Kein Widerstandsverlag
Kommission präsentiert Zwischenergebnis zur
Geschichte des Bertelsmann-Verlages unter dem Faschismus
"Es gibt keine Belege, daß Bertelsmann im
3.Reich als Widerstandsverlag verfolgt wurde." Mit diesem Ergebnis trat
eine "Unabhängige Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte
des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich" (UHK) an die Öffentlichkeit. Die
Kommission unter Leitung des renommierten jüdischen Historikers Saul Friedländer
präsentierte am Montag in der Universität München die Zwischenergebnisse ihrer
Untersuchungen.
In der bisherigen Firmenlegende hatte sich
Bertelsmann gerne als Opfer des NS-Regimes präsentiert, das wegen
regimekritischer Literatur zensiert und schließlich verboten wurde. Diese
Darstellung verbreitete insbesondere der Bertelsmann-Haushistoriker Bavendamm, der von den Mitgliedern der UHK als rechter
Geschichtsrevisionist eingeschätzt wird. Eine Aufgabe der Kommission sei
schließlich, die Darstellung Bavendamms zu
korrigieren. Schon deswegen lehnt die UHK die Zusammenarbeit mit Bavendamm ab, begründete Friedländer den Ausschluß des
Haushistorikers von ihren Untersuchungen.
Der Bochumer Historiker Norbert Frei ging auf
die Person des ehemaligen Bertelsmann Chefs Heinrich Mohn ein. Erwiesen ist,
daß Mohn, obwohl aktives Mitglied der NS-kritischen "Bekennenden
Kirche", auch Mitglied im Förderkreis der SS war. Zwischen 50 Pfennig und
50 Mark monatlich spendeten die Fördermitglieder, die ansonsten keine Funktion
in der SS hatten. "Die FM-Organisation ist für
den Bestand der Schutzstaffel von größter Bedeutung und darf in ihrer Arbeit
von keiner anderen Dienststelle gestört werden", erklärt das
NSDAP-Organisationshandbuch von 1943 hierzu. Weiterhin leistete Mohn regelmäßige
Spenden an NS-Jugendorganisationen, in denen seine Kinder aktiv waren.
"Wir haben noch kein Gesamtbild seiner Person", so Frei.
Der Münchner Buchwissenschaftler Reinhard
Wittmann ging auf die Schließung des C. Bertelsmann Verlages durch das
NS-Regime 1944 und des ebenfalls zu Bertelsmann gehörenden religiösen Verlages
"Der Rufer" 1943 ein. Als Grund für die Schließung wird Papiermangel
angegeben. Bertelsmann galt als "nicht kriegswichtig". Wittmann
bezweifelt diese offizielle Begründung, da Bertelsmann der größte Produzent von
Wehrmachtsliteratur war. "Das Verfahren wegen ungenehmigter Papierkäufe
den Hintergrund für diese Maßnahme bilden, ist zu vermuten." In einem
Prozeß wegen Papierschieberei waren mehrere hochrangige Verlagsmitarbeiter
1943/44 angeklagt worden. Wenige Tage vor Kriegsende sprach sie das
Sondergericht Bielefeld allerdings frei. "Die UHK besitzt bisher keine
Anhaltspunkte dafür, daß die Schließung des Verlages C. Bertelsmann 1944 auf
Grund seiner konfessionellen Ausrichtung als theologischer Verlag oder wegen
einer Beziehung zur Bekennenden Kirche erfolgt ist. Dies gilt ungeachtet der
Tatsache, daß es für die Zeit ab 1933 Belege für Zensurmaßnahmen vor allem
gegen das religiöse-theologische Schrifttum des
Verlages gibt", so Wittmann. Diese Belege blieb die Kommission allerdings
vorerst genauso schuldig, wie die Angabe, wann und wo sie die bisher nicht
aufgefundene Verbotsverfügung entdeckt hat.
Der Münchner Theologe Trutz Rendtorff
untersuchte das theologische Programm der Verlage C.Bertelsmann
und "Der Rufer". Als durchgehende Linie machte er einen "Antimoderismus", verbunden mit Antisemitismus und
Antibolschewismus aus, der sich gegen Intellektualität, Rationalismus und
Liberalismus richtete. "Konservatives, autoritäres, völkisches,
antisemitisches, biologistsiches Denken ist in vielen
Texten präsent, ohne, daß sich explizite Anschlüsse an die Ideologie des
Nationalsozialismus ... immer entdecken lassen." Obwohl einige religiöse
Bücher am 1933 nicht gedruckt werden durften, sei Bertelsmann im Vergleich zu
anderen Verlagen "nicht besonders von Zensur betroffen" gewesen.
Entgegen anderslautender Darstellungen sei Bertelsmann auch kein Verlag der
"Bekennenden Kirche" gewesen.
"Die deutschen Verlage gehörten zu den
größten Kriegsgewinnlern", erklärte Professor Wittmann. Obwohl damals
keineswegs einer der größten deutschen Verlage, hätte Bertelsmann von insgesamt
75 Millionen sogenannten Wehrmachtsausgaben ca.20,4
Millionen produziert. Der NSDAP-eigene Eher Verlag
stand bei den Wehrmachtsausgaben hinter Bertelsmann erst an zweiter Stelle.
Während die allgemeine Belletristik nicht weiter propagandistisch gewesen sei,
hätte Bertelsmann für die Wehrmachtsangehörigen und die Waffen-SS auch
Kriegsschilderungen gedruckt, die "offen antisemitisch und
kriegsverherrlichend" seien.
Ob Bertelsmann oder eine der 119
angeschlossenen Druckereien auch Zwangsarbeiter beschäftigt habe, konnte noch
nicht geklärt werden. Lediglich vier fremdländische Arbeitskräfte hätte der
Verlag damals angegeben. Hier sieht die UHK noch großen Forschungsbedarf.
