werden. Die Broschüre soll nicht wissenschaftlichen, son­dern pro­pagandisti­schen Charakter tragen.

 

5. Dezember 1939

Gestern... Oberst von Harlan hat den No­stradamus neu übersetzt. Für unsere Aus­lands­propaganda großartig zu gebrauchen. Ich werde das gleich veranlassen...

 

13. Dezember 1939

2. Der Minister äußert sich über die Propaganda mit dem astrologi­schen Material. Die Schrift “No­stradamus“ sei großartig abge­fasst. Der Minister regt an, die Horoskope führender Männer der Westmächte zu bearbeiten. Kreuzworträtsel mit entspre­chen­den Textlö­sungen sollten verbreitet werden und ebenfalls im Ausland zur Verbreitung kommen. Die Zusammenstellung der Zahlen­my­stik wird ebenfalls für gut befunden und freigegeben.

 

14. Dezember 1939

Deutsches Weißbuch über die Kriegsschuld. Vom A. A. sehr groß angelegt und ge­schickt zusammengestellt. Das ver­fehlt seine Wir­kung nicht. Unsere beiden Geheim­sender neh­men am Samstag ihre Arbeit gegen Frankreich auf. Ich lege Programm und Redaktion fest. Das wird hinhauen. Wir arbeiten alle getarnt mit.

Nostradamus für eine Winkelbroschüre und für sogen. Kettenbriefe ausgeschlachtet. Taubert hat das großartig gemacht...

 

9. Januar 1940

Gestern... In Sachen Nostradamus setze ich einen Fachausschuß ein. Der soll mir für meine Pro­paganda das notwendige Material lie­fern...

 

16. Januar 1940

Gestern... Viel Arbeit. Ausschlachtung der Nostradamus-Verse in Zusammenarbeit mit dem Ge­heimdienst nach Frankreich und ins neutrale Ausland. Etwas wird’s hel­fen...

 

23. Februar 1940

Gestern... Nostradamus ausgearbeitet. Eine glänzende Broschüre für die Neutralen. Ganz schein­heilig und brav. Ebenso ein Propagan­da­traktat aus der hl. Schrift. Man muß die gegnerische Front mit allen Mitteln zermürben...

 

12. März 1940

Gestern... Brauweiler hat Nostradamus noch nicht in Neutralien un­tergebracht. Wir versu­chen es jetzt in Schweden...

 

27. März 1940

5. Nostradamus-Broschüre kann in der jetzigen Form erscheinen.

 

28. März 1940

Gestern... Nostradamus habe ich nun in einigen neutralen Ländern untergebracht. Ich be­komme sie dabei auch in Frankreich hinein...

 

30. März 1940

Gestern... Beim Führer. Er ist wieder mal sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Unsere Pro­paganda nach Frankreich ist besonders gut. Ich erzähle ihm von unserer Nostra­damus-Broschüre, was ihn sehr in­teressiert. Aber am Ende meint er, er werde Eng­land so oder so zu Boden schlagen. Wovon auch ich felsenfest überzeugt bin...

 

24. April 1940

4. Die Nostradamus-Broschüre ist bereits in zwei Ländern erschie­nen. Für eine wei­tere Verbrei­tung u. a. in Dänemark soll Sorge getra­gen werden.

 

25. April 1940

Gestern... Nostradamus-Broschüre nun in Holland und Schweiz er­schienen. Erregt gro­ßes Auf­sehen...

 

24. Mai 1940

4. Der Geheimsender muß in großem Umfang mit Prophezeiungen arbeiten. Der Mi­ni­ster weist auf die Prophezeiungen eines Mönchs hin, ferner auf die Sagen, die um die Loretto-Höhe ge­hen, und empfiehlt jetzt Auswertung der Nostradamus-Bro­schüre.

 

25. Mai 1940

Gestern... Wir arbeiten im Geheimsender mit Wahrsagungen insbe­sondere Nostrada­mus und bezgl. der Lorettohöhe. Daran knüpft sich soviel Aberglauben...

 

26. Mai 1940

Gestern... Unsere Panikpropaganda nach Frankreich ist sehr erfolg­reich. Nostradamus-Anhänger heißen dort schon 5. Kolonne. Das wirkt also. Wir verstärken unsere da­hinge­hende Arbeit. Einen großen Teil des Tages bin ich damit beschäftigt...

 

26. Mai 1940

1. Der Geheimsender soll in einem Aufruf die französische Regie­rung auffordern, die im Kessel ein­gesetzten Truppen nicht weiter sinn­los aufzuopfern. Ferner soll der Ge­heimsender die kommu­nistische Note etwas stärker spielen lassen, sich mit der Ar­beits­zeit (84 Stunden­woche) be­schäftigen und auch gelegentlich an­ti­semitische Po­lemik anklingen lassen – die antisemitische Note soll aber vor allem durch den Spra­chendienst etwas mehr betont werden. Endlich soll der Geheimsender die be­reits gut wirkenden No­strada­mus- Prophezeiungen weiter verbreiten.

 

27. Mai 1940

2. Herr Fritsche soll die Presse anweisen, daß über die Prophezei­un­gen von Nostra­da­mus u.s.w. jetzt nichts mehr gebracht wer­den darf, damit unsere Auslandsarbeit nicht gestört wird.

 

9. Juni 1940

2. Herr Raskin soll im Geheimsender Nostradamus anklingen lassen.

 

12. Juli 1940

Gestern... Unsere Nostradamus-Broschüre hat im ganzen Ausland größtes Aufsehen er­regt. Und kaum einer weiß, daß sie von uns stammt. Selbst das A. A. ist darauf he­rein­gefallen...

 

22. Juli 1940

4. Es wird die Frage erörtert, ob die Nostradamus-Prophezeiun­gen im offiziellen Spra­chendienst oder über die Geheimsender in Eng­land verbreitet werden sollen. Ange­sichts der den unseren entgegenge­setzten Interpretationen wird beschlossen, den Ge­heimsen­dern den Vorzug zu ge­ben. Es soll jedoch der Geheim­sender mit dem größten Hörerkreis genommen werden, in ihm soll in Etappen zu­nächst ein­mal ge­schildert werden, was Nostra­damus für frühere Zeiten richtig prophezeit habe, und allmählich soll dann auf die Pro­phezeiung hin­geführt werden, die eine Zer­störung Londons im Jahre 1940 schil­dern.

 

10. September 1940

1. Die Fliegerangriffe auf Berlin in der Nacht... Der Sprachendienst soll sich stets ver­ge­genwärtigen, daß die Londoner Bevölkerung nur 1/3 der Gesamtbevölkerung Eng­lands ausmacht, und daß es also weiter darauf ankommt auch das Hinterland zu de­moralisie­ren. Lord Haw-Haw soll heute einmal auf die Prophezeiungen des Nostra­damus hinweisen, die sich jetzt zu erfüllen scheinen.

 

19. Mai 1942

Gestern... Bernd reicht mir eine Ausarbeitung über die von uns zu betreibende okkulti­sti­sche Pro­paganda ein. Hier wird in der Tat eini­ges geleistet. Die Amerikaner und Englän­der fallen ja vorzüg­lich in eine solche Art von Propaganda herein. Wir nehmen alle ir­gendwie zur Verfügung stehende Kronzeugen der okkulten Weissagung als Mit­helfer in Anspruch. Nostradamus muß wieder einmal dran glau­ben...

 

25. Juli 1944

Gestern... Wir arbeiten an einer neuen Nostradamus-Broschüre für England. Die Pro­phezeiungen des französischen Mönches können natürlich für und gegen jeder­mann zur Anwendung gebracht werden. Aber zweifellos enthalten sie auch einiges, was für den abergläubi­schen Engländer sehr beeindruckend werden könnte, und das wollen wir aus­nutzen.

 

30. Juli 1944

Gestern... Mir wird vorgeschlagen, Teile der Nostradamus-Vierzei­ler für die deutsche Propaganda zu verwenden, wenn auch in ver­steckter Form. In der Tat gibt es bei No­stra­damus eine ganze Reihe von Weissagungen, die auf die deutsche Gegenwart und Zu­kunft in sehr positiver Weise be­zogen werden können. Trotzdem halte ich es im Au­gen­blick nicht für zweckmäßig, einen solchen astrologischen Firlefanz zu drucken.

 

 

Identifizierte Amtsträger und Mitarbeiter des RMVP:

 

Leopold Gutterer, Ministerialdirektor im RMVP, danach Staats­se­kre­tär

Prof. Dr. Karl Bömer, Leiter der Auslandspresseabteilung im RMVP

Hans Wolfgang von Herwarth, Oberst a. D., Journalist. Er war seit 1915 Mitarbei­ter der obersten Zensurbehörde in Berlin.

Dr. Eberhard Taubert, Oberregierungsrat, Referent in der Propa­gan­daabteilung des RMVP

Dr. Ernst Brauweiler, Stellv. Leiter der Abteilung  Auslands­presse im RMVP

Hans Fritsche, Leiter der Abteilung der Deutschen Presse im RMVP.

Dr. Adolf Raskin, Intendant des Deutschen Auslandfunks, Sen­de­leiter in Saar­brüc­ken, verantwortlich für die Ge­heimsender. Am 08.11.1940 stürzte sein Flug­zeug auf dem Weg nach Rumänien ab.        

Lord Haw–Haw, William Joyce, Kommentator des England­dien­stes des deut­schen Rundfunks

Bei der Namensnennung Harlan im Eintrag vom 5. Dezember 1939 (Tagebuch) han­delt es sich um einen offensichtlichen Irr­tum. (Veit) Harlan war Regisseur und Schauspieler. Er produ­zierte u. a. den Propagandafilm „Jud Süß“. Gemeint war hier Hans Wolfgang von Her­warth.

Die Abkürzung A. A. aus dem Eintrag vom 14. Dezember 1939 (Tagebuch) steht für Auswärtiges Amt.

Bei dem unter 19. Mai 1942 (Tagebuch) genannten Bernd han­delt es sich um ei­nen Schreibfehler. Gemeint war der Mi­nisterial­diri­gent Alfred-Ingemar Berndt, Leiter der Abt. Rundfunk im RMVP.

Die Loretto-Höhe, erwähnt im Eintrag des 25. Mai 1940 (Ta­ge­buch), ist eine Land­schaftserhebung nördlich der fran­zösischen Stadt Ar­ras, auf der sich heute ein Soldatenfried­hof befindet. Aus militärtaktischen Gründen war dieser mar­kante geogra­phische Punkt im Er­sten Weltkrieg stark um­kämpft. So sollen dort bis zum Ende der Kampfhandlungen über 100000 Soldaten aller Kon­fliktpar­teien ihr Le­ben verlo­ren haben. Der Hinweis auf den Aber­glauben, der sich auf die Loretto-Höhe beziehen soll, ist unklar ge­blieben.

 

 

 

Die Memoiren der Nazi–Schergen und andere ku­riose Anek­do­ten der Nach­kriegszeit

 

Der letzte Geheimdienstchef der Nazis, Walter Schellen­berg, der in seinen letzten Le­bensjahren schwer erkrankte, plauderte wie einige anderer seiner Spießgesellen auch in Sachen Nostrada­mus aus dem Nähkästchen, bevor er das Zeitliche segnete.

Nach­dem er nach Be­endigung der Nürnberger Prozesse sechs Jahre Haft absaß, ließ er sich in der Schweiz bzw. in Italien nieder und seine Person wurde in je­der Be­ziehung bedeutungslos. Weder die Alliierten noch seine ehe­mali­gen Kampfgefährten, die sich in der „Or­ganisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendien­stes sammelten, zeigten weite­res Inter­esse an ihm. Dem Kriegsver­bre­cher, der zum Ende des „Wil­helm­strassen-Prozes­ses“ wegen Liquidierung von Kriegsgefange­nen abge­urteilt wurde, scheint es des­halb ein um so drin­genderes An­liegen gewesen zu sein, sich in der Nach­welt ein ruhm­volles Ehren­denkmal zu si­chern – diese Atti­tüde ist wohl charakteri­stisch für Men­schen, die glauben, in ihrem Leben etwas ganz Beson­deres ge­leistet zu haben.

Trotz der überaus schwierig zu beantwortenden Frage, wie mit Berichten involvierter Einzelpersonen umzugehen ist, sollte ange­sichts der Prominenz Walter Schellenbergs darauf hingewie­sen wer­den, daß die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen nie prinzi­piell in Zweifel gezogen wurde, wenn gleich auch bei der Lektüre sei­nes Bu­ches auffällt, daß er in den Darstellungen relevanter Vorgänge stets ver­mied, andere Personen na­mentlich zu belasten. Da die Einlas­sung zur beab­sichtigten Wirkung der Nostradamus-Propaganda während der In­vasion in Frankreich kaum prägnanter sein kann, ist ihm mangels an­derer, vielleicht objektiveren Berichten, an dieser Stelle das Wort zu ertei­len.

So war z. B. festzustellen, daß die Nostradamus-Propa­ganda, die in Frankreich die massivsten Auswirkungen zeitigte, in den Stand­art­werken zum Zweiten Weltkrieg nicht einmal erwähnt, geschweige denn als Einzelthema aufgearbeitet wurde?! Dieses Ver­säumnis ist insofern umso verwunderlicher, als daß die seriöse Nostradamus-For­schung der letzten Jahrzehnte sehr produktive Fortschritte auf bi­bliographischem und phi­lologischem Gebiet vorzuweisen hat.

 

„Während dieser Zeit, es war etwa um den 15. Mai, erhielt ich folgen­den Auftrag: Mit ei­nem Fachmann des Propagandaministeriums sollte eine möglichst umfassende, Verwir­rung stiftende Propaganda gegen Frankreich gestartet werden. Den schnellsten und be­sten Er­folg versprach der Weg über den Rundfunk. Zufällig war der dama­lige Leiter des Saarbrücker Senders* ein guter Bekannter von mir, der sich auch sogleich bereit erklärte, mitzuwirken. Von Saarbrücken aus wurden nun drei Sender auf höchste Frequenz ge­bracht, die, als fran­zösische Sender getarnt, fortlaufend «Nachrichten» ausstrahlten. Diese stützten sich zum Teil auf Informationsmaterial unserer franzö­si­schen Agenten, zum anderen entstammten sie den eigenwil­ligen, doch höchst wirksa­men Einfällen mei­nes Saarbrücker Freun­des. Ein Beispiel dafür, wie auf diese Weise der im Norden Frank­reichs und wenig später im Pariser Becken einsetzende Flüchtlings­strom in die von uns gewünschte Richtung gelenkt wurde, stellte auch eine von uns gefertigte unscheinbare Broschüre der düsteren Weissagungen des mittelalterli­chen Astrologen Nostradamus dar. Diese wurden durch Agentenkanäle, Funk– und Flugzeugabwurf un­ter die französi­sche Bevölkerung gebracht. Wir wählten unter an­de­rem Zitate, in de­nen Nostradamus « rau­chende Feuermaschinen» pro­phezeite, die unter lautem Lärm über den Städten erschei­nen und Schrecken und Vernichtung über die Menschen bringen würden. Von uns aus pro­phezeiten wir zusätzlich, daß nur der Süden und Südosten Frank­reichs von solchem Unheil verschont bleiben werde.

Panikartig schob sich daraufhin die Masse des Flüchtlingsstroms in die von uns ange­ge­bene Marschrichtung. Die deutschen Truppen er­hielten dadurch die gewünschte Bewe­gungsfreiheit, während die Marschwege der französischen Armee erheblich blockiert wur­den.“ (Zitat:„Walter Schellenberg, Memoiren, 1959“, S. 105)

 

* gemeint ist hier Dr. Adolf Raskin

 

Der Bericht von Martin H. Sommerfeld, Hauptmann und Verbin­dungsoffizier des Ober­kommandos der Wehrmacht zur Abteilung der Auslands­presse im RMVP, ein langjähriger Teil­neh­mer der Goeb­belsschen Ministerkonferenzen, bezieht sich im we­sentlichen auf Jo­seph Goebbels Intentionen in der Planungsphase der Nostradamus-Propaganda und macht eine ausführ­lichere Kommentierung notwen­dig.

 

Da gab es um die Mitte des 16. Jahrhunderts den französischen Arzt und Astrolo­gen Michel Nostradamus, der am Hof von Heinrich II. seine “Zenturien“ schrieb, Pro­phetien für die nächsten anderthalb Jahrtausende. Wie alle zukünftigen Propheten spricht Nostrada­mus dunkel und vieldeutig, und man kann die „Zenturien“ wie die del­phi­schen Orakelsprü­che hinterher leicht übertragen, wie es einem paßt. Ist da nicht zum Beispiel eine pracht­volle Prophezeiung der Grün­dung des deutschen Kaiserreichs 1871, die in der 32. Zentu­rie also lautet:

 „Das große Reich, das früh zerstückelt/wird aus dem Inneren heraus/aus kleiner Grafschaft wachsen. / In seinem Schoß wird das Szepter ruhen.“

Und nichts ist brauchbarer für den Frankreichfeldzug 1940 als die 33. Zenturie, in der es also lautete:

„Brabant, Flandern, Gent, Brügge und Boulogne / werden vorübergehend mit dem großen Deutschland vereinigt / Doch wenn der Waffengang beendet ist, / Wird der große Fürst von Arminien Kampf ansagen / Eine Ära der Humanität göttlicher Herkunft beginnt / die Friedenszeit wird durch Einigkeit gegründet, / gefangen sitzt der Krieg auf dem halben Welt / lange Zeit wird der Frieden bewahrt.“

Behaglich lehnte sich der Minister in seinen Sessel am Kopfende des langen Konfe­renztisches im Promi zurück:

„Das ist eine Masche, an der wir lange stricken können. Ich ver­biete jeden Druck dieser Prophezeiungen des Monsieur Nostrada­mus. Sie darf nur durch Handzettel in Hand­schrift, höchstens mit der Maschine geschrieben, heimlich und in der Art der Ket­tenbriefe wei­tergelei­tet werden. Das muß durchaus verboten aussehen. Dazu münd­lich. Magische Übereinstimmung der 33. Zenturie mit dem Jahr der Machtübernahme 33, Deutung: Neu­ordnung Europas durch Großdeutschland, Besetzung Frankreichs nur vorübergehend, Groß­deutsch­land bringt das Tausendjährige Reich und den tau­sendjähri­gen Frieden. Den ganzen hanebüchenen Quatsch natürlich auch über die Sender nach Frankreich hinein.“

Dann schnippt er wieder vergnügt mit den Fingern:

„Den großen Führer aus Armenien legen wir auf Eis, bis uns der Herr Stalin aus Geor­gien den Kampf ansagt – oder wir ihm. Sonst noch Fragen und Bemerkungen zu dem Thema? Danke.“

Und die Auguren lächeln und notieren.

