Märchenstunden mit Elisabeth Noelle-Neumann

 

 

Inhalt                                                                                                         

 

Prolog                                                         

Die Auslandsausgabe der DAZ

Elisabeth Noelle und das Propagandaministerium

Die „Publikationsgeschichte“ der Dissertation

Promotionsverfahren im Schnelldurchgang

Meineidliche Erklärung?

Nostradamus-Artikel der DAZ vom 16.06.1925

63 Jahre danach noch ewiggestrig

Knurrende Wölfe  

Anmerkung Siegfried Höxter 

Schlussbetrachtung  

Dokumentation

Qellen

 

 

 

Prolog

 

Pünktlich zu ihrem 90. Geburtstag präsentierte Elisabeth Noelle-Neumann ihre Le­bensge­schichte in dem autobiographischen Buch „Die Erinnerungen, 2006“.  Gewiß keine lite­rari­sche Perle, geschweige denn eine von fesselnder Dramatik und brennen­der Lei­denschaft überquellende Vita. Diese wirkt viel eher als hätte die Autorin alles, was sie jemals äußerte oder publizierte, für das Leserpublikum ge­nießbar zube­reitet. Mit den ei­genen Erinnerungen durch den Garten der Geschichte wandelnd, schloß die Autobiographie mit vollkom­mener Selbstzufriedenheit über die eigenen Lei­stungen im Leben. Nun ja…, man sollte sich allem, was nicht authentisch zu sein scheint, mit Vorsicht nähern, ins­be­sondere dann, wenn es sich um die Autobiogra­phien von Mitgliedern gesellschaftlicher Eliten han­delt.

 

Man wird überrascht sein, auf welch kurzem Wege sich die Legende von der „Pythia vom Bodensee“, die Jahrzehnte lang als beispiel­hafte Erfolgsstory der Nachkriegszeit forciert wurde, als sentimentales Ammenmärchen entzaubern läßt.  Auch ganz ohne Einsichts­nahme in Elisabeth Noelle-Neumanns Privatarchiv, die am 25.03.2009 das Zeitliche segnete!

 

Ihr Ableben kann jedoch kein Argument dafür sein, daß sie als letzte Wort behält.

 

Vor der Veröffentlichung ihrer Autobiographie fiel sie in mehreren Interviews, die sie gab, mit äu­ßerst befremdlichen Äußerungen auf und erregte erstaunte Verwunde­rung, wobei ihre ungefragten Nostradamus–nostalgischen Kriegserinnerungen noch am „gehaltvoll­s­ten“ erschienen. Wahrscheinlich aufgrund fehlender Neugierde oder mangelndem (aber angebrachtem) Mißtrauen haben es ihre In­ter­viewer ein um das an­dere Mal ver­säumt, Elisabeth Noelle–Neumann diesbezüglich genauer auf den Zahn zu fühlen, um herauszufin­den, was es damit auf sich hat.

Doch die „grand dame der Demoskopie“ erinnerte sich sicherlich noch an lange an Zeiten, in denen die Leute keine Scheu davor hatten, ihr derbe an den Karren zu fahren, wenn sie allzu sehr über die Stränge schlug.

 

Eine Märchentante aus Allensbach hat 1974 zwar die Buchhändler für deren Geld das Fürchten gelehrt, indem sie mit Suggestivfragen und solchen, die niemand beant­worten kann, mit vorurteilsbeladenen Fehldeutungen, mit ständiger Vermengung er­mittelter Tatsachen und bloßer Meinungen, alle Statistiken ignorierend das Schreck­bild eines „Zerfalls der Lesekultur“ zeichnete und zum Kampf gegen den „Freßfeind“ Fernsehen blies.«

Trotz dieser höchst fragwürdigen Erhebungsmethoden wurden 1993 unter dem Titel »Der befragte Leser« die inzwischen vollkommen veralteten Ergebnisse aus den Jah­ren 1968 bis 1974 nochmals veröffentlicht, allerdings in einer Aufmachung, die Ak­tualität vorspiegelt und erst auf den zweiten Blick das wahre Alter preisgibt. (Zitat: Heinz Steinberg, Nachwort zum Buchtag, 1981, Nr. 7/8, S. 638–639)

 

 

Doch zurück zu den zwanghaften „Nostradamus-Erinnerungen“:

 

 

Die Auslandsausgabe der DAZ

 

 