Erst nach Abschluß der Forschungen möchte die
Kommission das Hausarchiv von Bertelsmann auch für andere Wissenschaftler, wie
den Düsseldorfer Zeitgeschichtler Hersch Fischler
öffnen. Dessen Forschungen hatten Bertelsmann überhaupt erst zur Berufung der
UHK veranlasst. Als in solchen Fällen auch bei
anderen Unternehmen durchaus übliche Praxis bezeichnete Friedländer den
Beschluß, vor Ende der Untersuchungen das Archiv nicht für Fremde zu öffnen, um
ungestört forschen zu können. "Fischler hat große Verdienste. Durch ihn
hat die Forschung über die Geschichte von Bertelsmann erst angefangen", so
Friedländer.
Für den Düsseldorfer Historiker ist dagegen bei
der UHK "Hopfen und Malz verloren". "Ich habe Bertelsmann nicht
NS-Propaganda vorgeworfen, sondern Heuchelei, was die eigene Geschichte
betrifft. Diese Heuchelei geht bei der UHK weiter", äußerst Fischler nach
Abschluß der Pressekonferenz gegenüber "junge Welt". Obwohl die UHK
viele seiner Forschungsergebnisse bestätigt habe, habe er keinerlei
Erwartungen mehr. Ende des Jahres hofft die UHK, ihren Abschlußbericht
vorzulegen.
Junge Welt, Nick Brauns, 17.1.2000
Die Sterne
helfen den Deutschen siegen
Wie die Nazis die Prophezeiungen von Nostradamus zur psychologischen
Kriegsführung nutzten
Die düsteren Prophezeiungen des
mittelalterlichen Astrologen Michael Nostradamus erfreuen sich seit den
Anschlägen des 11. September 2001 wieder größten Interesses. Daß schon die
Nazis die okkulten Wahrsagungen für ihre psychologische Kriegsführung einzusetzen
wußten, zeigt der Nostradamus-Forscher
„Die ganze Welt ist voll von mystischem
Aberglauben. Warum sollen wir das nicht ausnutzen, um die gegnerische Front zu
unterhöhlen“, vertraute Joseph Goebbels am 24. November 1939 seinem Tagebuch
an. Von Astrologen wie dem Schweizer Karl Ernst Krafft ließ der
Propagandaminister die Prophezeiungen des Nostradamus manipulieren, daß diese
als psychologische Waffe gegen die Kriegsgegner einsetzbar waren.
In einem Vierzeiler des Nostradamus heißt es:
„In das große Deutschland überführen wird er / Brabant
und Flandern, Gent, Brügge und Bologne: / Der falsche
Waffenstillstand, der große Fürst aus Armenien, / Er wird Wien und Köln
angreifen.“
Auf Gobbels’
Direktive hin wurde aus Armenien „Arminien“, also das
Land Armins des Cheruskers, des Siegers über die
Römer in der Schlacht am Teutoburger Wald. Im Sinne der Nazis ließ sich der
Spruch so deuten: Weil der Versailler Waffenstillstand ein Betrug war, wird der
große Führer aus dem Land des Armin, Adolf Hitler, Brabant,
Flandern, Gent, Brügge und Bologne ebenso ins
großdeutsche Reich bringen wie Wien und die
Rheinlande.
Nostradamus-Propaganda wurde über Geheimsender,
Flugblattabwürfe der Luftwaffe, Kettenbriefe und Broschüren wie „Sterne helfen
den Deutschen siegen“ in den Feindstaaten sowie den neutralen Ländern
verbreitet. Sie sollte die Sinnlosigkeit jeglichen Widerstands gegen die
Aggressionskriege der Nazis suggerieren. Aufzeichnungen führender Nazipolitiker
belegen, daß die okkulte Propaganda ihr Ziel nicht verfehlte.
So beschreibt der Geheimdienstchef der Nazis
Walter Schellenberg in seinen Memoiren die Wirksamkeit der
Nostradamus-Propaganda zur Lenkung von Flüchtlingsströmen während der Invasion
in Nordfrankreich.
„Wir wählten unter anderem Zitate, in denen
Nostradamus „rauchende Feuermaschinen“ prophezeite, die unter lautem Lärm über
den Städten erscheinen und Schrecken und Vernichtung über die Menschen bringen
würden. Von uns aus prophezeiten wir zusätzlich, daß nur der Süden und Südosten
Frankreichs von solchem Unheil verschont bleiben werde. Panikartig schob sich
daraufhin die Masse des Flüchtlingstroms in die von
uns angegebene Marschrichtung. Die deutschen Truppen erhielten dadurch die
gewünschte Bewegungsfreiheit, während die Marschwege der französischen Armee
erheblich blockiert wurden.“
Junge Welt, Nick Brauns, 04.10.2006
Braune Schriften bei Bertelsmann
Medienkonzern vertreibt Buch über Nostradamus
von Nazi - Propagandisten
In der Öffentlichkeit gibt sich Bertelsmann
gern das Image eines liberalen Medienkonzerns. Forschungen zur Rolle des
Verlages unter dem Nationalsozialismus haben das Image des selbsternannten
„Widerstandsverlags“ mittlerweile erschüttert. Auch weiterhin finden sich im Programm der Randomhouse-Bertelsmann-Verlagsgruppe
braune Flecken.