Ein paar Stunden später ticken schon die Fernschreiber. Ein paar Tage später da­nach bekommt man im Luftschutzkeller einen Zettel in die Hand gedrückt:„Vorsicht! Niemand zeigen Nostradamus!! –“ (Zitat: „Martin H. Sommerfeld, Das Oberkommando der Wehr­macht gibt bekannt, 1952“, S. 56 - 57)

 

Es ist davon auszugehen, daß sich Joseph Goebbels seit Ende No­vember 1939 ein gewisses Maß an inhaltlich fundierten Kenntnis­sen zu den Nostradamschen Prophe­zei­ungen aneignete, denn es ist kaum als Zufall zu werten, daß die von Martin H. Sommer­feld er­wähnte 33. Zenturie zu einem der propagandistischen Dreh– und An­gelpunkte der Nostra­damus-Kampagne wurde. Eine 33. Zenturie existiert in Nostra­damus Hinterlas­senschaften nicht; gemeint war der 94. Vierzeiler der V. Zentu­rie. In der obigen Überset­zung des Vier­zeiler­tex­tes schwingt noch jene fa­natische Begeiste­rung mit, mit der die Brandstifter ihre verderbliche Subversion betrieben. Nichtsdesto­trotz ist die über­setzte Wiedergabe im Verhältnis zum Vierzeiler-Urtext krasser Un­sinn, weil maßlos übertrie­ben.

 

V, 94
Translatera en la grand Germanie,
Brabant & Flandres, Gand, Bruges, & Bolongne:
La traisue fainte, le grand duc d’Armenie,
Assaillira Vienne & la Coloigne. 

In das große Deutschland überführen wird er,

Brabant und Flandern, Gent, Brügge und Bolongne:

Der falsche Waffenstillstand, der große Fürst aus Armenien,

Er wird Wien und Köln angreifen.

 

Die opportunen Auslegungen dieses Vierzeilers finden sich je nach politischer Groß­wetterlage in fast ausnahmslos allen No­stradamus-Schriften der nazistischen Kriegs­propaganda wieder.

Schon im Jahre 1921, also nur kurze Zeit nach den Grauen des Ersten Weltkrieges, lieferte Karl Loog zu diesem Vierzeiler einen äu­ßerst in­famen, kriegstreiberischen Kom­mentar, der es in sich hatte und an den man sich noch nach zwei Jahrzehnten er­innern sollte.

Nachdem Brabant, Flandern, Gent, Brügge und Bolongne im Jahre 1940 von den deutschen Truppen okkupiert waren, dürften sich die Kriegsplaner in all ihrem Tun sehr bestätigt gefühlt haben:

 

Die letzten beiden Zeilen sind heute noch unverständlich. Aber das geht deutlich aus dem Vierzeiler hervor, daß der Kaiser auf dem  gol­denen Throne die Grundlagen für die Welt­geltung Deutschlands legt. Einsichtsvollen Politikern der Gegenwart war es ja schon im­mer klar, daß vom Besitz der flandrischen Küste die Größe Deutsch­lands ab­hängen werde. Bemerkenswert ist, daß Nostradamus Bou­logne zum äußersten Vorpo­sten der deutschen Flotte macht. Er hat dadurch ei­nen Gedanken vorweggenommen, den Graf Zeppelin ein­mal geäu­ßert hat. Möge sich der kühne Traum erfüllen. (Zitat: „ Die Weis­sagun­gen des Nostradamus, 1921“, S. 91)

 

Nun, der kühne Traum ging 19 Jahre, nachdem der Wunsch aus­gespro­chen wurde, in Erfüllung, wandelte sich aber alsbald in einen nicht enden wollenden diabolischen Alp­traum, der bei Joseph Goeb­bels keinerlei Irritationen auslöste.

Spätestens am 22.06.1941, an jenem Tag, als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, enteisten die Propagandastrategen des RMVP den „großen Für­sten aus Ar­menien“ und ein williger Schreiberling verkündete ab 1942 in einem holländischen No­stradamus-Buch laut­hals, daß es sich bei diesem um Joseph Sta­lin handle.

Um den Vierzeiler vor Kriegsbeginn mit der Sowjetunion für die Propagandamaschi­ne­rie in eine kompatible Form zu bringen, be­diente man sich einer mikroskopischen Verfäl­schung des Urtextes, indem man nur einen einzigen Buchstaben austauschte! Somit wurde dem „großen Fürsten von Armenien“ durch Karl E. Kraffts Geistesblitze und Joseph Goebbels Direktiven die Gnade einer ganz beson­deren Metamorphose zuteil, denn dieser verwandelte sich kurzer­hand in den „großen Fürsten aus Arminien“.

Diesem geringfügigen, aber entscheidenden „chirurgischen Ein­griff“ war die verfüh­reri­sche Möglichkeit eines Rollentausches der politi­schen Hauptakteure zu verdanken – Adolph Hitler nahm vorerst den Platz von Joseph Stalin ein, denn der „große Fürst aus Arminien“ war eine offene Anspielung auf den cheruskischen Römerfresser Ar­mi­nius, mit dessen Kriegstaten die neuzeitlichen Arier bevorzugt prahlten und daraus ihre eigene Un­besiegbarkeit ableiteten. Daß Ar­minius nur ein paar Jahre nach seinem überwältigenden Sieg über die drei Varus-Legionen einem Mordkomplott der eigenen Sippe zum Opfer fiel, war dabei nie von Belang.

 

Auch der Goebbels-Biograph Boris von Borresholm verarbeitete die Vorgänge um den Vierzeiler V, 94 in einem Bericht, der Karl E. Krafft als den eigentlichen Initiator des Goebbelsschen Propaganda­coups namentlich benennt.

Seine Darstellung ist gewiß nicht frei von Dramatisierung und Ef­fekthascherei. Eine Überprüfung seiner Aussagen in Bezug auf Karl E. Krafft legt jedoch nahe, daß er ent­we­der über sehr zuverlässige Informanten verfügte, oder aber Zugang zu Internas der No­strada­mus –Propaganda gehabt haben mußte. Denn der Vierzeiler V, 94 und die daran gekoppelte Armenien–Arminien–Manipulation findet sich erstmalig in dem deutschspra­chig verfaßten Urmanuskript „No­stradamus sieht die Zukunft Europas“ wieder, das in Deutschland auch nach dem Krieg nicht publiziert wurde! Der Autor war kein ande­rer als Karl E. Krafft, der diese in der zweiten Jahreshälfte 1940 im Auf­trag des A. A. erstellte.

Die Übersetzungen dieser Schrift, die 1941 in sieben europäischen Staaten publiziert wurden, waren ausschließlich für die Auslandspro­paganda bestimmt. Es ist deshalb na­hezu ausgeschlossen, daß Boris von Borresholm schon kurz nach Kriegsende de­taillierte inhaltli­che Kenntnisse zu den Auslandsausgaben des Krafftschen Nostrada­mus-Buches hatte.

Auch seine sehr frühen spezifischen Kenntnisse darüber, daß Karl E. Krafft im Deut­schen Nachrichtenbüro als Übersetzer beschäftigt war, und daß die deutsche Luftwaffe zu Beginn des Frankreichfeld­zuges Nostradamus-Flugblätter über der Ma­ginot-Linie ab­warf, be­kräftigen nachdrücklichst, daß Boris von Borresholm unmittel­bar nach Kriegsende aus außerge­wöhnlich zuverlässigen Informations­quellen schöp­fen konnte. Denn in den erhaltenen Aktenbeständen des Deutschen Nachrichtenbüros ist Karl E. Krafft nicht als Mitar­bei­ter zu identifizieren, und Einzelexemplare der besag­ten Nostra­damus-Flugblät­ter gelten bis heute als unauffindbar.

Am auffälligsten ist jedoch, daß er von Karl E. Kraffts Brief wußte, den dieser vor dem Attentat im Bürgerbräukeller abschickte, um Adolf Hitler zu warnen. Es wäre des­halb sehr voreilig, einen wahren histori­schen Kern in seiner Darstellung prinzipiell in Abrede zu stel­len:

 

 

November 1939

 

Nostradamus

 

Am 9. November 1939 explodiert bei der Zusammenkunft der Blutor­densträger im Münchner Bürgerbräukeller sechs Minuten, nachdem Hitler mit seinem Gefolge aufge­bro­chen ist, eine Höllenmaschine. Hitler erfährt davon erst, als er schon im Sonderzug nach Berlin sitzt. Er erörtert mit Goebbels die Maßnahmen, die man treffen könnte. „Kommen Sie morgen zum Mittagessen!“ sagt Hitler, als der Zug in Berlin einfährt, „ und bringen Sie die Auslandspressestimmen mit!“

An Hitlers Tafel werden sonst politische Gespräche streng vermieden. Heute aber zieht Hitler einen Brief aus der Tasche, reicht ihn Goebbels und sagt:„ Ich bin ge­spannt, was Sie davon halten.“ Goebbels legt Messer und Gabel beiseite und beginnt zu lesen.

Der Brief ist am 2. November aus einem Dorf im Schwarzwald datiert. Der Schreiber habe sich, so heißt es darin, seit Jahren mit astrolo­gi­schen Studien befaßt und nun auch Hitlers Horoskop gestellt. Die Aspekte zeigten leider, daß das Leben des Führers zwischen dem 7. und 10. November durch Gewalt bedroht sei. Der Schreiber wisse sehr wohl, daß die Partei nichts von Astrologie halte, aber als Partei­genosse erachte er es als seine Pflicht, den Führer inständig zu bit­ten, daß er sich in den genannten Ta­gen nicht unnötig expo­niere, sondern die erhöhte Sicherheit sorgen lasse. Es folgt der Gruß „ Heil Hitler!“ und die Unterschrift Karl Ernst Krafft.

„Toll!“ sagt Goebbels kopfschüttelnd. Das ist alles. Er weiß, daß Hitler seit langem auf der Suche nach einem Seni ist. Ein Hofastrologe – das hat ihm gerade noch gefehlt. Dann würde sich Hitler seinem Ein­fluß ganz entziehen. Aber gegen den Brief ist kein Argument vorzu­bringen. Das Zusammentreffen von Horoskop und Attentat scheint überzeugend.

„Toll!“, sagt Goebbels und beginnt über die Auslandspressestimmen Vortrag zu halten.

Während der Unterhaltung über den mutmaßlichen Attentäter, die sich anschließt, bit­tet sich Himmler den Brief des Astrologen aus. Als Chef der deutschen Polizei habe er die Pflicht zu prüfen, ob jener Krafft nicht ein Mitwisser sei.

Einige Tage später ist Goebbels zu der Einsicht gekommen, daß es das Richtige ist, den Astrologen in seine Machtsphäre einzubeziehen; nur so läßt sich verhindern, daß Krafft auf Hitler einen entscheiden­den Einfluß bekommt. Er schickt einen Mitarbeiter nach dem Schwarzwald, um zu ermitteln, was von diesem Krafft zu halten ist. Ergebnis der Ermitt­lung: Krafft ist inzwischen von der Gestapo ver­haftet worden. Er lebte bisher als Überset­zer französischer Bücher.

Goebbels fragt bei der Gestapo und erfährt, daß keine belastenden Umstände be­kannt­geworden seien. Er erwirkt die Feilassung Kraffts und läßt diesen zum Wil­helmsplatz bestellen.

Als Krafft von einem Adjutanten durch den Seiteneingang – unbe­merkt vom Hausmei­ster und dem übrigen Personal – in das Arbeits­zimmer des Ministers geführt wird, empfängt ihn Goebbels mit dem Bemerken, er kenne den Brief vom 2. November. Wie Krafft dazu ge­kommen sei?

Der Brief sei, erwidert Krafft, „lege artis“ abgefaßt und nur durch die Sorge um das Wohl­ergehen des Führers eingegeben worden. Er könne nicht verstehen, wieso man ihn dafür habe einsperren können.

„Ich weiß, ich weiß“, sagt Goebbels und betont, daß gerade er Krafft aus der Haft be­freit habe. Krafft treten Tränen in die Augen. Er stammelt Worte des Dankes. „Ich bin so glück­lich, daß ich wieder ar­beiten darf.“

„Woran arbeiten Sie denn im Augenblick?“

Krafft zieht ein Manuskript hervor: „Einführung zu den Prophéties de Maistre Michel No­stradamus“ und beginnt vorzulesen. Der kleine blasse Mann mit den tieffliegenden Augen, den spindeldürren Hän­den und den langen, zurückgekämmten Haaren doziert in näseln­dem Ton.

 

                  „Translatera en la grand Germanie,
                  Brabant et Flandres, Gand, Bruges, & Boloingne:
                  La Traisue fainte, le grand duc d’Armenie,
                  Assaillira Vienne & la Coloigne.“

 

So steht es im Urtext. Nun kommt die Übersetzung:

„Weil der Waffenstillstand ein Betrug war, wird der große Führer von Arminien (vom Land des Armin) Brabant, Flandern, Gent , Brügge und Boulogne nach Großdeutsch­land über­führen, und er wird überra­schend Wien und die Rheinlande besetzen.“

 

Goebbels hält den Atem an. Der hagere Asket im schwäbischen An­zug weiß offenbar gar nicht, was für ein Kapital er darstellt.

„Wenn Sie mir in die Hand versprechen, daß Sie schweigen können, will ich Ihnen sa­gen, warum ich Sie in Zukunft gebrauchen kann.“

Krafft schlägt ein, und Goebbels erklärt ihm, er habe von nun an das Horoskop des Füh­rers genauestens zu überwachen. Sobald sich eine Gefahr zeige, müsse er sofort schriftlich an ihn, den Minister, Meldung machen. Dazu sei es natürlich notwendig, daß Krafft sich ständig in Berlin aufhalte. Er werde einen Posten in der französischen Übersetzungsabteilung des „Deutschen Nachrichtenbüros“ er­halten.

Wenige Monate später werden Millionen von Flugblättern über der Maginot – Linie ab­ge­worfen, auf denen in französischer Sprache zu lesen ist, daß Nostradamus nicht nur Hit­lers Einmarsch ins Rheinland und nach Österreich, sondern auch die Eroberung von Bel­gien und der Kanalküste prophezeit hat.

Daß die Weissagung den „Großfürsten von Armenien“ (grand duc d’Armenie) nennt und nicht den „großen Führer von Arminsland“, wer­den die Leser hoffentlich überse­hen. (Zitat: „Joseph Goeb­bels, Bo­ris von Borresholm, 1949“, S. 146 – 149)

 

Ein extrem scharfer Kontrast zu Boris von Borresholms Bericht bilden zwei Einlas­sungen des Nostradamus-Autors N. (Alexander) Cen­turio. Er widerspricht zwar einigen von Ellic Howe gesicherten Details aus Karl E. Kraffts Biographie. Beispielsweise sind die Be­hauptun­gen, Karl E. Krafft wäre ein Referent im RMVP und der astrologische Berater Adolf Hitlers gewesen, als nicht zu rechtfertigenden Non­sens zu werten. Nichtsdestotrotz können diese nicht ver­bergen, daß der Charakter seiner Verbindung zu ihm weit über den einer zufälli­gen Begegnung hinausreichte. Dieser offen­sichtliche Wi­derspruch reizt un­weigerlich zur Neugierde und wirft vielerlei Fragen auf, die nicht unbeantwortet bleiben dür­fen.

 

Es wird interessieren, daß an dieser so schwer zu deutenden Prophezeiung der bekannte Astrologe und Nostradamus-Forscher Krafft im wahrsten Sinne des Wortes gescheitert ist: Krafft hatte in dem hier genannten „Herzog von Armenien“ den russischen Diktator Stalin erkannt. Diese Deutung trug er dem Propaganda-Chef des Dritten Reiches vor, um durch Dr. Goebbels den verantwortlichen Leiter der deutschen Politik zu warnen. Hitler hat niemals ein Wort von dieser Warnung gehört, denn Dr. Goebbels verstand sich ja allzu gut auf Fälschungen. Mit seiner bekannten Beredsamkeit gelang es ihm, den nüchtern arbeitenden Statistiker Krafft davon zu überzeugen, daß nicht Stalin sondern Hitler gemeint sein müsse. Der kleine Doktor wird diese nationalistische Konjektur in eindringlicher Weise begrün­det haben, den in Krafft zutiefst verschütteten Romantiker zur Zustimmung veranlassend. Zugleich mit dieser Umdeutung gab es dann einen tragischen Berufswechsel: Aus dem Versicherungsstatistiker Krafft wurde ein Referent des nationalsozialistischen Propaganda-Apparates.