Beim Lesen der fraglichen Interviews und einem inhaltlichen Abgleich mit ihrer Auto­biographie sticht sofort ins Auge, daß Elisabeth Noelle-Neumann das im obigen Zitat von Heinz Steinberg beschriebene Strickmuster mit nur einer einzigen Ausnahme konsequent ein­hielt: „Ich bleibe bei dem, was ich immer schon erzählt habe, bis es gefressen wird.“ Mag sein, daß diese äußerst fragwürdige Einstel­lung oft zum ge­wünschten Ziel führte. Aber in diesem Fall löste Elisabeth Noelle-Neumann, die sich gerne in der Opferrolle sieht, einen klas­sischen Bumerangeffekt aus und strapaziert damit die grundsätzliche Glaubwürdig­keit ihrer Autobiographie. Dort machte sie nach­weislich falsche Angaben zu einem sehr sensiblen Punkt, der in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Anlaß zu heftigster Kritik war: ihr Werdegang während der Nazi­diktatur!

 

Die Analyse von spezifischen Stichwörtern in ihren Nostradamus-Einlassungen, die sich auf das Jahr 1940 beziehen, förderte erst bei genauem Hinsehen ein Detail zu­tage, das sich letztendlich als Falschinformation entpuppte.

Denn Elisabeth Noelle-Neumann behauptete wiederholte Male, daß ihr am 16.06.1940 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (DAZ) er­schienener Nostradamus-Artikel seines heiklen Themas wegen zu­erst der Zensurstelle des RMVP vorgelegt wurde. Das RMVP stimmte der Veröffentlichung des Artikels in der Auslandsausgabe der DAZ zu, jedoch nur Ereignisse betreffend, die schon eingetre­ten seien.

Aber eine Aus­landsausgabe der DAZ wurde zu keinem Zeitpunkt aufgelegt und vertrieben. Demzufolge war dieser Artikel vorrangig für die In­landspropaganda bestimmt und kann aufgrund der besonderen Umstände, die im Haupttext dieser Arbeit beschrieben wur­den, aus­schließ­lich vom RMVP in Auftrag gegeben worden sein.

 

Anmerkung:

 

1.  Bei der oben erwähnten Ausnahme handelt es sich um die Nennung des Namens Sieburg (Friedrich Carl Maria Sieburg) im Interview mit Wolfgang Hagen (siehe unten), der inner­halb der nazistischen Kriegspropa­ganda zumindest in erhaltenen Archivdokumenten bisher noch nicht zwei­felsfrei nachzuweisen war. Sollte dieser Fall jedoch tatsächlich eintreten, so wäre das als unausgesprochenes Eingeständnis darüber zu verstehen, daß Elisa­beth Noelle-Neumann über ein spezifisches Hintergrundwissen verfügte, das sie nicht preisgab. Dieses Hintergrundwissen be­ruht jedoch zwingend auf Personen, die in der nazistischen Nostradamus-Propaganda invol­viert waren. Die Namensnennung von Sieburg war indes alles andere als willkürlich gewählt, denn sie arbeitete im Jahre 1943 mit ihm zusam­men in der Frankfurter Zei­tung.

 

2.  Die DAZ wurde seit jeher in Berlin produziert und ver­trieben. Bis 1945 sind eine Reichsausgabe, eine Ausgabe Groß-Berlin, eine  Ausgabe Norddeutschland und eine Ausgabe Süddeutschland nachgewiesen. Richtig ist lediglich, daß die DAZ auch ins Aus­land ver­trie­ben wurde.

 

 

So findet sich z. B. im „Reichsoffzierblatt“, Jahrgang 19 (1940) vom 05.04.1940, Nr. 10 folgender Werbetext zur DAZ:

 

 

            

                                                                                      Briefe über Briefe

 

                                                          müßten Sie Ihren Freunden im Ausland schreiben, wenn Sie alles

                                                          Wissenswerte aus Deutschland mitteilen wollten. Machen sie es

                                                         sich  einfacher. Bestellen Sie für Ihre Freunde im Ausland die

 

                                                                                     Deutsche Allgemeine

                                                                                                Zeitung

 

 

                                                                                              etc. pp

 

 

                                                         Bestellungen bitten wir an den Auslands-Vertrieb der Deutschen

                                                        Allgemeinen Zeitungen Berlin W68, zu richten.

 

 

 

Elisabeth Noelle und das Propagandaministerium

 

 

Die von Elisabeth Noelle-Neumann gelieferte Falschinformation zur DAZ warf aller­dings die dringend zu beantwortende Frage auf, was sie tatsächlich für eine Bezie­hung zu Goebbels Ministerium unterhielt, dessen Nostradamus-Propaganda zum Zeitpunkt des Er­scheinen ihres Artikels in der  DAZ auf Hochtouren lief.