Als „echten Klassiker der
Nostradamus-Literatur“ wird beim Internet-Buchhändler Amazon.de
das Buch „Nostradamus: Prophetische Weltgeschichte. Übersetzt und gedeutet von
Dr. N. Alexander Centurio“ beworben. Das aus den 60er
Jahren stammende Buch erscheint heute unter der Lizenz bei der Randomhouse/Bertelsmann-Verlagsgruppe. Wie der Historiker
„Ich habe seit 1918 in Wort und Schrift für den
Wiederaufbau der Deutschen Reiches gekämpft“, rühmte sich Centgraf,
der seit 1933 SA-Mitglied war, bei seinem Eintritt in die NSDAP im Jahr 1937.
Als Mitarbeiter der Antikomintern wurde Centgraf am 5. Januar 1945 mit dem Kriegsverdienstkreuz II.
Klasse ohne Schwerter ausgezeichnet. „Er hat vorwiegend bei kriegswichtigen
Sonderaktionen der Antikomintern mitgearbeitet, so.
z.B. der Nostradamus-Aktion“, heißt es als Begründung.
Reichsminister Goebbels hatte persönlich den
Einsatz von manipulierten Nostradamus-Prophezeiungen zur psychologischen Kriegsführung
angeordnet. Die okkulte Propaganda wurde über Geheimsender, Flugblattabwürfe
der Luftwaffe, Kettenbriefe und Broschüren im Ausland verbreitet, um unter
Ausnutzung des weitverbreiteten Aberglaubens die Sinnlosigkeit jeglichen
Widerstands gegen die Aggression der Nazis zu suggerieren.
Propagandist des Antikommunismus blieb Centgraf auch in dem bis heute erhältlichen
Nostradamus-Buch. Gezielt schürt er darin vor dem Hintergrund des kalten
Krieges Ängste vor der Sowjetunion und China als Bedrohung für die westliche
Zivilisation.
„Mein erklärtes Ziel ist es, daß Centgrafs unsägliches Machwerk endlich vom Büchermarkt
verschwindet“ erklärt Maichle. Doch bei Bertelsmann stößt er auf taube Ohren.
Junge Welt, Nick Brauns, 29.11.2006
Meinungsforschung als Propaganda
Heute
wird Elisabeth Noelle-Neumann 90 Jahre alt. Sie verkörpert deutsche
Kontinuität.
Von der
Weissagerin im antiken Delphi wird berichtet, vor der Prognose habe sie
zusammen mit den Ratsuchern ein gemeinsames Bad genommen. Die Presse nennt
Elisabeth Noelle-Neumann gerne die „Pythia vom Bodensee“, denn auch sie ist
bekannt für den engen Kontakt zu ihren Auftraggebern. Heute feiert sie ihren
90. Geburtstag und kann auf ein bewegtes und erfolgreiches Leben zurückblicken.
1916 als Fabrikantentochter geboren wuchs sie in großbürgerlichen Verhältnissen
auf. Der elitäre Zug ihrer politischen Vorstellungen mag dort seinen Ursprung
gehabt haben. Während der Nazi-Zeit war sie Journalistin, später eine
einflußreiche Akademikerin, sie war Beraterin des Bundeskanzlers Konrad
Adenauer und schließlich eine enge Freundin Helmut Kohls. Ihr Institut für
Demoskopie (IfD) in Allensbach am Bodensee war nicht
nur eine wissenschaftliche Forschungsstätte, sondern auch ein Zentrum des
deutschen Konservatismus.
Dubiose
Rolle im Nationalsozialismus
„Die
Gefahr, ins Konzentrationslager gesteckt zu werden, schwebte immer über mir“,
schrieb Noelle-Neumann im Januar 1992 in einem Brief an Commentary,
die Zeitschrift des American Jewish Comitee. Der amerikanische Meinungsforscher Leo Bogart
hatte dort zuvor die Tätigkeit seiner deutschen Kollegin zwischen 1933 und 1945
kritisch untersucht. Obwohl die Demoskopin sich öffentlich immer wieder als
Oppositionelle darzustellen versuchte, kam er in seinem Beitrag zu ganz anderen
Schlüssen: „Aufgrund ihrer hervorragenden Zeugnisse als Aktivistin und Leiterin
nationalsozialistischer Jugend- und Studentenorganisationen“ sei sie unter
anderem mit einem Auslandsstipendium belohnt und vom Propagandaministerium
unter Joseph Goebbels gefördert worden. Fünf Jahre später interpretierte der
Kommunikationswissenschaftler Christopher Simpson ihre Theorien vor deren
zeitgeschichtlichem Hintergrund und versuchte nachzuweisen, wie diese in
staatlichen Propagandamethoden umgesetzt wurden. Noelle-Neumann reagierte
empört auf diese Artikel. Mit einer gezielten „Kampagne“ solle ihre „Identität
zerstört“ werden. Entlastendes konnte sie allerdings nicht vorweisen.
Noch vor den amerikanischen Wissenschaftlern hatte der deutsche Publizist Otto
Köhler in seinem Buch „Wir Schreibtischtäter“ (1989) Wollen und Wirken der
jungen Noelle im Nationalsozialismus öffentlich gemacht. Er verwies auf ihre
Dissertation über die Meinungsforschung in den USA, in der es unter anderem
heißt: „Seit 1933 konzentrieren die Juden, die einen großen Teil von Amerikas
geistigem Leben monopolisiert haben, ihre demagogischen Fähigkeiten auf die
Deutschlandhetze.“ In dieselbe Kerbe schlug sie später in einem Artikel mit dem
Titel „Wer informiert Amerika?“ in der Zeitschrift Das Reich: „Juden schreiben
in den Zeitungen, besitzen sie, haben die Anzeigenagenturen fast monopolisiert
(...). Sie kontrollieren die Filmindustrie, besitzen die größten Radiostationen
und alle Theater.“
Zum Skandal wurden Köhlers Informationen nicht, weil die Presse peinlich
berührt über die Nestbeschmutzung hinwegging. Erst als in den USA Elisabeth
Noelle als Nazi-Propagandistin angegriffen wurde, kam auch in Deutschland eine
zögerliche Debatte in Gang, ob die soziologische Koryphäe sich damals aus
Überzeugung oder Ehrgeiz als Nazi gab. Das war natürlich nichts als eine
Scheinfrage: Bekanntlich konnten sich beide Antriebskräfte hervorragend
ergänzen. Elegant umgangen wurde so aber das Problem, wieviel Faschismus
eigentlich in Noelle-Neumanns Theorien und damit auch im westlichen
Nachkriegsdeutschland steckte, wo sie so außerordentlich erfolgreich war.