Offensichtlich war der gebürtige Schweizer Krafft diesen Anforderungen seines neuen Amtes nicht gewachsen. Es blieb kein Geheimnis, daß der Sohn und Bürger eines sprichwörtlich freien Landes sich nicht völlig gleichschalten ließ. Kraffts Ende in einem Kon­zentrationsla­ger der Nazis ist daher nicht verwunderlich. Letztlich war das Wort „Coloigne“ in der vierten Zeile  dieser Prophezeiung, das hier den Anstoß gab zum Lauf in das eigene Verderben: Es mußte als völlig ausgeschlossen angesehen werden, daß im Falle einer deutschen Niederlage Stalin vor den Westmächten bis Köln am Rhein vorstoßen könnte, also war unmöglich Stalin hier gemeint, son­dern nur eine Deutung auf Hitler denkbar. Gegen dieses Argument gab es für Krafft keine überzeugende Erwiderung, diese konnte eigentlich nur ein Deutscher geben – sie wurde gegeben! (Zitat: „Nostradamus, Der Prophet der Weltgeschichte, 1955“, S. 128)

 

Bereits im Jahre 1938 hatte der Schweizer Nostradamusforscher und Astrologe Krafft er­kannt, daß der große Führer von Armenien Stalin war. Er kam spontan zu Joseph Goeb­bels und wollte ihn warnen. Goebbels erkannte sofort, daß dieser Vers dazu geeignet war, das Glück zu korrigieren. Er beredete Krafft, statt le grand duc d’Armenie zu setzen le grand duc d’Armenie. Er machte also aus einem Führer aus Armenien einen Führer des Arminiuslandes und damit aus Stalin Hitler! Krafft ging leider darauf ein und erhielt eine Stellung als Re­fe­rent im Propagandaministerium. Gleichzeitig wurde er zum astrolo­gi­schen Berater von Adolf Hitler ernannt.

Aber der Sohn und Bürger eines sprichwörtlich freien Landes wie der Schweiz ließ sich nicht gleichschalten. Durch irrtümliche und auch bewußt unklare Prognosen suchte er die Pläne Hitlers zu durchkreu­zen. Er wurde 1944 zusammen mit seinem Freund und Schüler Gör­ner von der Gestapo wegen Sabotage verhaftet und zunächst in milder Haft in einem Büro in der Lützowstraße festgehalten. Nachdem es mir gelungen war, 1941 den Astrologen Bernd Unglaub aus den Händen der Gestapo zu ret­ten, versuchte ich das gleiche bei Krafft. Es war zu spät. Er wurde plötzlich aus Berlin abtransportiert und ist in einem KZ hinge­richtet worden. (Zi­tat: „Die großen Weissa­gungen des Nostradamus, 1977“, S. 216)

 

Die Propagandastrategen des RMVP sprachen mit ihrer Buchstabenmanipulation indes eine Wahrheit aus, die tiefgründiger nicht sein könnte. Es ist jedoch massiv an­zuzweifeln, ob sie diese jemals bewußt registrierten, ge­schweige denn beherzigten: Diktatoren, gleich­gültig ob aus Armenien oder Arminien, sind aus­tauschbare und ver­gängliche Schatten des schlechte­ren Teils der menschlichen Ge­schichte, die sich so ver­dammt er­schreckend ähneln.

Das Handlungsprinzip „Lege den einen auf Eis und wenn der an­dere seine propa­gan­distische Schuldigkeit erfüllt hat, taue diesen wieder auf und schicke ihn erneut ins Spiel“ stieß alsbald auf eine objektive Gren­ze, denn die schwindelerregenden Propa­gandaer­folge des er­sten Kriegsjahres fanden mit der Aggression gegen die So­wjetunion ein jähes Ende. Die Nostradamus-Propaganda taugte nicht mehr dazu, den Kriegsverlauf zu be­einflussen und große Bevöl­ke­rungsteile in heillose Panik zu ver­setzen. So hatte die No­strada­mus-Pro­pa­ganda mit der holländischen Schrift aus der Feder eines gewissen A. de Tombre alias Dr. Alexander Centgraf aus dem Jahre 1942 aus­gedient.

Zwei Jahre später, als der Krieg im Sommer 1944 mit der Opera­tion „Overlord“ und der sowjetischen Offensive für die deutschen Trup­pen verloren schien, erinnerte man sich noch einmal an Nostra­damus. Die Absicht, seine Prophezeiungen als Propagan­damaß­nahme in Deutschland einzusetzen, wurde jedoch aus unbekannten Gründen nicht nach­weisbar realisiert.

Erst im Jahre 1943 schlug der englische Geheimdienst in einer energischen, aber hilf­los wirkenden Geste zurück und reagierte damit sehr verspätet auf die Nostradamus-Propaganda mit einer Kom­plettfälschung der Prophezeiun­gen. Über die tatsächliche Verbrei­tung und Wirkung dieser schwarzen Propagandaschrift exi­stieren nach El­lic Howe keine Berichte.

Aus heutiger Sicht ist die Frage zu stellen, weshalb sich die Geg­ner der Weltkriegs­ag­gressoren im wesentlichen darauf be­schränkten, fast ausschließlich auf die klassi­schen Methoden der psychologi­schen Kriegsführung zurückzugreifen. Deren Propa­gandaaktivi­täten auf „okkultistischem“ Gebiet sind eher als nicht besonders einfallsrei­che Rander­scheinung zu werten. Die deutschspra­chige Literatur wies aber auch schon zu dama­ligen Zeiten eine sehr reich­haltige, volk­stümliche Weissagungstradi­tion auf, die durchaus dazu geeignet ge­wesen wäre, die Goebbelss­che Pro­pagandamaschine­rie nachhaltigst zu sa­botieren.

So geisterte z. B. schon die zu Beginn des 18. Jhs. erstmals schriftlich niederge­legte und überaus bekannte „Schlacht am Birken­baum“ umher, die eine vollständige Zerstö­rung der Stadt Köln pro­phezeit.

Doch selbst zeitgenössische Zitate prominenter Persönlichkeiten, die durchaus schon während des Zweiten Weltkrieges als sybillini­sche Orakel zu werten waren, und für die Antipropaganda der Alliier­ten von unschätzbarem inhaltlichem Wert gewesen wären, blie­ben in der psychologischen Kriegsführung unge­nutzt.

So soll sich z. B. Walter Rathenau, der 1922 in seiner Eigen­schaft als Außenmini­ster der Weimarer Republik einem Attentat zum Opfer fiel, in einer Aus­gabe der „Züri­cher Zeitung“ aus dem Jahre 1919 fol­gendermaßen zur Zukunft Deutschlands geäu­ßert haben:

 

„Wer in 20 Jahren Deutschland betritt, das er als eines der blühend­sten Länder der Erde gekannt hat, wird niedersinken vor Scham und Trauer. Die großen Städte des Altertums, Babylon, Ninive, Theben, waren von weichem Lehm erbaut, die Natur ließ sie zerfallen und glättete Boden und Hügel. Die Deutschen Städte werden nicht als Trümmer stehen, sondern halb erstorbene steinerne Blöcke, noch zum Teil bewohnt von kümmerlichen Men­schen. Ein paar Stadtviertel sind belebt, aber aller Glanz und alle Heiterkeit ist gewichen. Müde Ge­fährte bewegen sich auf dem morschen Pflaster, Spelunken sind er­leuchtet, die Landstraßen sind zertreten. Die Wälder sind abge­schla­gen, auf den Feldern keimt dürftige Saat. Häfen, Bahnen, Ka­näle verkommen, und überall stehen traurige Wohnungen, die ho­hen ver­witterten Bauten aus der Zeit der Größe... Der Deutsche Geist, der für die Welt gesungen und gedacht hat, wird Vergan­gen­heit... Ein Volk, das noch heute jung und stark ist,... ist tot.“ (Zitat: Weissa­gun­gen, H. Rehwaldt, 1939, S. 113)

 

Britische Reaktion auf die Nostradamus-Propaganda  

 

Ein Originalexemplar befindet sich im Londoner Imperial War Mu­seum. Die Faksi­mile stammt aus Ellic Howes Buch: „Die schwarze Pro­pa­ganda, 1983, S. 224“. Bei dem hier wiedergegebenen Vierzeiler handelt es sich um eine Teilfälschung, denn in der ersten Zeile des Vierzeilers III, 30 wurde lediglich ein Wort verändert.

 

Flugblatt des US-Geheimdienstes OWI / OSS (BSB Einbl. 1939/45, 9722.300)  

 

Dieses Flugblatt, in sehr geringer Auflagenhöhe in der Schweiz produziert, wurde in den Jahren 1943 – 1945 verbreitet. Der gelehrte Mönch Alfried von Wirdingen und die ihm zugeschriebene Hand­schrift sind Erfindungen des Verfassers, womit der Text die­ses Flug­blattes als schwarze Propaganda einzustufen ist.

 

 

 

A. de Tombre alias N. (Alexander) Centurio alias Dr. Alexander Centgraf 

 

I.   Akteneinsicht EKM (Evangelische Kirche Magdeburg)  

II. Akteneinsicht Bundesarchiv Abteilung R

II. Ergebnisse aus öffentlich zugänglichen Quellen

 

I. Akteneinsicht EKM (Evangelische Kirche Magdeburg) 

 

In den Archiven der EKM sind zwei sehr umfangreiche Akten zu Alexander Centgraf einzusehen.

Das Konsistorium legte zum einen 1914 eine Personalakte an, die Einträge bis ins Jahr 1962 aufweist!

Zum anderen findet sich eine weitere, Ende 1934 geöffnete Disziplinarakte, die sehr präzise die Aberkennung der geistlichen Rechte von Alexander Centgraf innerhalb der Evangelischen Kirche dokumentiert. Anlaß für dieses Disziplinarverfahren war seine überaus un­sitt­liche Lebensführung. Er wurde der Zeugung von mindestens zwei unehelichen Kindern und der Nichteinhaltung eines Eheverspre­chens beschuldigt. Nicht einmal Friedrich Peter, damaliger Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, sah sich imstande, seinen Glaubensbru­der und Parteigenossen zu protegieren, da er ein ihm gegebenes Ehrenwort für wertlos hielt.

 

1) 26.02.1935, Alexander Centgraf nimmt zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung.

 

2) 08.03.1935, Das Konsistorium beschließt die Suspendierung von Alexander Centgraf mit „dem Ziele der Entfernung aus

     dem Amt.“

 

3) 24.07.1935, Alexander Centgraf erkennt seine Amtsenthebung an.

 

4) 12.011.1936, Alexander Centgraf zieht erst über ein Jahr, nachdem er seine Amtsenthebung anerkannte nach Berlin,

     W 35, Bülowstrasse 29. Erst auf massiven Druck hin räumte er das Pfarrhaus in Schlieben!

 

Mindestens drei Anträge von Alexander Centgraf auf Wiedererlangung der geistlichen Rechte werden am 31.03.1939, am 21.01.1946 und am 05.02.1952 abgelehnt.

 

 

II. Akteneinsicht Bundesarchiv Abteilung R

 

BArch (ehemals BDC), SSO Centgraf Alexander, 08.03.1893

Karteikarten der NSDAP-Mitglieder

Parteistatistische Erhebung 1939

 

 

1) Lebenslauf

 

Ich, Alexander Centgraf, wurde am 8. März 1893 in Thale a / Ha. ge­boren. Meine El­tern waren der 1934 verstorbene Rektor Alexander Centgraf und Agnes geb. Lehmann. Ich bin rein arischer Abkunft und evangelischen Glaubens. 1911 bestand ich die Reife­prüfung am Gymnasium zu Belgard in Pommern. Ich studierte darauf Theologie und Nationalökono­mie. Bei Ausbruch des Weltkrieges trat ich sofort als Kriegsfreiwilliger ein und kämpfte in der Schlacht bei Langemark mit, wurde im Feldzug verwundet, aus­gezeichnet und beför­dert.

Ende 1916 wurde ich wegen Kriegsbeschädigung entlassen und trat in den geistlichen Beruf ein. 1918 wurde ich vom Armee-Oberkom­mando aufgefordert zwecks Be­kämp­fung der bolschewisti­schen Agi­tation in Warschau, kam aber nicht mehr  dorthin, da inzwi­schen die Revolution ausbrach.

Ich habe seit 1918 in Wort und Schrift für den Wiederaufbau des Deutschen Reiches ge­kämpft, u. a. in viel beachteten Artikeln des „Tag“ zum Beispiel „Kraft aus dem Sinn des Opfers“ – „Ewiges Deutschland“ usw. In meiner geistlichen Tätigkeit im Pfarramt in Gold­beck und später in Schlieben widmete ich mich be­sonders der Fürsorge für den deut­schen Arbeiterstand. Die Deutsche Arbeiterfront hat mir ein Zeug­nis ausgestellt, das ich beifüge. Ich baute auch eine Kirche, die als erste in Deutschland die Zeichen des Dritten Reiches trug. 1933 trat ich in die SA ein, der ich bis heute noch als Rotten­füh­rer ange­höre. Mein Sturmbann II R 72 hat mich für die Aufnahme in die Partei vorge­schlagen. Aus dem akti­ven Pfarramt schied ich 1935 freiwillig aus und bin jetzt als theologischer Presse­referent und Mit­glied des kirch­lichen Presseamtes der Mark Brandenburg tätig. Ich stelle Verbin­dungen zwischen der kirchlichen Pressearbeit und den deutschen Zeitungen her, bin auch selbst schriftstellerisch tätig.

In all meinen Handlungen habe ich mich an die Richtlinien des Herrn Ministers Kerll als Beauftragten unseres Führers in kirchlichen Fra­gen gehalten.

Ich wohne seit 1936 in Berlin. Ich bin unverheiratet, habe noch einen unversorgten Bruder (P.g.), den ich unterstütze. Mein verstorbe­ner Vater war Parteimitglied vor der Machtüber­nahme. Ich unter­stütze ferner 2 angenommene arische Kinder.

Um auch die bäuerliche Bevölkerung für den Boden des Dritten Rei­ches zu gewinnen, gab ich von 1929 bis 1934 eine Zeitung „Heimat“ heraus. Mein treuester Mitarbeiter an derselben war der jetzige Orts­gruppenleiter Rektor Schalck, Dommitsch, Träger der Gol­denen Eh­renzeichen der Partei und HJ. Eine Bescheinigung über unsere ge­mein­samen Ziele der Arbeit ist unter A beigefügt.

 

Berlin, den 12.Februar 1937                    Alexander Centgraf

 

 

2) Personalien aus dem Abstammungsnachweis vom 10.02.1937:

    

     Alexander Centgraf, Berlin 35, Bülowstr. 29

 

  

3) Weitere personenbezogene Daten:

 

Deckname                                                       C–F

Theologischer Pressereferent

Hauptberuflicher Schriftsteller

Mitglied der SA seit 15.10.1933                  (1545 SAR 72)

Mitglied der NSDAP seit 01.05.1937           (4825620)

Mitglied der Reichschrifttumskammer       (10381)

 

Anhand des Decknamens C–F, Anfang und Endbuchstabe des Nachnamens Cent­graf, waren keine weiteren Nachfor­schungen im Bun­desarchiv möglich.

 

 

4) Erklärungen an die Reichschrifttumskammer über Bruttoeinkommen für die Jahre 1940 – 42:

 

     aus hauptbe­ruf­lich schriftstelleri­scher Tätigkeit insgesamt 14126, 00 RM.

 

 

5) Bekanntgabe an die Reichschrifttumskammer wegen Wohnsitzwechsel am 12.04.1941:

   

     Alexander Centgarf, Hohenstaufenstr. 35, W 30

 

 

Weitere verfügbare Materialen über Alexander Centgraf sind unter BArch-NS 18/595 abrufbar; die darin enthaltenen Dokumente stam­men von den NS-Zensurbe­hörden. Die Negativbeurteilung sei­nes Manu­skripts „Martin Luther als Juden­feind“ wird im Abschnitt „Archiv­dokumente“ vollständig wiedergegeben.

 

(BArch, Portraitfoto aus den Karteikarten der NSDAP-Mitglieder)  

 

 

6) 05.01.1945, Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse ohne Schwerter an Dr. Alexander Centgraf.  

 

Die Verleihung der Auszeichnung bezieht sich auf seine Tätigkeit bei „kriegswichtigen Sonderaktionen“ als freier Mitarbeiter der Anti­komintern; der gesamte Wortlaut des Dokumentes befindet sich im Abschnitt „Archivdokumente“. Ausdrücklich hervorgehoben wird dort die „Nostradamus-Aktion“, die von Alexander Centgraf umgesetzt wurde! Zu erwähnen ist noch, daß die Antikomintern eine se­parate Propagandaabteilung im RMVP war.

 

 

III. Ergebnisse aus öffentlich zugänglichen Quellen

 

 

1) Lebenslauf 

 

Der zweite hier vollständig wiedergegebene Lebenslauf von Alex­an­der Centgraf stammt aus der Dissertation vom 16.01.1940 (siehe unten). Damals waren die Promo­vie­renden verpflichtet, ihren schrift­lichen Arbeiten einen Lebenslauf beizufügen.

 

Lebenslauf

 

Ich bin als Sohn des am 11.5.1934 verstorbenen Rektors Alexander Centgraf und sei­ner Ehefrau Agnes geborene Lehmann in Thale am Harz am 8. März 1893 geboren. Im Jahre 1911 bestand ich in Bel­gard i. Pommern, wohin mein Vater versetzt war, am dortigen hu­ma­ni­stischen Gymnasium die Reifeprüfung. Ich studierte dann evangeli­sche Theologie und Nationalökonomie in Königsberg, Heidelberg, Berlin und Greifs­wald. Beim Ausbruch des Weltkrieges meldete ich mich als Kriegsfreiwilliger und kämpfte an der Ypern – Front bis 1916. Ich wurde verwundet, zum Unteroffizier beför­dert und mit dem EK. 1 ausge­zeichnet. Wegen Kriegsbeschädigung entlassen, trat ich nach bestandenen theologischen Prüfungen in das geistliche Amt ein und war bis 1935, zuerst in Goldbeck i. Pommern und dann in Schlieben (Niederlausitz) tätig. Im Jahre 1935 schied ich aus dem Pfarramt aus und wandte mich dem schriftstellerischen Berufe zu, den ich schon zuvor lange Zeit ne­benberuflich ausgeübt hatte. Ich wurde Mitglied der Reichschrifttumskammer und schrieb Beiträge für Zeitungen und Zeit­schriften. Im Wintersemester 1937/38 wurde ich an der hiesigen Universität wieder immatrikuliert. Ich studierte Zeitungswissenschaf­ten, Ge­schichte und Volkskunde. Ich hörte bei den Herren Professoren: Abb, Ballerin, Böhm, Dovifat, Günther, Hin­derer, Reinerth, Rogge, v. Rohden, Schüssler und Spa­mer.

Vor allem bin ich den Herren Professoren Dr. Emil Dovifat, Dr. Wil­helm Schüssler, D. Erich Seeberg und Dr. Adolf Spamer für wichtige Anregungen und Ratschlägen zu stetem und großen Dank verpflich­tet. Ferner verdanke ich den Herren Propst zu Ber­lin Otto Eckert, dem Direktor der Lutherhalle in Wittenberg lic. theol. Oskar Thulin und seinem Mitarbeiter Gerhard Jordan wertvollen Rat und Förde­rung.

 

Berlin, am 24. Mai 1939                                         Alexander Centgraf

 

 

2) Bestätigung des Belgarder Aufenthaltes

 

Das Belgarder Adressbuch (heute Bialogard/Polen) aus dem Jahre 1927 weist ei­nen Eintrag über seinen Vater auf. Es wur­den alle Ein­wohner eingetragen, die älter als 14 Jahre waren. Alex­ander Centgraf junior ist in diesem Adressbuch nicht verzeichnet, denn seit 1918 übte er ein geistliches Amt in Goldbeck i. Pommern aus.

 

Nachname: Centgraf

Vorname: Alexander

Geschlecht: M

Beruf: Rektor i. R.

Adresse: Bahnhofstr.2

Bemerkungen: ohne

 

 

3) Nachweis der Berliner Wohnadresse 1942 – 43 

 

Zu beachten ist, daß in den „Berliner Einwohnerverzeichnissen“ nur Haushaltsvor­stände und Hauptmieter registriert wurden. 1944 und 1945 wurden keine öffentlichen Ver­zeichnisse mehr erstellt, da aufgrund der großflächigen Kriegsschäden und deren Folgen eine Regi­strierung der Berliner Bevölkerung unmöglich wurde. Diese Verzeichnisse sind in einer Mikrofiche–Sammlung der ZLB oder aber unter http://adressbuch.zlb.de/ abruf- und ausdruckbar.

Eine eingehende Ortsbesichtigung ergab, daß große Teile der Alt­bausubstanz des Bayrischen Viertels im Berliner Stadtteil Schöne­berg während der Bombardierungen durch die Alliierten und den Kampfhandlungen von 1945 zerstört wurde. Die entstan­denen Schä­den waren so gravierend, daß selbst Straßenverläufe beim Wieder­aufbau geändert werden mußten. Die nicht wieder zu errichtenden Alt­bauten wurden im Ver­laufe der 1950er bis 1960er Jahre durch Neubauten ersetzt.

Der Wohn- und Gewer­bekomplex in der Hohenstaufenstr. 35 so­wie einige andere Häuser auf der Nordseite der Straße weisen hin­gegen kei­nerlei Spu­ren massiver Ge­walt­einwirkungen auf.

 

 

4) 1937/38 – 1941, Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, heute Humboldt Universität Berlin

      

Laut dem „Verzeichnis der Studierenden“ (Mikrofichesammlung der HUB) war Alexander Centgraf vom Wintersemester 1937/38 bis zum Ende des Trimesters 1941 immatrikulierter Student der Fachschaft Kulturwissenschaften.

 

Studentenkarte Alexander Centgraf (Archiv der HUB)  

 

5) 16.01.1940, Dissertation

 

Martin Luther als Publizist. Geist und Form sei­ner Volksführung. HUB, Alexander Cent­graf, Phil. Disserta­tion vom 16.01.1940.

 

Die Dissertation wurde u. a. auch veröffentlicht vom Institut für Zei­tungswissen­schaften der Friedrich-Wilhelms-Universität, Schrif­ten­reihe „Zeitung und Zeit“ N. F., Reihe A, Band 14“. Siehe auch: „Jah­resverzeichnisse der Hochschulschriften, Band  56, Jahrgang 1940 unter „Berliner Universität“.

 

Im Lebenslauf der Dissertation brachte Alexander Centgraf zur Gel­tung, daß er sich, nachdem er 1935 aus seinem Pfarramt ausschied, dem schriftstellerischen Beruf zu­wandte. Außer in der „Biblio­graphie der Deutschen Zeitschriftenliteratur, 1940, Band 86, S. 667“ waren keine weiteren Zeitungs– bzw. Zeitschriftenbeiträge von ihm aufzu­fin­den. Im Gegensatz dazu ist aus den Dokumenten der Reich­schrifttumskammer-Akte zwi­schen 1933 bis 1937 eine rege Publi­kationstätig­keit von Zeitungsartikeln zu er­sehen.

 

Zeitschrift „Evangelischer Religionsunterricht“, Jahrg. 51, Nr. 40

Behandlung der Kriegsbriefe gefallener Studenten im evangelischen Religionsunter­richt,  (A. Cent­graf)

 

 

6) 1942 erschien in Arnhem/Holland das Nostradamus-Buch von A. de Tombre alias Dr. Alexander Centgraf.

 

Voorspellingen die uitgekomen zijn: Michel Nostradamus spreekt in 1558 over het ver­loop en den uitslag van dezen oorlog, A. de Tom­bre, Arnhem 1942

 

Diese Publikation war Teil der oben beschriebenen europaweiten Kampagne. Alex­an­der Centgraf betrat die Bühne der Nostradamus-Propaganda jedoch erst, als Karl E. Krafft und Hans Hermann Krit­zinger in diesem Zusammenhang an Bedeutung verlo­ren, da beide Autoren nach der Flucht von Rudolph Hess unter Generalverdacht stan­den.

Aus Alexander Centgrafs Büchern, die nach dem Krieg erschie­nen, ist zu ent­neh­men, daß er Karl E. Krafft persönlich kannte. Er be­hauptete insbesondere einen ver­geblichen Versuch, der zur seiner Freilassung führen sollte, nachdem dieser von der Gestapo inhaf­tiert wurde. Die bio­graphische Recherche zu Alexander Centgraf ergab jedoch bis­lang keine eindeutigen Resultate in der Frage, wann genau und unter wel­chen Umständen sie sich in Berlin begegneten.

Eine inoffizielle Kooperation zwischen beiden Personen ist anhand der zwei auffälligsten Indizien sehr wahrschein­lich:

 

a) Karl E. Krafft, Hans Hermann Kritzin­ger, Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein und Alexander Centgraf sind die einzigen, nament­lich identifizierbaren Autoren, de­ren No­strada­mus-Schriften als Broschüren und Bücher im europäi­schen Ausland publiziert und ver­trieben wurden. Diese Publika­tionen weisen eine identische, in­haltliche und propagandistische Inten­tion auf und wurden in den je­weiligen Lan­dessprachen in Spa­nien, Por­tugal, Rumänien, Ungarn, Belgien, Frankreich, Holland, Dä­nemark und Schwe­den im lega­len Buch­handel verkauft. Alle hier ge­nannten Per­sonen waren Mitglieder der NSDAP und der Reich­schrifttumskammer.

    Die Annahme einer Zusammenarbeit zwi­schen Karl E. Krafft und Hans Hermann Krit­zinger hingegen ist deshalb eher problematisch, da aus dem Inhalt einer sehr um­fang­reichen Akte des PAAA zu Karl E. Krafft deutlich zu ersehen ist, daß zwi­schen diesen „Berufs­kollegen“ im Rahmen der Nostradamus-Propa­ganda zu­mindest zeitweise ein starkes Konkurrenzverhältnis herrschte.

    Die Verbreitung von Propaganda-Schriften, die für das Ausland bestimmt waren, fiel in die Kompetenz der Informationsstelle des A. A. Für die jeweiligen Autoren, die kei­nen Beamtenstatus inne­hatten, war die Mitgliedschaft in der Reichschrift­tumskammer ob­ligato­risch. Ein ein­drucksvoller Beleg für diesen Umstand fin­det sich in der Perso­nalakte von Karl E. Krafft (BArch (ehemals BDC), SSO Krafft Karl Ernst, 10.05.1900). Im Antrag auf Mit­gliedschaft vom 07.09.1940 ist unter 14. zu lesen:

 

 

14. Übersetzungen     

 

Titel der Übersetzungen   

Comment Nostradamus a-t-il l’avenir de l’Europe  

 

wann erschienen    

vorges. für Oktober 1940

 

Verlag

Noch unbestimmt

(Brüssel, im Auftrag des Ausw.  Amt)

 

 

b) Da Alexander Centgraf seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit der „freien“ Schrift­stellerei bestritt, muß er ein sehr starkes Inter­esse daran gehabt haben, sei­nen Auf­traggebern auf möglichst schnellem und kurzem Wege ein druckreifes Ma­nuskript ab­zu­liefern. Denn im Laufe der Jahre 1941/42 hatte er herbe Mißer­folge einzustecken, da die NS-Zensurbehörden minde­stens drei sei­ner Manu­skripte nicht zur Publikation zuließen. Nach der Ver­haftung von Hans Hermann Kritzinger und Karl E. Krafft im Zuge der „Aktion Hess“ erschloß sich für Alexander Centgraf je­doch die Möglichkeit, sich auf einem zu diesem Zeit­punkt höchstwahr­scheinlich kon­kurrenz­lo­sem Feld zu profilieren. Seine behauptete Interven­tion bei der Ge­stapo, die zur Freilas­sung von Karl E. Krafft füh­ren sollte, könnte demnach durch­aus in dem Motiv be­gründet gewe­sen sein, ein Vertrauensverhältnis zu Anna The­re­sia van de Koppel aufzubauen, das geeignet war, ihre Koopera­ti­onsbereit­schaft zu sichern.

     Karl E. Kraffts Ehefrau, Anna Theresia Krafft van de Kop­pel, stammte ursprünglich aus Zeist bei Utrecht und wäre theore­tisch in der Lage gewesen, das Manuskript von Alexander Centgraf auch nach der Verhaftung ihres Ehemannes ins Niederlän­dische zu überset­zen. Mit einiger Wahrschein­lich­keit ist auszu­schließen, daß au­ßenstehende Personen ei­nen derarti­gen Über­setzungsauftrag erhiel­ten, denn das Thema Nostra­damus-Pro­paganda unterlag einer strikten Geheim­haltungspolitik. So war z. B. auch die Einfuhr von im Ausland vertriebenen Propaganda­schrif­ten ohne offizielle Genehmi­gung untersagt.

     Nach Kriegsende lebte Anna Theresia Krafft van der Koppel bis weit in die 50er Jahre in München. Sie übertrug zwischen 1952 – 57 drei ka­tholisch–theologische Werke von Romano Guardini vom Deutschen ins Niederländische. Dieser Sach­ver­halt ist als Beleg da­für zu werten, daß sich Anna Theresia Krafft van de Koppel schon vor dem Beginn dieser Tätigkeit profunde Kenntnisse in der literari­schen Übersetzung erwarb.

     Am 12.03.1954 überreichte sie dem IFZ ein Gedächt­nisprotokoll zum Lebens­lauf ihres Ehemannes, da sie be­absich­tigte, einen Ent­schä­di­gungspro­zeß in die Wege zu leiten. In diesem Dokument findet sich auch ein aussagekräftiger Ab­schnitt über Karl E. Kraffts Rolle bezüglich der Nostradamus-Propaganda.

 

In den europäischen Bibliotheken sind nur noch drei Ex­emplare des holländischen No­stradamus-Buches von Alexander Centgraf zu er­mitteln – in der Königlich Nieder­ländi­schen Bibliothek Den Haag, in der Hamburger Universitäts- und Staatsbibliothek so­wie in der Berli­ner Staatsbibliothek.

Dem „Brinkman’s Ca­talo­gus van Boeken, 1941 – 1945, S. 826“ ist jedoch zu ent­neh­men, daß es in dem damals legalen holländischen Buchhandel erschien, der von der deutschen Besatzungsbehörde nach strengsten Kriterien überwacht wurde.

Die Durchsicht zahlreicher weiterer Nationalbibliographien sowie Online-Recher­chen mit international kooperierenden Verbundkatalo­gen ergab, daß der angegebene Autoren­name A. de Tombre nicht weiter zu bestätigen ist.

Anhand des in der BSB (Na 7716/50) archi­vierten Exemplars wird jedoch unbe­streitbar deutlich, daß es sich dabei um ein Pseudo­nym han­delt. Denn dort finden sich zwei hand­schriftliche Notizen, die die Unterschrift von Alexander Centgraf auf­weisen.

Über die Beweggründe, weshalb sich Alexander Centgraf namentlich in einer Schrift, die unter einem Pseudonym publiziert wurde der­art exponierte, kann nur spe­kuliert wer­den. Tatsache ist jedoch, daß die sichere Auflösung des Autorenpseudo­nyms A. de Tom­bre heute ein Ding der Unmöglichkeit wäre, wenn er darauf verzichtet hätte, Besitzan­spruch auf seine „Kriegstrophäe“ zu erhe­ben.

Wesentlich einfacher ist jedoch zu erklären, wie Alexander Cent­graf in den Besitz eines Exemplars dieser Schrift kam, deren Einfuhr ge­nerell untersagt war. Denn die deutschen Gesandtschaften hatten die Anweisung, für die im Ausland publizierten Pro­paganda – Schrif­ten Belegexemplare nach Berlin zu senden. Aus diesem Grund sind in den Katalo­gen der Deutschen Bibliothek hunderte von Titel abruf­bar, die von der Deut­schen Infor­mationsstelle des A. A. oder von der Auslandsabteilung des RMVP erstellt und weltweit publiziert wur­den.

 

Der Preußischen Staatsbibliothek als Geschenk überreicht vom Ver­fasser Dr. Centgraf“  

 

 1942 verfasst von Dr. Alexander Centgraf, Berlin W.30 Hohenstau­fenstr. 35“    

Die Adressenangabe in Notiz 2 ist identisch mit den Einträgen der „Berliner Einwoh­ner­verzeichnisse“ aus den Jahren 1942/43!

 

 

Des weiteren ist auch mit den „Berliner Titeldrucken“ des Jahres 1942! der biblio­gra­phische Nachweis zu erbringen, daß es sich bei A. de Tombre ausschließlich um Alexan­der Centgraf handelt.

 

Berliner Titeldrucke, 1942, Band L – Z, S. 848

Tombre, A. de 1942 (Pseud.) s. Centgraf Alexander       (42.21787)

 

Berliner Titeldrucke, 1942, Band A – K, S. 144

(Centgraf Alexander) – Vorspellingen die uitgekomen zijn. Michel No­stradamus spreekt in 1558 over het verloop en den uitslag van de­zen oorlog. (Schutzumschl. Door A. de Tom­bre d. i. Alexander Cent­graf) – Arnhem: Hyman, Stenfert Kroese & van de Zande (1942) 99 S. 8° (Umschlagt:) Vorspelling van Nostradamus uit het jaar 1558. (42.21786)

 

Bei den Bänden der „Berliner Titeldrucke“ handelt es sich um ein Gemeinschafts­unter­nehmen aller Preußischen Bibliotheken, die de­ren Erwerbungen verzeichnen – diese kor­respondieren auch mit den internen Erwerbskatalogen der einzelnen Biblio­theken. So ist für die Archi­vare in vielen Fällen nachvollziehbar, woher abgegebene Archi­valien stam­men und von wem diese an die Bibliotheken überreicht wur­den.

Eine weitere wichtige Funktion dieser Bände bestand seit jeher auch darin, Auto­ren­pseudonyme möglichst aufzulösen, und die tat­sächlichen Verfasser von Literatur be­kanntzugeben.

Aus dem Eintrag des Bandes A – K, 1942 ist deutlich ersichtlich, daß ein Mitarbeiter der BSB mit einer handschriftlichen Notiz ver­merkte, daß Alexander Centgraf der Autor des Titels ist (siehe Notiz 3). Diese handschriftliche Notiz wurde also hinzugefügt, be­vor die „Berli­ner Titeldrucke, 1942“ veröffentlicht wurden!