Ein
Job-Angebot von Goebbels
Welche
gesellschaftliche Rolle soll die Meinungsforschung ihrer Ansicht nach spielen?
Mit ihrer Promotion will Elisabeth Noelle 1940 eine neue
sozialwissenschaftliche Methode aus den USA nach Deutschland importieren: die
Massenumfrage, mit standardisierten Fragen, „repräsentativem Sample“ und
statistischer Auswertung. Deren angebliche Wissenschaftlichkeit liegt für sie
darin – für viele deutsche Konservative noch lange eine Provokation –, daß sich
mit ihrer Hilfe der öffentliche Meinungsstreit auf Zahlenverhältnisse reduzieren läßt. Die so gewonnen Informationen sind die
Voraussetzung, um Massen regieren zu können. Ihre
Doktorarbeit enthält nicht nur rassistische Klischees und antisemitische
Verschwörungstheorien, sondern auch handfeste Ratschläge: „Die durch die
Massenbefragung einmal eröffnete Aussicht, in die Gedanken, Gewohnheiten und
Stimmungen einer beliebig großen anonymen Menge Menschen einzudringen“, sei
ein so großer „Gewinn, sei es für die Meinungsführung, die
Geschichtswissenschaft oder irgendein anderes der Gebiete, die den Menschen in
den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen“, daß die Regierung geradezu
verpflichtet sei, demoskopische Mittel anzuwenden – „insbesondere (unter – M.
B.) deutschen Verhältnissen“. Welche Wirkung Propaganda zeigt, wie
bestimmte Gruppen und Schichten auf ihre Politik reagieren – all diese Fragen
müssen jede Regierung interessieren, ob sie sich nun hauptsächlich auf Parlamentswahlen,
Akklamation oder Gewalt stützt. Noelle argumentiert, nützlich sei die
Demoskopie auch für die Untersuchung der öffentlichen Meinung in
Nazi-Deutschland, obwohl die – so zitiert sie Joseph Goebbels – „zum größten
Teil das Ergebnis einer willensmäßigen Beeinflussung
ist“. Bis dahin war der Minister über die Wirkung seiner Propaganda auf
Vermutungen und zweideutige Indizien angewiesen. Gerade weil spontane
Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit unterdrückt wurden, stand der oberste
Propagandist vor dem Problem, über die Stimmung im Volk ungenügend unterrichtet
zu sein. „Bei der Erfüllung dieser Aufgaben (der Regierung – M. B.) wäre ein zuverlässiges System der Massenbefragung nicht nur
wertvoll als eine Kontrolle der eigenen Wirksamkeit, sondern auch als ein Hilfsmittel
der Einfühlung in das wahre Wesen der Geführten“, wirbt die junge
Wissenschaftlerin eifrig. Waren diese Darlegungen der Grund dafür, daß Goebbels
ihr zwei Jahre später laut eigener Aussage eine Stelle als seine „Adjutantin“
anbot? Wären Meinungsumfragen im Stil Allensbach im faschistischen Deutschland
machbar gewesen? Jedenfalls kam die Zusammenarbeit nicht zustande, Noelle blieb
Journalistin und Goebbels setzte auf die Berichte des Sicherheitsdienstes, die,
obschon nicht „repräsentativ“, systematisch ausgewertet und zur
„Meinungsführung“ genutzt wurden.
Zwischen Beratung und
politischer Kampagnen in der BRD
In der wissenschaftlich begründeten Politikberatung erkennt Elisabeth Noelle
also schon 1940 ihre Aufgabe als Demoskopin. „Die Demoskopie (sollte – M. B.) der Pflege des Konsenses zwischen Regierung und Regierten
dienen“, wird sie später in eine Rede betonen. Vom Zusammenbruch
Hitler-Deutschlands bleibt diese Aufgabenstellung unberührt. Dabei geht es
nicht darum, etwa den Ansichten der Bevölkerungsmehrheit zur Verwirklichung zu
helfen – wozu demoskopische Mittel auch ganz ungeeignet sind. Ihre politischen
Ansichten sind technokratisch bis antidemokratisch, die von ihr befragte
Bevölkerung entspricht keineswegs dem aufklärerischen
Ideal eines raisonierenden Publikums, sondern einer
Masse, die angeleitet werden muß. Der „mündige Bürger“ ist ihrer Ansicht nach
ein Ideal, „das wir in der Demoskopie nicht wiederfinden können“. Politik
sollte man daher denen überlassen, die etwas von ihr verstehen: „Das richtige
Vorgehen wäre es, daß sich zunächst die Experten fachkundig machen, daß sie
daraufhin die Politiker und Journalisten informieren und daß schließlich die
Politiker mit Hilfe der Journalisten den Wählern klarmachen, warum bestimmte
Maßnahmen richtig sind.”