Der Bibliographischen Auskunft der BSB zufolge war es zu kei­nem Zeitpunkt gän­gige Praxis, zur Archivierung überreichte Bände mit handschriftlichen Notizen zu ver­sehen. Die einzige Ausnahme war dann gegeben, wenn die Mitarbeiter zu der Über­zeugung kamen, daß es sich beim angegebenen Autor um ein Pseudonym handelt, dessen Identität zwei­felsfrei ist.

 

 d. i. Alexander Centgraf“  

 

 

7) Ende August 1943, Aufenthalt in Kiew

 

Ein weiterer relevanter biographischer Rückschluß ergeht aus der antisemitischen Hetzschrift: Ein Jude treibt Philo­sophie, Verlag Paul Hochmuth Ber­lin, 1943(BSB 50 MA 17965). Diese wurde von Alex­ander Centgraf nachgeschoben, nachdem sein Ma­nuskript „Martin Lu­ther als Judenfeind“ am 29.04.1942 von den NS –Zensurbehörden nicht zur Publikation zugelassen wurde.

 

 

Vorwort

 

Manch einer wird jetzt, da wir im Zenit des größten aller Kriege ste­hen, die Frage stel­len, ob es ei­gentlich nötig ist, ein solches Büchlein wie das vorliegende zu schreiben.

Weiniger nahm sich ja selbst 1903 als 23 jähriger das Leben und wenn auch sein Buch ein großer Publikumserfolg war, wie viele oder besser wie wenige interessieren sich noch heute dafür?

Zugegeben, daß dieser Einwand berechtigt wäre, darf aber niemand vergessen, daß der seelische Aufbau der arischen Kulturvölker ein feines geistiges Gewebe ist. Wird ein jüdi­scher Faden unmerk­bar mit hineinverwoben, so wird dieser immer wieder Grund neuer Ver­knüp­fungen und Verwicklun­gen sein, deren Tragweite oft nicht abzu­sehen ist. Diesen Faden zu knüpfen ist Weiniger gelungen. Von sei­nem Buch „Ge­schlecht und Charakter“ führt eine Linie über Freud eine Li­nie zu Magnus Hirschfeld, und hier wird immer die Frau zu ei­nem Menschen niederen Grades gestempelt und dar­über hinaus seelisch und geistig geschändet. Gerade aber heute, wo die Frau unter Einsatz ihrer ganzen Persön­lichkeit mit uns um die politischen und geistigen Fundamente eines neuen Europas kämpft, sind wir es ihr als Kameradin schuldig, daß wir mit einem so gefährlichen jüdischen Intellektuellen wie Otto Wei­niger gründlich abrechnen.

 

z. Zt. in Kiew, Ende August 1943          Dr. Alexander Centgraf

 

 

Bis zum 06.11.1943 befand sich die ukrainische Hauptstadt unter deutscher Besat­zung. Alexander Centgraf kann sich demnach höch­stens 2 Monate dort aufgehalten ha­ben, da er sonst Gefahr lief, in sowjetische Kriegsgefangenschaft zu geraten, für die es in seiner Biographie jedoch keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Mit Sicherheit ist jedoch auszuschließen, daß er aus eigenem An­trieb nach Kiew reiste. Zur fraglichen Zeit erhielten Zivilpersonen ohne besonderen Auftrag keine Rei­segenehmi­gungen in die be­setz­ten Gebiete des Ostens. Trotz intensiver Nachfor­schungen im BArch war die Frage nicht zu klären, weshalb Alexander Centgraf nach Kiew reiste. Denkbar ist jedoch ein journalistischer Auftrag, da er in seinen Nostradamus-Büchern der Nachkriegszeit erklärte, der Reichssendeleiter Eugen Hadamowsky (RMVP) sei sein Chef gewesen. Die Rich­tigkeit dieser Angabe ist als Indiz dafür zu werten, daß er sein holländisches Nostradamus-Buch im Auftrag des RMVP verfaßte, denn in den entsprechenden Aktenbeständen des PAAA waren keinerlei Hinweise dazu aufzufinden. Daß dem tatsächlich so war, ergeht aus ei­nem Schriftdokument, dessen zufällige Auffindung einer Mitarbeiterin des BArch R zu verdanken ist, die mich über dessen Existenz un­aufgefordert informierte und mir eine entsprechende Kopie zusandte.

 

 

8) 10.07.1949, Nostradamus–Artikel in der Sonntagsbeilage „Der Ku­rier, Nr. 158“, Er­scheinungsort Berlin

 

      Nostradamus und Berlin         Dr. Alexander Centgraf

 

Der Zeitungsartikel ist inhaltlich eher unbedeutend und läßt keine weiteren Anhalts­punkte zu Alexan­der Centgrafs Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges erkennen. Interessant ist jedoch der Um­stand, daß dieser Artikel von einem Mitarbeiter des Berlin Document Center in Alexander Centgrafs Personenakte der Reichschrifttums­kammer ein­gefügt wurde.

 

 

9) 1950 – Ge­genwart, nachweisbare Briefkorrespondenzen und Pu­bli­kationen

 

 

1950, Die älteste gedruckte Hexenbibel gefunden: Goethe entnahm ihr das Hexeneinmaleins, A. Centgraf

 

 

22.05.1950, Brief an Hermann Hesse 

 

 

Der Brief von Alexander Centgraf an Hermann Hesse ist für die hier dargestellten Zusammen­hänge zwei­fel­los von öffentlichem Inte­r­esse. Er tritt dort als Bittsteller auf, da er sein fertiggestelltes No­strada­mus-Manuskript in Berlin nicht veröffentlichen könne. Be­zeich­nen­der­weise teilte er Hermann Hesse zwar mit, daß er zu diesem Thema schon vor einigen Jahren publizierte, verschwieg aber gleich­zei­tig, daß es sich dabei um eine pronazistische Propagandaschrift han­delte. Dafür warb er mit seiner Dissertation aus dem Jahre 1940. Aber auch hier vermied er es, den kompro­mittierenden Titel dieser Schrift anzugeben. Er gab le­dig­lich die unver­fängliche Haupt­über­schrift „Luther als Publi­zist“ an; das völkerverhetzende Pamphlet „Ein Jude treibt Philosophie“ ver­schwieg er vorsorglich ganz.

Außerdem beklagte er seine aktuelle Situation, denn nicht näher beschriebene Kriegs­erei­gnisse hätten ihn in einen kleinen Ort der So­wjetzone verschlagen. Mittlerweile ist es als gesichert anzusehen, daß Alexander Centgraf schon Ende 1943 wieder nach Schlieben, also in einer seiner ehemaligen Pfarrgemeinden, zurückkehrte.

Dort sei er mehr­mals verhaftet und erst freigelassen worden, als er nachweisen konnte, daß er einige sei­ner Kameraden aus dem Kon­zentrations­lager befreien und eine weitere ebenfalls nicht genannte Person vor der Erschießung retten konnte??!! Er läßt den Empfän­ger seines Briefes aber darüber im Unklaren, wo und wann dies geschehen sein soll.

In Schlieben befand sich das KZ und Zwangsarbeiterlager HASAG (Hugo Schneider AG), die drittgrößte Außenstelle des KZs Buchen­wald, in dem überwiegend Juden, aber auch Sinti und Roma sowie politische Kriegsgefangene interniert wurden. Die HASAG war in der Zeit des Zweiten Weltkrieges der größte örtliche Arbeitsgeber, der mindestens 200 Schliebener Bürger als Zivilangestellte beschäf­tigte. Da bislang aber keinerlei Anhaltspunkte dafür zu erkennen sind, daß Alexander Centgraf überhaupt in irgendeiner Weise mit die­sem KZ zu tun hatte, sind seine behaupteten Lebensrettungsaktionen und die erlittenen Repressalien durch die Sowjetbesatzung bis zur Auf­findung und Publikation von gegenteiligen Beweisen als kalkulierte Tatsachenverdrehungen (um nicht zu sagen unverschämte Lügen­geschichten)  zu werten, die ausschließlich der Aufwertung seiner Person dienen sollten.

Ob Hermann Hesse diesen Brief jemals beantwortete, war nicht fest­zustellen; Tat­sa­che ist, daß sein 600 Seiten umfassendes Manu­skript nicht in der Schweiz veröf­fent­licht wurde. Aus Auszügen ist jedoch zu entnehmen, daß er sich vom leidenschaft­li­chen Nazipropa­gandisten zum Kalten Krieger wan­delte. Er gehöre keiner Partei an, außer der der Mensch­lichkeit und strebe mit der Veröffentlichung seines Manu­skripts kei­nen Reichtum an. Vielmehr ginge es ihm bei der Heraus­gabe seines Werkes um die mensch­lichen Ziele, denn er könne auf Grund der No­stradamschen Prophezeiungen eine konflikt­reiche Zu­kunft bis zum Jahre 2200 er­kennen.

 

 

1952, Geschichte der Kirche und Propstei Schlieben, Centgraf, Dr. Alexander (unveröffentlicht).  

 

Das unveröffentlichte Manuskript liegt als vollständige Kopie vor. Der Aufbewahrungsort des Originals ist mir bekannt, kann hier jedoch nicht benannt werden!

 

Zu lesen ist in seinem Manuskript u. a.:

 

Pfarrer Centgraf hatte zuerst schwere Angriffe von dem nationalsozialistischen Ortsgruppenleiter Brennicke zu erleiden. Als er aber der Kirche nichts von ihren Rechten und ihrer Botschaft nehmen liess, änderte er seine Haltung und besuchte fleissig den Gottesdienst und nahm am Abendmahl teil. (Zitat: S. 168)

 

Am 21. April 1945 rückte die Vorhut der Roten Armee, von Naundorf herkommend, in Schlieben ein, am 22. folgten mehrere Divisionen. Die Beschreibung dieser kritischen Stunden und Tage wird einem späteren Chronisten vorbehalten bleiben, zumal es wichtig ist, erst von diesen Dingen Abstand zu nehmen.

Der Nazibügermeister Knoche ließ seine Stadt und sein Amt feige im Stich. Der Stützpunktkommandant, der verstorbene Leutnant d. R. Paul Krause verhin­derte die Ausführung wahnwitziger Befehle, nach denen Schlieben bis zum letzten Blutstropfen gehalten werden sollte. Auch kirchliche Kreise ha­ben die Katastrophe verhindert dadurch, dass die weiße Fahne am Kirchturm gehisst wurde. Ein plötzlich erscheinendes Deta­chement des sogenannten Freikorps Adolf Hitler (12 schwerbewaff­nete Männer und 3 Frauen) holten die weiße Fahne noch herunter, bald aber war sie wieder oben zu sehen. So blieb Blutvergießen in einer offenen Stadt erspart.“ (Zitat: S. 170)

 

Der Autor dieses kirchengeschichtlichen Abrisses, dessen Wohnung in Berlin durch Bombenangriffe schwer beschädigt und daher unbe­wohnbar wurde, befand sich seit Ende 1943 wieder in Schlieben und hat all die Nöte der grossen Katastrophe miterlebt. Auch er hat ver­sucht, so gut er konnte die Herzen aufzurichten. Durch Vertrauen der Bevölkerung zum Stellvertreter des Bürgermeisters und Stan­des­beamten erwählt, hat der Verfasser leider die traurige Pflicht gehabt, die erschütternden Einzelheiten bei den über siebzig Fällen von Selbstentleibungen zu untersuchen. (Zitat: S. 170 – 171)

 

 

III. Teil , Anhang Verzeichnis der Geistlichen

 

Alexander Max Centgraf, von 1929 - 1935

 

Centgraf wurde am 8.3.1893 als Sohn des Rektors Alexander Centgraf und seiner Ehefrau Agnes geborene Lehmann, welche aus Schlie­ben stammt, in Thale am Harz geboren. Er besuchte die Gymnasien in Sorau N. L. und Belgard in Pommern. Von 1911 – 1914 studierte er in Königsberg, Heidelberg, Berlin und Greifswald Theologie und Nationalökonomie. Als Kriegsfreiwilliger nahm er am 1. Weltkrieg (Langemarck) teil. Das erste theologische Examen bestand er 1914 in Stettin  1917 ebenda. 1918 wurde er Pfarrer in Goldbeck, Ephorie Dublitz i. Pommern. In Schlieben trat er sein Amt am 1. April 1929 an. Unter ihm fand die große Kirchenrenovation in den Jahren 193/34 statt. Am 1. September 1935 schied er aus dem Pfarramt aus, studierte nochmals in Berlin und legte am 13.Juli 1939 in der philosophi­schen Fakultät das Doktorexamen mit einer Dissertation ???? „Luther als Publizist“ Referent Prof. Dovifat, Korreferenet Prof. D. E. See­berg. Die Doktorarbeit erschien als Buch bei Moritz Diesterweg, Frankfurt a. Main.

Dr. A. Centgraf ist mit Frieda geborene Recknagel, der Tochter Kaufmanns Karl Recknagel und seiner Ehefrau Klara Telefski, beide ver­storben, seit dem 17. Mai 1941 verheiratet und lebt jetzt als freier Schriftsteller in Schlieben.

 

 

Aus den Lebensläufen von Alexander Centgraf (Dissertation und Reichschrifttumskammer) ist zu ersehen, daß er bis 1935 als evangeli­scher Pfarrer in den Städten Gold­beck in Pommern und Schlieben in der Niederlausitz tätig war. Außerdem rühmte er sich damit, daß er in Deutschland die erste Kirche erbaute , die nationalsozialistische Zeichen des Dritten Reiches trug; gemeint war damit die evangeli­s­che Martinskirche in Schlieben. Aus dem unveröffentlichten Manuskript geht hervor, daß er dort am 1. April 1929 sein Amt als Geistli­cher antrat. In den Jahren 1933/34 fand unter seiner Leitung eine Kirchenrenovation statt, bei der Bleiglasfenster mit Haken­kreuz­sym­bolen in die Fassade eingesetzt wurden; ein selbst für damalige Zeiten einmaliger Vorgang, an den heute niemand mehr gerne er­innert wird!

Der Aufbewahrungsort eines Originalfotos zu den fraglichen Bleiglasfenstern ist mir bekannt, kann jedoch nicht benannt werden. (Zu­sendung einer privaten Quelle aus Schlieben am 14.11.06)  

 

 

Bei den zu erkennenden Daten auf dem Foto des Bleiglasfensters unter dem salbungsvollen Spruch „UND IHR HABT DOCH GESIEGT“ handelt es sich um einen zehnjährigen Zeitraum, in dem die NSDAP die politische Macht in Deutschland an sich reißen konnte. Am 12.11.1923 wurde Adolf Hitler nach dem gescheiterten Putsch vom 09.11.1923 in München von der Regierung der Weimarer Republik inhaftiert. Der 09.11.1933 war der Tag, an dem man das „10. Jubiläum“ dieser Ereignisse feierte. Zwei Tage später, also am 12.11.1933 erhielt die NSDAP bei den Wahlen nahezu 100 % der Stimmen und putschte sich somit wiederum „demokratisch legitimiert“ an der Macht. Der weitere Verlauf der faschistischen Machtergreifung bis 1945 ist hinlänglich bekannt.

 

 

Alexander Centgraf schrieb in seinem unveröffentlichten Manuskript zu den Bleiglasfenstern folgendes:

 

Ein Fenster an der Südseite, eine Stiftung des Landrats, trug ein nationalsozialistisches Symbol, das inzwischen durch das kirchliche A und O ersetzt worden ist. Über dieses Fenster ist oft diskutiert worden. Leider können wir die vergangene Epoche nicht aus der Ge­schichte ausstreichen: von der evangelischen Seite her gesehen, war die Komposition dieses Fensters gewiss ein Mißgriff. Allerdings ist nicht zu vergessen, dass der Staat über seine Verpflichtungen hinaus aus der Arbeitslosenfürsorge zur Durchführung des Baues Mittel zur Verfügung stellte, ja zuerst von allen Anträgen das Schliebener Projekt genehmigte, damit diese Gelder den Werktätigen und ihren Familien zugute kamen. (Zitat: S. 166)

 

 

Wie oben schon erwähnt, kam Alexander Centgraf schon Ende 1943 wieder nach Schlieben. Dies bedeutet, daß er unmittelbar nach sei­nem Aufenthalt in Kiew dort eintraf und sich mindestens 13 Jahre nach dem Kriegsende in dieser Stadt aufhielt. Der Grund für diesen Umzug kann jedoch keinesfalls, wie oben schon nachgewiesen, darin gesehen werden, daß seine Berliner Wohnung im Stadtteil Schö­neberg durch Bombenangriffe unbewohnbar wurde. Vielmehr ist davon auszugehen, daß er spätestens während seines Aufenthaltes in der ukrainischen Hauptstadt erkennen mußte, daß seine Träumereien von einer arischen Weltordnung wie Seifenblasen zerplatzten. In Berlin wieder angekommen, wird er es mit der Angst zu tun bekommen haben und hat sich deshalb, erahnend was da noch kommen möge, wieder ins relativ sichere Schlieben abgesetzt, wo sowohl seine Mutter als auch seine Ehefrau herstammten.

Bürger der Stadt und Umgebung wiesen mich in persönlichen Gesprächen darauf hin, daß man sich sehr wohl, wenn auch mit gemisch­ten Ge­fühlen, an Pfarrer Centgraf erinnere und seine Person bis heute äußerst umstritten sei. Noch vor dem Mauerbau sei er in den We­sten, vermutlich nach Süddeutschland gezogen.

Diese Vermutung wurde vom Turm-Verlag, der ab 1968 Alexander Centgrafs Nostradamus-Bücher verlegte, auf­grund einer Anfrage be­stätigt. In einer Email-Nachricht vom 04.10.06 wurde mir mitgeteilt, daß Alexander Centgraf im Jahre 1967 in Waldkraiburg, einer sehr kleinen Ortschaft ca. 60 Kilometer östlich von München, lebte. Eine weitere private Quelle teilte zu Alexander Centgrafs Sterbe­datum folgendes mit:

 

 

A. Centgraf ist am 18.12.1970 in Kraiburg (bei Waldkraiburg) in dem damals noch existierenden Krankenhaus gestorben. Das ehemalige Krankenhaus ist heute ein Altersheim. Die Ehefrau von Alexander Centgraf ist im Juli 1970 im Krankenhaus Mühldorf verstorben. Ob es Kinder gegeben hat ist nicht bekannt, aber vermutlich nicht, denn als für das Grab keine Gebühren mehr bezahlt wurden, wurde es auf­gelöst (nach 15 – 20 Jahren). Es gibt also in Kraiburg oder Waldkraiburg keine Grabstelle und auch keine Nachkommen der Familie.

 

 

Im Jahre 1956 betätigte er sich noch als Organisator zu den Feierlichkeiten des 1000-jährigen Stadtjubiläums. Die ehemalige SED-Kreisleitung habe ihm jedoch Redeverbot erteilt, was die Bevölkerung zu massiven Protesten veranlaßt haben soll. Dies führte wie­derum dazu, daß das Verbot nicht durchsetzbar gewesen sei. Spuren für seinen Aufenthalt in Schlieben sind bis 1963 auch in den „Hei­matkalender, Kreisleitung des Kulturbundes zur demo­krat. Erneuerung Deutschl.“ aufzufinden.

 

Laut der Personalakte der EKM erhielt Alexander Centgraf am 20.11.1962 im Zuge der Familienzusammenführung von den DDR-Be­hör­den die Erlaubnis, nach Westdeutschland zu ziehen. Ab dem 02.12.1962 hielt er sich dann in Bad Aibling bei München auf.

 

 

1953, erste Nachkriegspublikation zum Thema Nostradamus unter dem Pseudonym N. Centurio.

 

Im „Deutschen Bücherverzeichnis, 1951 – 1955, Bande 29, S. 685“ wurde bekannt ge­geben, daß es sich bei N. Centurio um ein Pseudo­nym handelt und der Leser wurde auf das Stichwort „No­stra­damus“ im Band 30 verwiesen. Dort findet sich auf S. 1437 der Titel:

 

1953, Nostradamus, Der Prophet der Weltgeschichte, N. Centurio, Berlin Schikowski

 

Dieses Buch erschien bis Anfang der 1990er Jahre in etlichen er­wei­terten und über­ar­beiteten Fassun­gen sowohl im Berliner Schi­kowski – Verlag als auch im Bietigheimer Turm-Verlag. 

 

 

1962, Zeitschriftenartikel in Materia medica Nrodmark ; XIV (1962), 2

 

Von Nostradamus eigener Hand: ein Bericht über die große Pest in Aix im Jahre 1546 und über ein von ihm erfundenes wirksames Pestmit­tel / A. Centurio

 

 

1977, Die großen Weissagungen des NOSTRADAMUS, Prophetische Weltgeschichte bis zum Jahr 2050, N. Alexander Cen­turio

 

1977 veröffent­lichte der Turm–Verlag einen neuen Titel mit ei­nem leicht veränder­ten Pseudonym, das ohnehin schon sehr früh als sol­ches erkannt wurde. Dieser Titel ist bis heute bei der Random House/Bertelsmann-Verlaggruppe unter ISBN-10: 3-442-11772-0 so­wie ISBN-13: 978-3-442-11772-7 bestellbar.

 

Des weiteren erschienen ab 1981 auch in Holland! diverse Publikationen zum Thema No­stra­damus unter dem Pseudonym N. Alexander Cen­tu­rio. Die Gesamtzahl der seit 1953 ver­kauften Bücher ist nicht an­nä­hernd zu schätzen, dürfte jedoch erheb­lich hoch sein.

 

Die Auflösung der Autorenpseudonyme von Alexander Centgraf ist auch über die Online-Katalogdatenbank ILTIS bei der Deutschen Bi­blio­thek abrufbar:

 

NORMDATEN: Personenname (108141985)

Centgraf, Alexander
Beruf/Funktion: Dt. Historiker und Philologe

Verweisungsformen: Centurio, N. Alexander [Pseud.]

                                      Centurio, N. [Pseud.]

                                      Centgraf, N. A.

 

 

28.12.1981, Spiegel–Artikel  “Weg mit euch; ihr Astrologen!” Der Katastrophenhellseher und das Geschäft mit der Panik

 

 

Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ druckte in der Ausgabe Nr. 53 vom 28.12.1981 ei­nen zu Recht sehr kritischen No­stradamus–Arti­kel ab, wobei der ausschlaggebende An­laß war, daß damals acht Bü­cher fraglichen Inhalts zu diesem Thema auf den Bü­cher­markt dräng­ten und überaus erfolgreich wa­ren. Das Buch von N. Alexander Centu­rio be­legte zum damali­gen Zeit­punkt unter der Kategorie Li­zenzer­schei­nungen den 7. Platz in der Spie­gel-Best­sellerliste. 

Die unmittelbare Ursache dieser aufgeregten Besorgtheit um das geistige Wohler­ge­hen der bundesrepublikanischen Bevölkerung war der reißende Absatz eines No­strada­mus-Buches in Frankreich, das offensichtlich ähnlich gelagerte Befindlichkeiten herrief, wie die No­stradamus–Propaganda der Nazis nur 41 Jahre zuvor.

Innerhalb kürzester Zeit produzierte und vermarktete der heraus­gebende Verlag in der rekordverdächtigen Auflagenhöhe von 600000 Exemplaren.

 

.... Zu einem Nostradamus-Boom kam es 1981: Der 46 Jahre alte französische Autor Jean  Charles de Frontbrune (ein Pseudonym) hatte in Fortsetzung der Nostradamus-Ex­egese seines Vaters, Max de Frontbrune, 1980 ein Buch mit dem Titel «Nostradamus – Histo­rien et Prophète» auf den Markt gebracht und, in dem er, durch Computer-Techni­ken unterstützt, die Quatrains des Sehers von 1555 bis 2000 lückenlos historischen Ereig­nissen zuordnete, retro­spektiv bis zum Jahr des Erschei­nens, prognostisch für die zwanzig Jahre, die uns noch von der Jahrtausendwende trennen. Der Autor, ein über­zeugter Monarchist, hat die Erwähnung des Wortes «la rose» (die Rose war bereits zu Giscards Regierungszeit Symbol der franzö­sischen So­zialisten) für die Prognose in An­spruch genommen, die Sozia­li­sten kämen an die Macht. Thérèse de Brosse in der Re­daktion von «Paris Match» versprach ihm ein In­terview, wenn er recht be­halte. Er hatte Glück: Im Juli 1981 wurde es von dem be­kannten Ma­gazin veröffentlicht und löste einen Verkaufsboom aus. Innerhalb we­niger Wochen wurden aus bisher mühsam verkauften 6000 Buchex­emplaren 600000. Selbst Mitterrand, so berichteten die Zeitungen, las das Katastrophenbuch, das vom Regie­rungswechsel profitierend, in Frankreich eine regel­rechte Hysterie auslöste. Kein Wun­der: de Front­brunes Elaborat sagt eine Folge von Ka­tastrophen für die kom­menden Jahre voraus. Der Papst solle in Lyon ermordet werden, ein drit­ter Weltkrieg ausbre­chen, eine sowjetisch-islamische Invasion Eu­ropa bezwingen, Paris werde von der zu­rückflutenden Roten Armee verbrannt, Avignon Hauptstadt, die Fünfte Republik werde spätestens 1984 blutig zusammenbrechen. Am Ende werde Eu­ropa unter der milden Hand des Franzosen Heinrich des Glücklichen (in unseren Tagen geboren) zur Monar­chie zurückkehren.

(Übrigens ist der Monarch der Endzeitkatastro­phen ein wieder­kehrendes Motiv der «Großen Weissagung» ein von Hübscher einge­führter Begriff.) Wohl­habende Kreise in Frankreich bereiteten Fluchtquartiere vor, es herrschte eine allgemeine Nervosität.

«Paris Match» veranstaltete eine Umfrage, die ergab, daß 70 Prozent aller Franzosen von de Frontbrune gehört hatten und 25 Prozent – also 14 Millionen Menschen – ihm bedin­gungslos Glauben schenk­ten. Im Zuge dieses Booms erlebte auch der Vater Max de Fontbru­nes Werk eine Auferstehung: 1938 erschienen, war es 1940 wegen der an­gebli­chen Deutschfeindlichkeit von der Vichy-Polizei beschlag­nahmt und verbrannt worden. Die Neuausgabe erschien mit einem Begleitbrief des amerikanischen Schrift­stellers Henry Miller.

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Boom in die Reihen der deutschsprachigen Ver­lage überschwappte. Der Spiegel zählt sie auf:.....  (Zitat: „Hans Bender, Zukunfts­visionen, Kriegsprophe­zeiun­gen, Ster­beerlebnisse, R. Piper & Co 1986“, S. 43 – 44)

 

In dem o. g. Spiegel-Artikel wurde darauf hin­gewiesen, daß es sich bei N. Alexan­der Centu­rio um einen ver­stor­benen bayrischen Phi­lo­logen namens Zentgraf handelt. Der ge­nannte Familien­name wurde vom Verfasser des Artikels entweder schlecht re­cherchiert oder aber falsch wie­dergege­ben; es hätte heißen müs­sen: Centgraf!

Eine biographische Recherche mit der Schreibweise Zentgraf, ein in der BRD relativ häufig anzutreffender Familienname, hätte zu kei­nerlei verwertbaren Resul­taten ge­führt. So stehen laut www.telefonbuch.de bundesweit Hunderte von Einträgen auf dem Nachna­men Zentgraf nur etwa knapp 20 Einträge gegen­über, die auf Centgraf lauten.

 

 

28.06.1962,  Brief von Alexander Centgraf an Ellic Howe.

 

Im Sommer 1962 las Ellic Howe das Nostradamus-Buch von Alex­ander Centgraf und stolperte dabei über seine Anekdoten aus dem Zweiten Welt­krieg, die ihn „nicht über­raschten, aber sehr amü­sier­ten“. Des­halb nahm er Briefkontakt zu ihm auf und er­hielt tat­säch­lich eine in gutem Eng­lisch abgefaßte Antwort. Alexander Centgraf wußte einiges über Karl E. Krafft zu erzählen und seine Darstellun­gen deckten sich in die­sem Fall mit denen eines Akademikers na­mens F. G. Goerner, der einige Zeit lang mit Karl E. Krafft zusam­menarbei­tete und mit ihm inhaftiert war; die ent­sprechenden Passa­gen aus dem Antwortschreiben wur­den in Ellic Howes Buch zitiert.

Prof. Dr. Hans Bender, ehemaliger Leiter des Lehr­stuhles für Psy­cholo­gie und ihre Grenzgebiete an der Universität Freiburg, der so­wohl Karl E. Krafft als auch Ellic Howe persönlich kannte, bewertete diese Arbeit aus heutiger Sicht übertrieben lobend. Denn Ellic Howe be­saß weder inhaltliche Kennt­nisse zu den Aktenbeständen des BArch und des PAAA, noch hatte er einen Gesamtüberblick über die Schrifterzeug­nisse der Nostrada­mus-Propaganda.

 

Ellic Howe hat in dem oben erwähnten Buch jede Einzelheit der ok­kulten Szene im Hin­tergrund des Nazi-Regimes mit einer kaum zu fas­senden Akribie aufgezeichnet. Das Buch ist ein historisches Do­kument. (Zitat: „Hans Bender, Zukunftsvisionen, Kriegs­prophe­zeiun­gen, Ster­beerlebnisse, R. Piper & Co 1986“,  S. 49)

 

Daß Ellic Howe historische Pionierar­beit leistete, ist durchaus zu­zugestehen, denn bis­her erwiesen sich alle relevanten Einzelinfor­ma­ti­onen, die er 1965 erstmals publizierte, als über­aus zu­treffend. Den einzigen bisher zu identifizierenden Mißgriff leistet er sich, als er berichtete, daß er ein Exemplar des Nostradamus-Flugblattes zu sehen bekam, das die deutsche Luftwaffe in der ersten Jahreshälfte 1940 über französischem Territorium abwarf – er gab nämlich nicht an, wo und wann genau er dieses Exemplar zu sehen bekam. Dar­über hinaus versäumte er es im Gegensatz zu anderen seltenen Schriftdokumenten, das Flugblatt zu fotokopieren und in seinen Publi­kationen zur Nostradamus-Propaganda wiederzugeben.

 

Ich suchte vergeblich nach Abbildungen dieser Flugblätter, bekam jedoch nur eines zu sehen, das seinen typographischen Merkmalen nach in Belgien oder Frankreich gedruckt worden war. Es zeigt ein Dutzend Knüttelverse, die zwar Nostradamus zugeschrieben werden, mit den Prophéties jedoch nichts zu tun hatten, und es ist unwahrscheinlich, daß Krafft etwas mit der Herstellung dieses Machwerkes zu tun hatte. (Zitat: „Uranias Kinder. Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich“, 1995, S.249)

 

Auch scheiterte Ellic Howe aus objektiven Gründen bei Aufklärungs­versu­chen von maßgeb­lichen Sachver­halten, was folgende zwei sehr augenfällige Beispiele aufzei­gen sollen:

 

1) Während seiner Recherchen zu Karl E. Krafft stellte Ellic Howe im Bonner Außenministerium Nach­for­schungen an, die die Frage klä­ren sollten, ob dort ein ge­wisser Dr. Wil­manns be­schäftigt gewesen sei. Er soll laut Ge­dächtnis­proto­koll von Anna Theresia Krafft van de Koppel Karl E. Krafft im Herbst des Jahres 1940 beauftragt haben, ein No­stra­da­mus-Buch zu schrei­ben. Das Resultat war eine Ne­ga­tiv­aus­kunft des A. A.

     Ellic Howe standen die Geschäfts­ver­tei­lungs­pläne des A. A. in den frühen 1960er Jahren noch nicht zur Verfügung, weshalb er nicht bemerken konnte, daß es sich hierbei, beabsichtigt oder nicht, um eine falsche Information handelte. Denn in den Akten zur Deut­schen Aus­wärti­gen Po­litik, 1937 – 1941 wurde unter Inf. IV (In­for­ma­tionsstelle, Re­fe­rat IV) ein Dr. Wil­mans aus dem Wirt­schafts­hauptamt ver­zeich­net. Daß es sich dabei um ei­nen Druck­fehler han­delt, geht aus zahlrei­chen Do­ku­menten der Akte „Karl Ernst Krafft,  PAAA – R 66.658“ hervor, die belegen, daß ein Dr. Wil­manns der In­formationsstelle, Re­ferat IV, in der Tat inten­siv mit Karl E. Krafft be­schäftigt war.

    Die Bände der „Akten zur Deutschen Aus­wärti­gen Po­litik, 1937 – 1941“, die die Ge­schäftsverteilungspläne der Informationsstelle und deren Mitarbeiter enthalten, wur­den je­doch erst publiziert, nachdem er seine Recherchen zu Karl E. Krafft in der BRD ab­ge­schlos­sen hatte. Diese zählen heute zu den Standartwerken großer Bibliotheken und sind für jedermann zugänglich.

     Doch selbst wenn seine Anfrage vom A. A. positiv beant­wortet worden wäre, ist zu bezweifeln, daß ihm der Zugang zu Archi­vbe­stän­den, die während der Nazidiktatur ent­standen, gestattet wor­den wäre. Denn zur damaligen Zeit war die gesetzlich vorge­schrie­bene Sperr­frist von 30 Jahren für derartiges Archivmaterial noch nicht abgelau­fen.

 

2) Bei seinem Zusammentreffen mit Hans Hermann Kritzinger 1961 in Karlsruhe erhielt er von diesem ein Exemplar der  Nostradamus-Broschüre „Der Seher aus Salon“. Einer seiner Freunde hätte voller Verwunderung entdeckt, daß es in seiner Manteltasche steckte, als er nach einem Kinobesuch in Teheran seine Gaderobe abholte. Ellic Howe wurde auf Kritzingers Darstellung hin nicht etwa miß­trauisch, sondern kommentierte dessen Darstellung lediglich damit, daß diese auf Krafftschem Material beruhen würde. Diese Ein­schätzung war jedoch falsch, denn der Autor dieser Nostradamus-Broschüre war Hans Hermann Kritzinger selbst.

 

 

 

Versuchte Geschichtsverfälschungen in der Kritik

 

Die Schriften von Alexander Centgraf, die an der BSB und an der HUB einzusehen sind, weisen diesen als ideologisch überzeugten Nazi-Hardliner aus. Des weite­ren verfügte er im Sinne der NS-Behörden über einen un­zweifel­haften Leumund und ge­riet mit diesen in kei­nen doku­mentierten Kon­flikt. Er hatte also ein sehr deutlich er­kennbares Motiv, seine Bü­cher nach dem Krieg unter Pseudonymen zu ver­öffentlichen. Seine Bio­graphie läßt je­doch bei weitem nicht die Wertung zu, daß es sich bei ihm um eine wichtige Persönlich­keit im Na­tional­so­zialismus han­delte. Gerade dieser Umstand bot ihm nach dem Zwei­ten Weltkrieg eine gewisse Immunität vor allzu kritischen Fra­gen nach seinen Akti­vitäten zwi­schen 1939 – 1945.