1948 gründet sie mit ihrem Mann Peter Neumann das IfD,
das erste und lange Zeit das einflußreichste Meinungsforschungsinstitut der
Bundesrepublik. Ab Anfang der fünfziger Jahre arbeiteten die beiden dann für
das Kanzleramt unter Adenauer. Außerdem beliefert man die Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Umfragen; später wird sie für die
konservative Tageszeitung auch schreiben. Als 1982 die Koalition aus CDU und
FDP an die Macht kam, bedankt sich der neue Kanzler Helmut Kohl: Ab 1983
erhielt Allensbach die Hälfte aller Meinungsforschungsaufträge des
Bundespresseamtes, Aufträge im Wert von 700 000 DM jährlich.
Bis heute ist Allensbach eng mit der CDU verbunden. Immer wieder überschritten
die Umfragen die Grenze zur politischen Kampagne. Etwa 1986, als Elisabeth
Noelle-Neumann von sich aus der deutschen Industrie eine Studie anbot, „um das
demagogische Potential der Arbeitslosigkeit“ zu entschärfen. Die Zahl der
Arbeitslosen hatte die Zwei-Millionen-Grenze
überschritten und das Thema drohte, den Wahlkampf zu bestimmen. Die Ergebnisse
unterstützten die Regierungspolitik: „59 Prozent der repräsentativ befragten
Arbeitslosen erklärten, sie würden keinen Job annehmen, der ihnen keinen Spaß
macht. 39 Prozent wollen sich ‚etwas Zeit‘ bei der Arbeitssuche lassen, fast
die Hälfte hat sich im letzten halben Jahr auf keine Stellenanzeige beworben.”
Trotzdem wurde die Kampagne zum propagandistischen Fehlschlag; schließlich
distanzierte sich sogar die Regierung Kohl von der Umfrage. Ob Vaterlandsliebe
oder die Einstellung zur Marktwirtschaft, Entnazifierung
oder Ostpolitik, Noelle-Neumanns Umfragen waren gezielte politische
Interventionen, ihr Institut ein konservativer Thinktank.
Schweigespiralen
und Geschwätzlawinen
Einflußreich
wurde die Idee von der „Schweigespirale“. Nach ihr die prüfen die
Gesellschaftsmitglieder fortwährend, ob ihre Ansichten mit den
Mehrheitsmeinungen übereinstimmen. „Wenn Menschen glauben, daß sich andere von
ihnen abwenden, leiden sie so sehr, daß sie durch ihre Sensibilität so leicht geleitet
oder manipuliert werden können, als gingen sie am Zügel.“ Dies ist der
Ausgangspunkt für Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der öffentlichen Meinung.
Geschichte und Politik spielen bei der Entstehung des Konformitätsdrucks keine
Rolle, als Mitläufer werden wir geboren.
Vor dem
geschichtlichen Hintergrund ist das natürlich schmeichelhaft. Aus dieser
Perspektive konnte das deutsche Volk gar nicht anders, als seine Meinungen für
sich zu behalten, als die Nazis gegen Juden und Kommunisten hetzten. Erst vor
diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund läßt sich Noelle-Neumanns Idee der
„Schweigespirale“ würdigen: Der einzige international einflußreiche Beitrag zur
sogenannten Medienwirkungsforschung aus Deutschland ist zugleich ein
apologetisches Manöver. „Die Furcht vor Isolation erscheint als die treibende
Kraft, die den Prozeß der Schweigespirale in Kraft setzt“, heißt es in ihrem
Hauptwerk mit dem Untertitel „Öffentliche Meinung – Unsere soziale Haut“. Aus
dieser können wir angeblich so wenig heraus wie aus unserer biologischen. Weil
niemand den Mut gehabt habe, das faktische Gegenteil auszusprechen, schien es,
als seien die Deutschen ein Volk von Judenhassern. Dabei waren sie doch
eigentlich nur sensibel.
Bezogen
auf die bundesdeutsche Politik dagegen, lieferte Noelle-Neumanns Munition für
die rechte Medienschelte. Denn der vermeintlich angeborene Widerwille dagegen,
sich anders als die anderen zu äußern, führt aber zu Verzerrungen, wenn die
Meinungen einer Minderheit nicht entsprechend ihrer „tatsächlichen Verbreitung“
vertreten, sondern „überrepräsentiert“ sind. Die Schweigespirale ist ein sich
aufschaukelnder Prozeß: Die Ansichten von Minderheiten werden seltener
geäußert, deshalb weniger geteilt und deshalb wiederum weniger geäußert usw.
Nur ist
die Minderheit, der Noelle-Neumanns beistehen will, wertkonservativ, und ihre
Kritik gilt den vermeintlich linken deutschen Journalisten. Von den Sorgen der
„schweigenden Mehrheit“ hätten sie keine Ahnung, aber ihre liberale
Ansichten bestimmten das Meinungsklima in der Bundesrepublik. Solche Argumente
nutzte Helmut Kohl in den frühen achtziger Jahren, um die sogenannte
„geistig-moralisch Wende“ durchzusetzen. Protest sei wegen der politischen
Sympathien der Journalisten in der Öffentlichkeit überrepräsentiert, so das
gerne gebrauchte Argument, eigentlich handele er in
Übereinstimmung mit dem Willen der Mehrheit, der aber nicht öffentlich würde.