Ellic Howe, der seine Forschungsresultate weitestgehend auf die unter­schiedlich­sten Zeitzeugenaussagen stützte und zu sehr auf die Person von Karl E. Krafft fixiert war, er­kannte nicht einmal an­satz­weise, daß Alexander Centgraf eine sehr aktive Rolle in der Nazi-Pro­pa­ganda spielte. Eine dominierende Ursache dafür wird sein, daß er u. a. von dem in Holland er­schiene­nen Nostrada­mus-Buch keine Kenntnis hatte, oder aber nicht in der Lage war, den tat­sächlichen Autor dieses Buches zu identifizieren. Auch die anti­semiti­sche Propa­gandaschrift „Ein Jude treibt Philosophie, 1943“ zog er bei seinen Schlußfolgerungen nicht in Betracht.

Andernfalls hätte er die Tatsa­che ernster genommen, daß Alex­ander Centgraf in sei­nen Nostra­damus-Bü­chern der Nachkriegszeit ohne er­sichtliche Gründe an maßgebli­che Tatorte zurückkehrte und dabei verwertbare Spuren mit entscheiden­den Hin­weisen hinter­ließ, die seine Person über alle Maße diskreditieren:

 

1) Er berichtete, daß er 1939 die einzig vorhandene Ausgabe der No­stra­damschen Pro­phezeiungen in der Berliner Staatsbiblio­thek in die Hand bekam. Als ihm diese über­reicht wurde, soll der zu­ständige Bi­bliotheksrat geäußert haben, daß dieses Werk eben aus der Reichs­kanzlei kam. Außerdem soll zwischen den Seiten 58 und 59 noch ein Lesezeichen gelegen haben und der Vier­zeiler III, 58 sei rot mar­kiert gewesen. Daraus schloß er, daß Adolf Hitler diesen Vers gekannt habe. Unter „Bibliographische Angaben“ benannte er auch die exakte Signatur dieses Werkes (Na 7590) und fügte hinzu, daß dieses Ex­emplar verloren ge­gangen sei. Eine ein­gehende Über­prüfung dieses Bandes widerlegt jedoch alle Anga­ben nachdrücklichst:

 

a) Die BSB führte zu Beginn des 20. Jhs. eine spezielle Markie­rung für besonders selte­nes und schützenswertes Schriftgut ein. Auch der Band Na 7590 weist auf dem Ein­band ein rotes R auf, das für „Rarum“ steht. Derartige Werke gingen grundsätzlich nicht außer Haus und Bibliotheksbenutzer konnten diese nur unter Aufsicht einsehen – diese Handhabung wird auch heute noch praktiziert. Es ist so­mit höchst un­glaub­haft, daß dieses Werk in der Reichs­kanzlei vorgelegen ha­ben soll. Außerdem ergeht auch aus den „Goebbelss­chen Tagesbuchaufzeichnungen“ vom 09.01.1940 ein unmißverständlicher Hinweis darauf, daß Adolf Hitler es ablehnte, sich mit den Nostradamschen Prophezeiungen zu befassen.

 

b) Die Aufnahme von auffälligen Einzelmerkmalen der Signatur Na 7590 ergab, daß sich dieser Band einst im Besitz der Königli­chen Bi­b­liothek Erfurth befand und zu einem unbestimmten Zeitpunkt in die Hände des Grafen Klinckowstroem, einem be­kann­ten Nostrada­mus-Bibliographen,  überging. Insbesondere fällt eine völlig unzulängliche Numerierung der Buchseiten auf – die­ser Zustand ist in Werken des 16. und 17. Jhs. sehr häufig anzutreffen. Dabei han­delt es sich nicht um Numerierun­gen von einzelnen Buchseiten, son­dern um eine Doppel­seiten­numerierung. 14 Vierzeiler wurden zwar von unbekannter Hand mit Bleistiftstri­chen markiert, aber der Vierzeiler III, 58 weist defi­nitiv keine behauptete Rotmarkie­rung auf und befin­det sich auf Dop­pelseite 30. Auch eine 58. Seite, auf die eine 59. Seite folgen könnte, ist in diesem Werk nicht vorhanden, was bedeu­tet, daß dort auch kein Lesezeichen gelegen haben kann, als Alexander Centgraf das Buch vorgelegt wurde. Die hier beschriebenen Sachverhalte sind anhand von Schwarzweiß-Foto­graphien, die die BSB, Abteilung Historische Drucke auf Anfrage erstellte, jederzeit nachweisbar.

    

c) Da Berlin im Laufe des Zweiten Weltkrieges massivsten Luftan­griffen ausgesetzt war, sah man sich auch dort gezwungen, un­ersetzli­che Kulturgüter in Sicherheit zu brin­gen. Werner Scho­chow berichtete in „Bücherschicksale, 2003“ über den Verbleib von Ar­chivbestän­den der BSB nach Kriegsende u. a. folgendes: zwischen dem 14.12. – 18.12.1942 wurden per Eisenbahntrans­porte 300 Ki­sten mit ausge­suchtem Archivgut in das hessische Arnsberg ausgelagert, ein Volumen von ge­schätzten 40000 Druck­schrifteinhei­ten. Darunter befand sich u. a. auch die Si­gna­turengruppe N-Nz. Diese ausgelagerten Bestände blieben bis zum Kriegsende völlig unbeschädigt und wurden ab Februar 1948 in dem Marburger Gebäude der Staatsbibliothek West ein­gelagert bis diese wieder an die BSB ausgehän­digt wurden.

 

Alexander Centgraf suggerierte seinen Lesern mittels gezielt fal­schen Dar­stellun­gen, daß der Vierzeiler III, 58 schon in der Reichs­kanzlei auf die Person von Adolf Hit­ler bezo­gen wurde, was der An­laß gewe­sen sei, diesen mit einer Rotmarkierung zu versehen. Außer­dem gab er sei­nen Le­sern unmiß­verständlich zu verstehen, daß dies nicht mehr überprüf­bar sei. Entgegen seiner Behauptung war der Band Na 7590 zu keinem Zeit­punkt kriegsverlustig oder galt anderweitig als „verloren gegangen“. Dieser ist für Biblio­theksnutzer un­ter gewissen Bedingungen in der Abtl. Rara der BSB ein­sehbar.

 

Die Ausführungen eines „Zeitzeugen“ zum Vierzeiler III, 58 waren offensichtlich so glaubhaft, daß eine intensive Überprüfung unnötig erschien. Die unmittelbare Folge davon war, daß Alexander Cent­grafs Interpretation von etlichen Nostradamus-Auto­ren der Nach­kriegszeit gebetsmühlenartig wiederholt wurde.

Un­glücklicherweise besteht heute keine Mög­lichkeit mehr nach­zu­voll­ziehen, wer sich im Laufe des Jahres 1939 die Si­gnatur Na 7590 ausgelie­hen hat, denn die damals er­stellten Ausleihprotokolle wurden nicht archiviert. Erwägenswert ist aber, daß Alexan­der Cent­graf schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf dem Laufenden darüber war, was die internen Planungen des RMVP zur Nostradamus-Pro­pa­ganda betraf und sich deshalb das nötige Wissen zum Thema Nostradamus verschaffte.

 

Diesen Vers kannte Adolf Hitler wahrscheinlich. Als ich in der Staatsbibliothek Berlin im Jahre 1939 die einzig vorhandene Ausgabe der Centurien, angeblich 1568 von Pierre Rigaud in Lyon gedruckt, in die Hand bekam, bermerkte der zuständige Bibliotheksrat: „Eben ist dieses Werk aus der Reichskanzlei gekommen.“ Ein Lesezeichen lag noch zwischen den Seiten 58 und 59 und diese Prophezeiung war außerdem rot angestrichen! (Zitat: Die großen Weissagungen des Nostrada­mus, 1977, S. 199)

 

Bibliographische Angaben

 

…….

Graf Klinckowstroem hat nachgewiesen, daß die in der Gesamtausgabe von Pierre Rigaud in Lyon angegebene Datierung mit dem Jahre 1566 eine Irreführung, wenn nicht gar eine Fälschung ist. Diese Ausgabe, von der die Staatsbibliothek in Berlin ein jetzt verloren gegan­genes Exemplar besaß, wollte den Anschein erwecken, daß es noch zu Lebzeiten des Sehers erschienen war. (Zitat: Die großen Weis­sagungen des Nostrada­mus, 1977, S. 262)

 

 

2) In einem besonders anrüchigen Fall ist eine weitere irreführende Darstellung zu be­nennen, die kaum absichtslos entstanden sein kann. Vielmehr muß dieser Fall als offener Versuch von Ge­schichtsverfäl­schung gewertet werden.

     Alexander Centgraf behauptete schon in seinem Buch „Nostradamus, Der Prophet der Weltgeschichte“, daß er im Sommer 1944 von sei­nem Chef, dem Reichssen­deleiter Eugen Hadamovsky, nach Berlin bestellt worden sei. Dort angekommen, sei ihm in ei­nem streng vertraulichen Gespräch mitgeteilt worden, daß Jo­seph Goebbels eine Verständigung mit den Westalliierten an­strebe: ob nicht No­strada­mus auch hier Finger­zeige und Hilfe­stellung ge­ben könne? Sodann habe Hada­movsky ihn angewie­sen, umge­hend eine neue Nostradamus-Broschüre für die Engländer zu erstellen. Diese sei von einem süddeutschen Ver­lag mit dem Ti­tel „Nostra­damus and England“ aufgelegt worden und soll nach Ellich Howe das Pseudonym „Nestor“ aufgewiesen haben. Außer­dem soll Hada­movsky auf seine Bitten hin die Freilas­sung von KZ-Häft­lingen er­wirkt ha­ben, bevor er aus lauter Verzweiflung darüber, daß Joseph Goebbels Bestrebungen, die von Himmler tor­pediert worden seien, an die Front ging.

     Eugen Hadamovsky wurde schon am 12.06.1942 wegen inter­ner Querelen im RMVP von allen Rundfunkämtern enthoben. Fortan ar­beitete er als Stabsleiter der Reichs­propagandaleitung der NSDAP bis er sich im November 1943 zur Wehr­macht mel­dete und einge­zogen wurde. Den bekannten bio­graphischen Daten von Eu­gen Hada­movsky ist nicht zu entnehmen, daß er sich im Jahre 1944 in Berlin aufhielt. Demnach kann er Alex­an­der Cent­graf weder mit einer neuen Nostrada­mus-Broschüre be­auf­tragt haben, noch kann er die behauptete Freilassung von KZ-Häft­lingen er­wirkt ha­ben. Am 01.03.1945 kam er bei Feuer­gefechten mit Rot­armi­sten nahe des pommer­schen Dorfes Höl­kewiese ums Leben. Seine sterbli­chen Überreste, insbesondere seine Erken­nungsmarke, wur­den am 18.10.2002 vom „Verein zur Bergung Gefallener in Osteu­ropa“ geborgen.

 

    

Nachdem Ellic Howe im Jahre 1965 einige Ungereimtheiten in den Darstellungen von N. Centurio anmahnte, verzichtete dieser in sei­nem Buch „Die großen Weis­sagungen des NOSTRADA­MUS, 1977, S. 208 - 209“ lediglich darauf zu wiederholen, daß er der Urheber der Broschüre “No­stradamus and England“ sei. Auf die Hadamowsky-Story und seine an ihn gerichteten Bitten um Freilassung von KZ-Häftlingen, die dann auch tatsächlich erfolgt seien, bestand er jedoch weiter!

Auf Grund des Gesamtkontex­tes ist davon auszugehen, daß die Broschüre „Nostradamus and England“ nie existierte oder nicht ge­druckt und ver­breitet wurde. Be­zeich­nenderweise verliefen alle An­sätze, den o. g. Titel nach­zuweisen, negativ. Zu beden­ken ist, daß die heutigen Möglichkeiten bibliogra­phi­scher Ermittlun­gen weit­aus um­fangrei­cher und effizienter als zu Beginn der 1960er sind.

     

Die abstruse Hadamovsky-Connection und die somit be­haup­tete Nähe zur Füh­rungs­riege der Na­zis könnte jedoch die unbeab­sichtigte Bestätigung dafür enthalten, daß Alex­ander Centgraf zu je­nem Per­sonenkreis gehörte, der im Juli 1944 an neuem Nostradamus-Pro­pa­gandamaterial für die Eng­länder arbeitete. Die Qualifikationen dazu brachte er zumindest mit, denn er war nach Ellic Howe der eng­li­schen Sprache mächtig. Außerdem konnte er sich mit seiner hollän­dischen Publikation als „No­strada­mus-Experte“ profilie­ren, der die Arminien-Armenien-Manipulation aus politisch opportunen Gege­benheiten wieder rückgängig machte.

Eben­falls scheint die Schlußfolgerung zulässig zu sein, daß es Alexander Centgraf war, der Joseph Goebbels den Vorschlag unter­brei­tete, die No­stra­damschen Prophe­zei­ungen als Propagandamaß­nahme gegen die Kriegsmüdigkeit der deutschen Bevöl­kerung zu nut­zen. Doch die­ser verwarf am 29.07.1944 den Gedanken an eine weitere Nostra­da­mus-Schrift, da er es „im Augenblick für nicht zweck­mäßig halte, einen sol­chen astrolo­gischen Firlefanz zu drucken“. Denn zum damaligen Zeitpunkt hatte die Nazi-Führung weitaus gra­vierendere Probleme, als sich Propagandacoups aus den Fingern zu saugen. Am 06.06.1944 setzte die alliierte Invasion an der franzö­sischen Atlantikküste ein und gleichzeitig startete auch auf den Kriegsschauplätzen im Osten eine gewaltige Offensive der Roten Ar­mee.

 

 

3) Ein weiterer Anstoß, der Alexander Centgrafs intellektuelle Red­lich­keit gravierend in Frage stellt, ist sein 32 Seiten umfassendes Pamphlet „Ein Jude treibt Philoso­phie“ aus dem Jahre 1943. Diese anti­semitische Hetzschrift wiederholt im Kern sämtliche ideologi­schen Grundzüge des nationalsozialisti­schen Rassen­hasses und legitimiert auf „gelehrtem Niveau“ den physischen Vernichtungs­krieg.

     Kaum daß der Krieg zu Ende war und die Vernichtung von Mil­lio­nen von Men­schen im industriellen Maßstab das blanke Ent­set­zen der Weltöffentlichkeit hervor­rief, in­szenierte Dr. Alexander Centgraf eine für damalige Zu­stände cha­rak­te­ri­stische Reinwaschung von in­divi­dueller Schuld. Mit nur ei­nem einzigen Satz ver­schaffte er sich eine Generalabsolution und be­ab­sichtigte, seine ei­gene Vergan­gen­heit ungeschehen zu ma­chen. Aber auch schon zwei Jahrzehnte zuvor, als er noch in der ehemaligen DDR lebte, befleißigte er sich dieser beschämenden Bußübung.

 

 

Hitler besetzt die Rheinlande und schließt einen Nichtangriffspakt mit Stalin. Nostra­damus nennt mehrfach Hitler Hadrie, ein Anklang an den Kaiser Hadrian (117 – 138 n. Chr.). Dieser zerstörte zum zwei­ten Male Jerusalem und verstreute die Juden in alle Welt (132 – 135 n. Chr.). Dieselben Untaten vollbrachte der deutsche Diktator, indem er die Juden verfolgte und Millionen vernichtete. (Zitat: Die gro­ßen Weissagungen des Nostrada­mus, 1977, S. 200)

 

Eine noch unmenschlichere Todesstrafe war das BRENNEN. Dies geschah nicht nur auf dem Scheiterhaufen, sondern auf einem glühen­den Rost wurde 1501 der Jude Ephraim mit einigen anderen seiner Glaubensgenossen durch einen entsetzlichen Justizmord vom Leben zum Tod gebracht. Man warf diesen armen, unschuldigen Menschen vor, sie hätten die Viehweiden um Herzberg vergiftet, so daß das Vieh krepierte. (Zitat: „Unmenschliche Todesstrafen im Kreise Herzberg in der Vergangenheit, 1957, S. 48)

 

 

Die Druckerzeugnisse der Nostradamus-Propa­ganda

 

Die unten angeführte Liste enthält nicht alle Druckerzeugnisse der Nostradamus-Propa­ganda, denn bei­spielsweise waren trotz inten­siv­ster Nachforschungen keine Ex­emplare der No­stra­damus-Propagandaflugblätter aufzuspüren, die in der ersten Jah­reshälfte 1940 von der deutschen Luftwaffe u. a. über dem französi­schem Territo­rium abgeworfen wur­den. Auch evtl. noch existierende Sende­manu­skripte von Propaganda­sen­dungen mit No­stradamus-Bezug, die über Ge­heimsender ausgestrahlt wur­den, waren bislang noch nicht zu lokali­sieren.

Hier werden ausschließlich jene Titel von Broschüren und Bü­chern an­gegeben, die mit den gängigen Online-Verbundkatalogen nach­zu­wei­sen sind oder deren exakte Bestell­signaturen in Bibliothe­ken und Archiven ermittelt werden konnten.

 

Wer sich nicht die Mühe machen will, Unmengen von Nationalbi­bliographien durch­zusehen, sollte für Recherchen zum Auffinden von Li­teratur prinzipiell das Inter­net nutzen. Die frei zugänglichen Suchseiten sind sehr bedienerfreundlich erstellt und oftmals besteht auch die Möglichkeit, ermittelte Medien über Fernleihen zu beziehen.