So groß
soll der Einfluss der Medien sein, daß sie die
politische Tagesordnung (mit-)bestimmen können. Welche Themen und Probleme in
der Öffentlichkeit verhandelt werden, erklärt Noelle-Neumann dabei aus den
Überzeugungen und Interessen der Medienproduzenten. Gelegentlich war ihr Glaube
an die mediale Manipulationsmacht geradezu grotesk. Als bei einer Wahl die SPD
überraschend gut abschnitt, führte die Demoskopin dieses Ergebnis darauf
zurück, daß die Bürger in den Tagen vor der Wahl besonders viel ferngesehen
hätten. Merke: TV macht links! Ein Forschungsergebnis über das Agenda-Setting allerdings widerspricht Überzeugung
Noelle-Neumanns, linke Tendenzen in der Berichterstattung kämen durch die
politischen Vorlieben der Journalisten zustande. Nicht die individuellen
Einstellungen entscheiden demnach darüber, was in die Zeitung kommt, sondern
die Medienproduzenten passen sich im Gegenteil der Tendenz ihrer
Publikationsorgane an. Keine Beachtung schenkt Noelle-Neumann dem Gegenteil der
Schweigespirale, den medialen Geschwätzlawinen, dem mit denen die politische
Klasse Begriffe und Themen besetzt. Offenbar ist der Konformitätsdruck unter
denen, die beruflich Öffentlichkeit herstellen, nicht weniger groß als im
Publikum.
Fiktion
der öffentlichen Meinung
Das
sogenannte Agenda-Setting – der Einfluss
der Medien darauf, was das Volk für wichtig hält – ist in zahlreichen Studien nachgewiesen
worden, wobei sich natürlich die Wirkung des Medienkonsums nicht vom Einfluß
der Politik und anderer Kräfte isolieren lassen. Die Medienwirkungsforschung
steht vor dem unlösbaren Problem, Verhalten nur in der gesellschaftlichen
Wirklichkeit beobachten zu können, in der sich die Einflußgrößen gegenseitig
durchdringen, die sie doch auseinanderhalten will. Deshalb interpretiert die
Meinungsforschung trotz ihres gewaltigen statistischen Aufwands letztlich ganz
genauso wie eine Stammtischrunde. Statistiker sprechen scherzhaft von
„Dichtung und Gewichtung“. Insofern wirkt Noelle-Neumanns Anspruch, in
Allensbach betreibe man exakte Wissenschaft, einigermaßen dreist.
Denn
selbst sie keine Suggestivfragen enthalten, ist es problematisch, statistisch
repräsentative Umfragen als Ausdruck der „öffentlichen Meinung“ zu verstehen.
Obwohl sie nur Wahrscheinlichkeiten ermitteln (die wiederum fast nie angegeben
werden), vermitteln sie ein nur scheinbar objektives Stimmungsbild. Vor allem
aber reduzieren sie per Definition komplexe Haltungen und Entscheidungen auf
Alternativen, die von den Forschern vorgegeben werden und mit den Ansichten der
Befragten nichts zu tun haben müssen. Eine größere Menge unverbindlicher
Antworten soll ein politisches Votum darstellen, als ob die Interviewfrage eine
Abstimmung wäre. Die so erzeugten Prozentzahlen sagen wenig aus, wie der
Soziologe Ferdinand Tönnies bereits 1922 wußte. Der teilte die öffentliche
Meinung in unterschiedliche „Aggregatzustände“ ein: „gasförmig“ sei sie, wenn
es sich um vage Zuneigungen handelt, »flüssig«, wenn sie Überzeugungen
entspricht, und »fest«, wenn sie zu politischen Handlungen führt. Solche
qualitativen Unterschiede eben nicht zu machen, kennzeichnet die bloß
quantitativ arbeitende Umfragedemoskopie. Sie gibt vor, „öffentliche Meinung“
neutral und objektiv widerzuspiegeln, während sie in Wirklichkeit öffentliche
Meinung erzeugt.
Schwindender
Einfluß?
Obwohl
ein privates und profitables Meinungsforschungsinstitut, suchte Noelle-Neumann
und ihr IfD immer die Nähe zur akademischen
Forschung. Statt quasiindustriell Daten zu liefern, setzte sie auf Qualität und
Meinungsführerschaft. Damit das auch in Zukunft so bleibt, gründete sie 1996
die „Stiftung für Demoskopie“, deren Kuratorium „in erster Linie aus dem Kreis
von Führungskräften der Wirtschaft” (z. B. Mannesmann und Nestlé) besetzt ist.
Das erklärt vielleicht auch die Studie vom Juli, die sich mit der Einstellung
der Deutschen zur Globalisierung. Mit dem Ergebnis aber ist man in Allensbach
nicht zufrieden. „Die meisten sehen mehr Risiken als Chancen“, heißt es da. Wie
kann das sein? „Deutschland als weltweit führende Exportnation profitiert durch
die Globalisierung“, schreiben die Verfasser so apodiktisch, wie es nur
Wissenschaftler können. Politisches Erkenntnisinteresse und akademisches
Renommee stehen in einer merkwürdigen Spannung.
Zum
Debakel wurde die Bundestagswahl 2002. In der FAZ stellte man der FDP
wochenlang etwa zwölf Prozent der Stimmen in Aussicht, tatsächlich bekamen die
Liberalen gerade einmal 7,4 Prozent. Auch die anderen großen
Meinungsforschungsinstitute hatten sich gründlich blamiert. Obwohl deren
politischer Einfluß und Umsatz nach wie vor wächst, macht sich in der
Öffentlichkeit ein gewisser Zynismus breit. Das liegt daran, daß sich
mittlerweile fast alle der Meinungsforschung bedienen, und mit Umfragen alles
und auch das Gegenteil bewiesen wird.
Elisabeth
Noelle-Neumann verkörperte wie kaum eine andere die ungebrochene Tradition des
konservativen Deutschlands, eines politischen Lagers, das sich erst für die
Nazis nicht zu schade war und dann die Bundesrepublik prägte. Kommt diese
Tradition nun endlich an ihr Ende? Heute werden ihr die Vertreter der
Führungskreise in Politik und Wirtschaft herzlich zum Geburtstag gratulieren.
Wirklich maßgeblichen Einfluß aber hat ihr Institut nicht mehr, seit der
christdemokratische Übervater Helmut Kohl nicht mehr Partei und Regierung
lenkt. Ihre Macht beruhte vor allem auf persönlichen Netzwerken im
wertkonservativen Lager, das sich tendenziell zersetzt hat. Die neoliberalen
Modernisierer in der CDU können mit ihr wenig anfangen und bedienen sich
anderer Strategien; andere Meinungsfabriken und Lobbygruppen sind
aufgestiegen. Symptomatisch für diese Entwicklung: Seit 2001 klärt statt Noelle-Neumann
der Chef von EMNID Klaus-Peter Schoeppner die
Parteispitze über die Sorgen und Nöte des deutschen Volkes auf.
Während
Allensbach ihre Autorität mit der Aura von Wissenschaftlichkeit stützte,
imitieren die neuen Kampagnen politische „Reformbewegungen“ und setzen auf „Authenzität“. Für Populismus, wie ihn beispielhaft die
„Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ verbreitet, ist Elisabeth
Noelle-Neumann zu alt. Der Bertelsmann-Konzern finanziert das Centrum für Hochschulentwicklung, das sich selbst als
„unabhängig, kreativ und umsetzungsorientiert“ bezeichnet – Elisabeth
Noelle-Neumann wäre etwas ähnlich Albernes wohl nie eingefallen. Aber trotz
ihres schwindenden Einflusses hat sie die Republik geprägt – durch ihre
unbeirrbare Überzeugung, daß die öffentliche Meinung den Herrschenden folgen
wird, wenn sie nur unbeirrt voranschreiten. Daß es so kam, ist auch ihr
Verdienst.
Quelle:
Junge Welt, 19.12.2006 http://textarbeit.net/main2.htm
KAMPF GEGEN HITLER
Deutscher Astrologe beriet britischen
Geheimdienst
Im Krieg sind alle Mittel erlaubt - offenbar
auch Kaffeesatzleserei. Der britische Geheimdienst soll im Zweiten Weltkrieg
einen Astrologen zu Rate gezogen haben, der Horoskope für Hitler erstellte -
und behauptete, er könne so die militärischen Entscheidungen des Diktators
vorhersagen.
London - Kampf gegen Hitler-Deutschland mittels
Horoskop. Dieser Strategie soll sich - neben einigen anderen - der britische
Geheimdienst bedient haben. Das geht aus einem heute veröffentlichten Dokument
des britischen Nationalarchivs in London hervor.
Zwischen 1940 und 1943, so berichtet es die
britische Nachrichtenagentur Press Association, habe der deutsche Astrologe
Louis de Wohl Hunderte von Horoskope für Hitler erstellt und Voraussagungen für
die militärischen Pläne der Nazis getroffen.
De Wohl, der sich zuvor Ludwig de Wohl genannt
hatte, kam 1935 nach England. Obwohl ihn einige Militärs, mit denen er zusammentraf,
für einen Scharlatan hielten, konnte de Wohl den Geheimdienst davon
überzeugen, dass Hitler keine militärische
Entscheidung ohne den Rat des Schweizer Astrologen Karl Ernest Krafft traf. Im
Juni 1941 schickten die Briten de Wohl sogar in die USA, um mit seinen Voraussagen
die Amerikaner zum Eintritt in den Krieg zu überreden.
Bei einigen Geheimdienstlern stießen seine
Behauptungen schon damals auf Skepsis. De Wohl sei oft als "Schurke"
bezeichnet worden, heißt es in dem siebenseitigen Dokument des
Nationalarchivs, das den Stempel "streng geheim" trägt.
Das Misstrauen hat
sich nach Kriegsende offenbar bestätigt. Mehrere Interviews mit
Hitler-Vertrauten hätten ergeben, dass der Diktator
kein Interesse an Astrologie hatte, sagte ein Historiker der Cambridge
Universität, Paul Winter, der britischen BBC.
Nach dem Krieg zog de Wohl in die Schweiz, wo
er vermutlich in den sechziger Jahren starb.
pad/dpa
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,539297,00.html
Zweiter Nostradamus
Astrologe sollte Hilters Gedanken
vorhersagen
Der britische Geheimdienst MI5 beschäftigte
während des Zweiten Weltkriegs einen Astrologen, die die Gedanken Hitlers
voraussagen sollte.
Der britische Geheimdienst MI5 hat während des
Zweiten Weltkriegs einen Astrologen beschäftigt, der den Spionen die
merkwürdigen Gedanken und Pläne Adolf Hitlers vorhersagen sollte. Das geht aus
am Dienstag erstmals veröffentlichten Geheimunterlagen hervor. Doch den Agenten
war ihr Sternendeuter schon nach wenigen Jahren so lästig - und peinlich -, dass offen darüber nachgedacht wurde, wie man ihn loswerden
könne, ohne dass das eigene Ansehen darunter leiden
müsse.
Deutung Hitlers Sternenkonstellationen
Luis de Wohl, ein 1903 in Berlin geborener
Bankangestellter, gab sich nach seiner Flucht nach Großbritannien manchmal als Spross einer ungarischen Adelsfamilie, dann wieder als
Sohn eines Bankmagnaten aus. Viele sahen in ihm einen Scharlatan. 1937 schrieb
er sein erstes astrologisches Buch "Ich folge meinen Sternen". Nach
einer weiteren einschlägigen Veröffentlichung empfahl ihn schließlich eine
spanische Gräfin an Außenminister Lord Halifax. De Wohl sollte aus Hitlers Sternenkonstellationen
lesen.