So bietet der Karlsruher Verbundkatalog, kurz „KVK“, auch die Möglichkeit, einen ge­suchten Titel gleichzeitig in zahlreichen Natio­nalbi­bliotheken weltweit abzufragen.

Als besonders effizient für Recherchen sind auch die Kataloge der Deutschen Bi­blio­thek zu benennen, anhand derer beispielsweise hun­derte Titel von Propaganda­schriften abrufbar sind, die von der dt. Informationsstelle des A. A. weltweit vertrieben wurden.

 

http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/

http://www.ddb.de/

 

 

1) Carl Loog, Die Weissagungen des Nostradamus, Erstmalige Auf­fin­dung des Chiffre­schlüssels und Enthüllung der Prophezei­ungen über Europas Zukunft und Frankreichs Glück und Nieder­gang 1555 – 2200, 6. Auflage, Johannes Baum Verlag, Pfullingen i. Württ.

 

Die 1. Auflage dieses Titels erschien zweifelsohne im Jahre 1921, nur ein Jahr dar­auf folgte die 6. – 8. Auflage. Bei dem angegebenen Verfasser handelt es sich nicht um ein Pseudonym. Dieser Um­stand ist sehr bemerkenswert, denn der unveränderte Titel wurde im Jahre 1940 in der 5. und 6. Auflage vom gleichen Verlag vertrieben, obwohl Publikatio­nen zu Weissagungen schon im November 1939 verboten wurden. Dieser Sachverhalt läßt zwei mögliche Erklärungen zu:

 

a) Der Verlag produzierte im Jahre 1940 mit den alten Druckplatten neue Exemplare, de­klarierte diese als 5. und 6. Auflage, welche dann auf dem Schwarzmarkt ver­trieben wur­den.

 

b) Die NS-Zensurbehörden duldeten den legalen Verkauf, weil der Inhalt dieser Schrift noch nach 19 Jahren seit der Erster­schei­nung ei­nen ge­wissen propagandi­stischen Wert aufwies. Erst nach Rudolf Hess Flucht am 10.05.1941 wurden alle Ver­lage, die auf astrolo­gi­sche und okkul­tistische Literatur speziali­siert wa­ren, ge­schlossen und die noch vorhandenen Bestände ein­ge­stampft.

 

Zu Carl Loog konn­ten weder im BArch noch im PAAA überlieferte Aktenvorgänge er­mittelt werden. Doch die durchgängigen Eintragun­gen seiner Wohnadressen und Be­rufs­bezeichnungen in den „Berliner Einwohnerverzeichnissen“ zwischen den Jahren 1917 – 1932 bele­gen, daß es sich bei ihm um eine existente Person han­delte.

Der Johannes Baum Verlag gab im Jahre 1921 seinen Vorna­men mit einer falschen Schreibweise wieder. Dieser wies einen Carl Loog als Autoren auf, es hätte jedoch hei­ßen müssen Karl Loog.

 

2) Bruno Winkler, Und dies geheimnisvolle Buch, 1937 Görlitz: Regu­lus-Verlag

 

3) Bruno Winkler, Nostradamus und seine Prophezeiungen für das zwanzigste Jahr­hundert, 1939 Görlitz: Regulus-Verlag

 

4) Bruno Winkler, Englands Aufstieg und Niedergang nach den Pro­phe­zeiungen des großen französischen Sehers der Jahre 1555 bis 1558, Leipzig 1940

 

Die Nostradamus-Schriften von Bruno Winkler wurden, da diese in­haltlich nicht sehr relevant sind, nie zur Auslandspropaganda heran­gezogen.

 

5) Prédictions, Que se passera-t-il entre le printemps 1940 et le prin­temps 1941?, Ant. Rossier, Geneve

 

Diese großformatige, acht Seiten umfassende Faltbroschüre ist heute an keiner Na­tio­nalbibliothek nachweisbar. Diese wurde auch auf ser­bisch übersetzt und er­schien eben­falls 1940 in Belgrad. Origi­nalexemplare dieser Broschüren sind unter PAAAR 66.658 einzu­se­hen.

 

6) Informations-Schriften Nr. 18, Die Prophezeiungen des Nostra­da­mus, Europa- Ver­lag 1940                        

 

7) Informations-Schriften Nr. 38, Der Seher von Salon, Europa – Ver­lag 1941

 

8) Brochures ter Informatie no. 18, De vorspellingen van Nostrada­mus, Europa–uit­geverij 1941

 

9) Information universelle N° 18, Les Prophéties de Nostradamus, Édi­ti­ons universel­les, 1941

 

In der BSB sind insgesamt 48 deutschspra­chige Ausgaben der Informations-Schrif­tenreihe erhal­ten, die zwi­schen 1940 – 1942 welt­weit erschienen. Die meisten Broschüren des Eu­ropa-Verlages weisen keinen Verfasser auf und stets ist Berlin als Herstellung­sort identifi­zierbar: Druck– und Verlagshaus Erich Zander, Deutsche Zentraldrucke­rei sowie Rotadruck Wilhelm Meyer.

Der Urheber dieser Propa­ganda­broschüren war die Informations­stelle des  A. A., der Verfasser der beiden Nostrada­mus–Titel Dr. Hans Hermann Krit­zin­ger.

 

10) Jean François Pasteur, Hoe zal deze oorlog endigen? W. J. Ort, Gra­venhage, 1940

 

Der tatsächliche Verfasser dieser Schrift ist nicht mit letzter Si­cherheit namentlich zu ermitteln. Fälsch­licherweise wird als Autor stets ein gewisser Jean Francois Pasteur ge­nannt, der jedoch außer im Brinkman’s Ca­talo­gus van Boeken, 1940“ nicht weiter zu bestätigen ist. Auf der Titelseite des Buches wurde lediglich mitgeteilt:

 

Samengesteld uit de nagelaten geschriften van Jean François Pa­steur ()

Zusammengestellt aus den nachgelassenen Schriften von Jean François Pasteur ()

 

Unter der Signatur PAAA – R 66.726 finden sich jedoch einige aussage­kräf­tige Do­ku­mente, die zumindest die Urheberschaft dieser Schrift auf­decken: Am 21.10.1940 richtete Dr. Wilmanns eine Anfrage an die Ge­sandtschaft von Den Haag mit der Bitte um Auskunft darüber, wer dieses Buch in Auftrag gab. Am 16.12.1940 erfolgte lediglich die Rückant­wort, daß der fragliche Titel aus dem RMVP stamme. Karl E. Krafft forderte schon am 12.04.1940 vier Exemplare dieses Bu­ches an. Diese wurden ihm am 29.04.1940 vom Mili­tär­befehlsha­ber in Holland zugesandt, wor­auf dieser über dessen In­halt ein Gut­achten für die Informationsstelle IV des A. A. an­fertigte. Dabei äu­ßerte er die Vermutung, daß diese Schrift mit höchster Wahrschein­lichkeit aus dem RMVP stamme.

 

Ein Exemplar der damals in Holland verkauften Bücher ist heute an der BSB einzusehen. Auf Seite 3 wurde vom Herausgeber erwähnt, daß nur eine sehr geringfügige Auflage von 100 Stück hergestellt wurden. Da jedoch keine Exemplarnumerierung aufzufinden ist, ent­steht der Eindruck, daß man suggerieren wollte, diese Schrift sei besonders exklusiv. Der Tätigkeitsbericht des RMVP vom 01.01.1940 – 31.08.1940 weist jedoch eine holländische Nostradamus-Auflage von 5000 Stück auf.

Alexander Centgraf gab in seinem holländischen Nostradamus-Buch „Voorspellingen die uitgekomen zijn…“ zu verstehen, daß er den Inhalt des Buches von Jean Francois Pasteur kenne. Seine inhaltlichen Kenntnisse zu einer Schrift, die für die Auslandspropaganda be­stimmt war, ist jedoch ausschließlich aufgrund seiner Kontakte im RMVP erklärbar oder aber Alexander Centgraf war der Verfasser ei­ner zweiten Nostradamus-Propagandaschrift, die ebenfalls nur in Holland zirkulierte. Diese Schlußfolgerung könnte auch eine Erklä­rung zu der „Nostradamus-Aktion“ liefern, die in dem oben erwähnten Dokument der Antikomintern ausdrücklich erwähnt wird. Dem­nach handelte es sich dabei um zwei Buchpublikationen der Nostradamus-Propaganda, die in einem größeren zeitlichen Abstand er­schienen und von ein und demselben Verfasser stammen.

 

11) Karl Ernst Krafft, Nostradamus sieht die Zukunft Europas, zweite Jah­reshälfte 1940 – unveröffentlichtes Urmanuskript

 

Ursprünglich beabsichtigte die Informationsstelle die Erstveröf­fentlichung dieses Ma­nuskripts in Holland. Doch am 11.10.1940 wurde dies von dem zuständigen Reichskom­missariat mit der Begrü­ndung abgelehnt, daß zum Thema Nostradamus schon der Titel „Hoe zal deze oorlog endigen?“ erschienen sei – PAAA R 66.726. Weitere zahlreiche Dokumente zu Karl E. Kraffts Urmanuskript finden sich unter PAAA – 66.711 sowie 66.715.

 

12) Karl Ernst Krafft, Comment Nostradamus a-t-il entrevu l'Avenir  de l'Europe ?" - Edi­tions Snellew, Bruxelles. 1941

 

13) Karl Ernst Krafft, Nostradamus predice el porvenir de Europa/Edi­ciones Espano­las, 1941 (Art. Gra.Diana)

 

14) Karl Ernst Krafft, Nostradamus ve o futuro da Europa/Lisboa: Alma, 1941

 

15) Karl Ernst Krafft, Nostradamus forudser Europas Fremtid/Ko­ben­havn: Trini­dadstr., 1941

 

Zu Kraffts Nostradamus-Buch existieren im Internet meh­rere Hinweise, die eine rumänische Über­set­zung mit dem Titel „No­stradamus prezice viitorul Européi, Bu­ca­rest 1941“ höchst wahr­scheinlich machen. Zwar war ein Standort von Exempla­ren mit gleich­lautendem Titel und Verfasser bisher nicht zu lokalisieren, aber auf rumäni­schen Webseiten von Antiquariaten wird das Buch in einer im Jahre 1992 erstellten Neuauflage zum Verkauf angeboten.

Außerdem fand sich in Karl E. Kraffts Manuskript „Der Schicksalweg des British Empire“ (siehe 17) unter „Wichtigste Veröffentlichungen des Verfa­ssers“ ein weiterer stichhaltiger Hinweis für die rumänische Übersetzung seines Urmanuskriptes:

 

Comment Nostradamus a-t-il entrevu l’avenir de l’Europe ?

(Edit. Snellew/Brüssel 1941. Rumänische Ausgabe bei Nicolas Stroila/Bucarest 1941; portugiesische und spanische Uebersetzung in Vorbereitung.

 

16) Karl Ernst Krafft, Nostradamus Europa jövendőjét látja, Stádium Sajtóvállalat Rt. – Budapest, 1941 

 

Der holländische Forscher Theo van Berkel teilte mir am 02.10.06 mit, daß im Katalog der ungarischen Nationalbibliothek eine ungari­sche Übersetzung von Kraffts Nostradamus-Manuskript nachzuweisen ist.

 

Eintrag im Katalog der ungarischen Nationalbibliothek:                                             

 

                                                123.082/Raktár

 

Név/nevek                            Krafft, Karl E.

Cím és szerzőségi közlés:  Nostradamus Európa jövendőjét látja Karl E. Krafft.

Megjelenés: [Budapest] :   Stádium, [1941].

Terj./Fiz. jell.:                      100 p., 8 t. 20 cm

 

 

17) Karl Ernst Krafft, Der Schicksalsweg des British Empire, Anfang Mai 1941

 

Dieses Manuskript wurde weder veröffentlicht noch in andere Sprachen übersetzt. Das erhaltene Exemplar befindet sich in PAAAR 66.658.

 

18) Norab, Nostradamus spådomar om kriget, Stockholm Bokindustrie, 1940

 

19) Norab, Nostradamus prophecies about the war, Stockholm Bokin­dustrie aktiebo­lag, 1940

 

Das Autorenpseudonym „Norab“ wurde bereits im „Svensk Bok – Katalog, 1936 – 1940, S. 701“ aufgelöst. Danach war der tatsächliche Verfasser dieser Nostradamus-Schriften ein gewisser Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein (1886 – 1946), der dem schwedischen Zweig des Aristokratengeschlechts der Stael von Holsteins entstammte.

Das Pseudonym wurde, so sollte man meinen, mit Bedacht ge­wählt, denn einerseits handelt es sich um einen geläufigen schwedi­schen Familienname. Andererseits ergibt „Norab“ von hinten nach vorne gelesen den Adelstitel „Baron“, was mit Sicherheit nicht dazu bei­getragen haben dürfte, die tatsächliche Identität Staël von Hol­steins lange zu verschleiern.

Des weiteren sind anhand der Bände des „Svensk Bok – Katalog“ zwölf weitere pro­nazistische Titel zu ersehen, die Lage Fabian Wil­helm Staël von Holstein verfaßte oder übersetzte.

Bemerkenswerterweise erkannte auch die Ausgabe der „Berliner Titeldrucke“ aus dem Jahre 1941 den Umstand, daß es sich bei „No­rab“ um ein Pseudonym handelte, konnte oder durfte es jedoch nicht auflösen. 

Eine Gegenkontrolle mit dem Katalog der BSB ergab, daß die Titel a) und e) iden­tisch mit jenen sind, die auch in dem oben erwähnten Tätigkeitsbericht der Abteilung Ausland im RMVP unter dem Auto­rennamen Stael von Holstein verzeichnet wurden.

 

a) Vår neutralitet / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - Stock­holm: Åström, 1939

 

b) Norden inför världsbranden / Lage Fabian Wilhelm Staël von Hol­stein. - Stockholm: Neutrala Inst., 1940

 

c) ?Vencerá Inglaterra? / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. – Madrid: Rubiños, 1940

 

d) Kan Engeland den oorlog winnen? / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - 's - Gra­venhage: Ort in Komm., [1940]

 

e) Det nya Europa / Lage Fabian Wilhelm Staël von Holstein. - Stock­holm: Neutrala Inst., 1940

 

 

20) Alexander Centgraf, Voorspellingen die uitgekomen zijn: Michel Nostrada­mus spreekt in 1558 over het verloop en den

       uitslag van dezen oorlog, A. de Tombre, 1942

 

Zu der Nostradamus-Schrift von Alexander Centgraf waren bis zum Abschluß der Ar­chivrecherchen weder im BArch noch im PAAA Schriftdokumente aufzufinden. Auch über den Verbleib eines evtl. noch existierenden schriftlichen Nachlasses war nichts in Erfah­rung zu bringen.

 

 

21)  Entwurf eines Nostradamus-Flugblattes, Ende 1939? 

Der hier dargestellte Entwurf eines nicht verbreiteten Nostrada­mus-Flugblattes ist Bestandteil der in der BRD bedeutendsten Samm­lung von Propagandaflugblättern aus dem Zweiten Weltkrieg, die von dem Hi­storiker Dr. Klaus Kirchner zusammengetragen wurde; ein Originalexemplar befindet sich in der BSB und wird in der Einblatt­sammlung 1939/45 unter 1736. N 1 archiviert.

Das Original ist nur auf der Vorderseite bedruckt und die Masse betragen 11cm × 12cm.

Laut Dr. Klaus Kirchner liegen zu diesem Flugblatt weder die sonst üblichen inter­nen Codezeichen noch Abwurfberichte der deut­schen Luftwaffe vor.

Auch der inhaltliche Abgleich mit Walter Schellenbergs Bericht zur Nostradamus-Propaganda legt nahe, daß es sich hierbei nicht um je­nes Flugblatt handeln kann, das nach dem 15. Mai 1940 über französischem Territorium abgeworfen wurde.

Die Benennung des RMVP als Urheber des vorliegenden Ent­wurfes scheint insoweit gerechtfertigt, als daß der Ministerialdirigent Leo­pold Gutterer am 25.11.1939 beauf­tragt wurde, „das Nostrada­mus-Flugblatt schnellstens anfertigen zu lassen“. Die Frage, wes­halb dieser Entwurf nicht zum Einsatz kam, ist in keiner Weise zu be­ant­worten.

Aber eine Textanalyse ergab, daß auch hier eine Methode der Manipulation ange­wandt wurde, die durchdacht und nicht sofort durch­schaubar war. Denn bei den Zeilen 7 sowie 13 – 15 handelt es sich um Komplettfälschungen. Die an­deren Zeilen wurden der VIII. sowie der X. Zenturie entnommen und willkürlich ineinander gefügt. Da­bei wurden die Urtexte der einzelnen Zeilen an die heute ge­bräuchliche Orthographie der französischen Sprache angepaßt.

 

 

Konsultierte Archive und Bibliotheken:

 

BArch – Bundesarchiv Abteilung R  (Berlin)       

PAAA   Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (Berlin)

BSB     Berliner Staatsbibliothek

HUB     Humboldt Universität Berlin

SLA     Schweizer Literaturarchiv  (Bern)                         

ZLB     Zentrale Landesbibliothek Berlin                 

IFZ       Institut für Zeitgeschichte (München)       

IGPP    Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. (Freiburg)         

Gedenkstätte Buchenwald - Archiv der Gedenkstätte Buchenwald  

EKM -     Kirchliche Archive und Bibliotheken in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (Magdeburg)  

 

 

 

 

 

 

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