Die Regierung Seiner Majestät mietete
schließlich ein Appartement in einem Hotel an der luxuriösen Londoner Park Lane für ihn. Der Chef des eigens erfundenen "Büros
für psychologische Forschung" schrieb eifrig astrologische Gutachten über
Politiker der Alliierten und über Nazi-Größen.
Sollte USA von Kriegseintritt überzeugen
Mitte 1941 wurden de Wohl höchste Ehre zu Teil:
Obwohl Premierminister Winston Churchill nicht an Astrologie glaubte, schickte
er de Wohl als Teil einer Delegation in die USA, um die Regierung von Präsident
Franklin D. Roosevelt zu überzeugen, in den Krieg gegen Achsenmächte
einzutreten. Erfolglos, die USA erklärten Deutschland erst nach dem
Bombardement Pearl Harbors durch die Japaner im Dezember
1941 den Krieg.
Schließlich peinlich für MI5
Schließlich wurde den Geheimdienstlern ihr
Nostradamus lästig. In den Londoner Akten finden sich
ab 1942 Diskussionen darüber, wie man ihn möglichst geräuschlos loswerden
könnte. Ihn einsperren oder aufs Land schicken - zwei weitere Vorschläge
wurden aus den Akten gestrichen.
Letztlich wurde der Weg des geringsten
Widerstands gewählt: Seine Dienste wurden zwar nicht mehr genutzt, er wurde
aber weiter dafür bezahlt, damit er schwieg und Großbritannien den Krieg
ungestört und ohne Hilfe der Planeten weiterführen könnte.
Quelle: http://www.oe24.at/zeitung/wissen/article252264.ece
PORTRÄT LOUIS
DE WOHL DEUTSCHER ASTROLOGE
Zwischen 1940 und 1943 erstellte Louis de Wohl
Hunderte von Horoskopen für Adolf Hitler. Er versuchte so, dessen nächste
militärische Schritte vorherzusagen.
Von Moritz Schuller
Im Schutze der Nacht waren die drei deutschen
Spione 1940 bei Skibereen an der irischen Südküste an
Land gegangen. Ihr Ziel: ein Anschlag auf den Buckingham Palace. Doch noch am
gleichen Abend wurden sie von der Polizei aufgegriffen und der Sprengstoff, versteckt
in Konservendosen mit der Aufschrift „französische junge Erbsen“,
sichergestellt.
Nun präsentiert das britische National Archive in Kew
Gardens, in dem auch die Unterlagen zu den drei
Saboteuren lagern, eine weitere Skurrilität aus jener Epoche: Im Kampf gegen
das nationalsozialistische Deutschland nahm der britische Geheimdienst Special Operations Executive (SOE) offenbar die Hilfe eines deutschen Astrologen in
Anspruch. Zwischen 1940 und 1943 erstellte Louis de Wohl Hunderte von
Horoskopen für Hitler und versuchte so, dessen nächste militärischen Schritte
vorherzusagen. De Wohl hatte die Briten davon überzeugen können, dass auch Hitler an die Kraft der Sterne glaube, vor allem
an die Deutungen des Astrologen Karl Ernst Krafft. De Wohl, der Gäste zigarrerauchend
in einem Morgenmantel empfing, schuf sich so den Ruf eines geheimnisvollen
Sehers. Und trotz der Warnungen des Inlandsgeheimdienstes MI 5, de Wohl sei ein
„Scharlatan“, leitete der ab 1940 das „Büro für psychologische Forschung“ in
London. Er sei ein „äußerst eitler Mann“, hieß es beim MI 5, „mit der deutschen
Liebe für Uniformen und Dienstgrad“.
De Wohl wurde 1903 in Berlin als Ludwig von Wohl geboren, wo er vor seiner
Emigration als erfolgreicher Schriftsteller und Drehbuchautor arbeitete. 1935
kam de Wohl nach London – „Ich hatte genug von Hitler“ – und seine dort
veröffentlichte Autobiografie „I follow
my Stars“ weckte offenbar das Interesse des SOE.
Später schickte ihn der Geheimdienst sogar in die USA, mit Hitler-Horoskopen im
Gepäck, um die Amerikaner davon zu überzeugen, dass
Hitler verwundbar sei. Dort machte man sich jedoch eigene Gedanken über den
Seelenzustand Hitlers: 1943 verfasste der
Harvard-Psychologe Henry A. Murray das 53-seitige Psychogramm „Analysis of the Personality of Adolph
Hitler“.
Nach dem Krieg lebte de Wohl in der Schweiz, wo er sich als Schriftsteller
katholischen Themen widmete. 1961 starb er in Luzern. Dass
Hitler überhaupt ein Interesse an Astrologie gehabt habe, hält der Historiker
Christopher Andrews für Unsinn. Und: Auch das Erbsenattentat auf den
Königspalast hatte de Wohl nicht vorhergesagt. Moritz Schuller
(Erschienen im
gedruckten Tagesspiegel vom 05.03.2008)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/;art141,2488519
Anmerkung:
Die freibgegebenen
Akten zu Louis de Wohl werden auf der Webseite der „The National Archives“ detailiert angegeben und
sind verfügbar!
ARD-Dokumentation Es
begann mit einer Lüge
Ein
exzellent dokumentiertes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit für
Kriegspropaganda des deutschen Verteidigungsministeriums unter Rudolph
Scharping vor den völkerrechtswidrigen NATO-Angriffen in Ex-Jugoslawien und
Kosovo.
Hessischer
Rundfunk-Dokumentation Die Propaganda
Maschine
Dokumentation
von Errol Morris The fog of war
Oder wie Robert Strange McNamara
am Ende seines Lebens zu der geistreichen Erkenntnis kam, daß ihn viele für für
einen Hurensohn halten.