 

Die definitive Antwort darauf ist anhand der erhaltenen Promotionsakte, die im Archiv der Humboldt Universität Berlin verwahrt wird, ebenso banal wie bezeichnend: Elisa­beth Noelle-Neumann schrieb nur kurze Zeit vor Erscheinen des Nostradamus-Artikels in der  DAZ ihre Dissertation mit Un­terstützung des Propagandaministeriums! Dieser Umstand wurde spätestens am 07.02.2005 in ei­nem Seminarvor­trag der Humboldt Universität Berlin bekannt, der frei zugänglich ein­sehbar ist.

 

Transkribierte Originaldokumente aus der Promotionsakte Elisabeth Noelle (erstellt am 20.03.2010)

 

Einen konkreten Hinweis darauf, mit wessen Unterstützung Elisabeth Noelle genau ihre Dissertation schrieb, lieferte sie aber schon im Vorwort selber.

 

„Schließlich danke ich dem Referenten im Propagandaministerium Dr. Fröhlich, durch dessen Vermittlung mir das aktuelle Material über die amerikanischen Massenbefragungen seit Kriegsausbruch zugänglich gemacht wurde.“ (Zitat: Elisabeth Noelle, Amerikanische Mas­senbefragungen über Politik und Presse, S.3“

 

Noch am 26.12.2006 behauptete sie in einem Interview mit WELT.de, daß Joseph Goebbels erst auf ihre Dissertation (in alle Prüfungsfä­chern mit „sehr gut“ benotet!) aufmerksam ge­worden sei, nachdem sie schon bei der Zeitung DAS REICH, also nach ihrer Promotion vom 17.09.1940, angestellt war. Auch in ihrer Autobiographie „Die Erinnerungen“ findet sich auf S. 103 – 104 eine sehr ähn­liche Darstellung.

 

Um jedoch Elisabeth Noelles Verbindung zum RMVP besser einordnen zu können, ist es notwendig,  das Institut für Zeitungswissen­schaften unter der Leitung von Prof. Dr. Emil Dovifat an der Friedrich-Wilhelms-Universität genauer zu hinterfragen.

Emil Dovifat war seit 1928 leitender Mitarbeiter dieses Institutes der Philosophischen Fakultät und Doktorvater von Elisabeth Noelle. Spätestens im Jahre 1935 mutierte es unter seiner Regie zu einer nationalsozialistischen Kaderschmiede des Reichsminis­teriums für Wis­senschaft, Erziehung und Volksbildung und Goebbels Propagandaministerium. Denn diese beiden Ministerien sowie drei große Be­rufs­verbände der Presse waren Hauptfinanzgeber des Institutes für Zeitungswissenschaften.

Von dieser Warte aus gesehen erscheint es nur folgerichtig, daß sich das RMVP massiven Einfluß auf einzelne Dissertationsarbeiten von Studenten vorbehielt, und diese schon vor ihren Abschlüssen zur späteren Mitarbeit im Ministerium verpflichtete.

 

Transkribierte Originaldokumente aus der Personalakte Prof. Dr. Emil Dovifat

 

Transkribierte Originaldokumente aus dem Bundesarchiv R zur „Deutschen Gesellschaft für Zeitungswissenschaft“

 

Anmerkung:

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte Emil Dovifat zu den Mitbegründern der Freien Universität Berlin und der CDU!

 

 

Die „Publikationsgeschichte“ der Dissertation

 

 

In ihrer Autobiographie machte Elisabeth Noelle-Neumann weiterhin geltend, daß der Verlag Diesterweg, der ihre Dis­sertation nach der Promoti­onsprüfung vom 14.03.1940 publizierte, sie im Spätsom­mer 1940 anrief, weil dieser beabsichtigte, eine Neuauflage zu drucken. Aber vorher müsse sie auf Forderung des Propagandaministeriums einiges ändern. Sie habe dann gesagt, daß sie nichts ändern wolle, und deshalb hätte es auch keine zweite Auflage gegeben. (siehe „Die Erinnerungen“, S. 84)

 

Aber dies war nicht das erste Mal, daß sie sich zu diesem strittigen Punkt äußerte:

 

Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen meiner Doktorarbeit im Moritz Diesterweg Verlag im Winter 1940 waren die 2000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen. Dovifat sagte mir,  das Propagandaministerium – oder das Auswärtige Amt? – gebe zur zweiten Auflage nur die Genehmigung, wenn ich am Text einiges ändere. Ich sagte gleich, daß ich das nicht wolle. Dovifat versuchte auch nicht, mich zu Än­derungen zu überreden. Ich wäre auch sehr erstaunt gewesen, das hätte überhaupt nicht zu meinem Bild von ihm gepasst. Die zweite Auflage unterblieb also. (Zitat: Emil Dovifat: Studien und Dokumente zu Leben und Werk, 1998, S. 18)

 

Mit ihrem Unwillen, den Änderungsforde­rungen Folge zu leisten, sugge­rierte sie dem Leserpublikum ihrer Autobiographie den ersten Konflikt mit dem RMVP, der sich im Jahre 1940 zugetragen haben soll.  Dies ist mit den einfachen Mitteln einer Katalogrecherche zu ver­werfen. Noch im  Jahre 1940! erschienen gleich zwei Ausga­ben der Disserta­tion, herausgegeben von zwei unterschiedlichen Verlagen.

 

1.  Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse
      Elisabeth Noelle-Neumann. - Limburg a.d. L.: Limburger Vereinsdr., 1940

 

 

Besondere Merkmale:

 

a) Auf dem Deckblatt dieser Ausgabe finden sich die Promotionsdaten Eli­sabeth Noelles. Dort heißt es:

 

 

INAUGURAL-DISSERTATION

zur Erlangung des Doktorgrades

 

der Philosophischen Fakultät der

Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin

 

 

Vorgelegt von

 

ELISABETH NOELLE, cand. phil.

 

 

Tag der Prüfung: 14. März 1940

Tag der Promotion: 17. September 1940

 

 

b) Auf der letzten Seite der Dissertationsschrift findet sich desweiteren auch ein Lebenslauf, was der damaligen

     Promotionsord­nung (ein­zusehen im Archiv der HU Berlin) entsprach. 

 

c)  Diese Ausgabe ist identisch mit jener, die sich auch in Elisabeth Noelles Promotionsakte unter Blatt 72a findet. 

 

d) Das Exemplar aus der Berliner Staatsbibliothek unter der Signatur Diss. 1940/697 weist auf dem Deckblatt

     folgenden Stempelvermerk auf:

 

Nur in beschr. Anzahl f. d. Austausch

 

 

Somit ist nachgewiesen, daß die Ausgabe der Limburger Vereinsdruckerei die Erstausgabe der Dissertationsschrift war. Diese ging nach der Publikation als Pflicht - bzw. Nachweisexemplare an zahlreiche Institutionen, und sind auch heute noch für jedermann ein­sehbar.

 

2.  Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse
      Elisabeth Noelle - Frankfurt : Diesterweg, 1940

 

 

Die Zweitauflage der Dissertationsschrift von Elisabeth Noelle erschien in „Zeitung und Zeit“, einer Publikationsreihe der „Deut­schen Gesell­schaft für Zeitungswissenschaft“ unter dem Titelblatt-Aufmacher „Meinungs – und Massenforschung in U.S.A.“ Die Promotions­daten und der Lebenslauf fehlen in der Diesterweg-Ausgabe, nach Elisabeth Noelle-Neumanns falscher Aussage die erste Auflage von 2000 Exemplaren, aber ansonsten stimmen beide Schriften inhaltlich exakt überein.

 

In wel­chem zeitlichen Abstand beide Ausgaben im Laufe des Jahres 1940 erschienen, war nicht exakt festzustellen. Tatsache ist je­doch, daß das RMVP das Erscheinen einer Zweitausgabe weder untersagte noch sonst wie behinderte, wie von Elisabeth Noelle-Neu­mann wieder­holte Male dargestellt wurde!

 

Transkribiertes Originaldokument aus der Promotionsakte Elisabeth Noelle (erstellt am 01.11.2011)

 

Auch hier stellt sich abschließend die Frage, was Elisabeth Noelle-Neumann damit bezweckte, der Öffentlichkeit einen Konflikt mit dem RMVP vorzugaukeln, der lediglich auf einer manipulierten Darstellung der Publikationschronologie ihrer Dissertation beruht, die schon immer im Handumdre­hen zu widerlegen war.

 

 

Promotionsverfahren im Schnelldurchgang

 

 

Aufgrund der verfügbaren Daten, die o. g. Promotionsakte enthalten, entsteht geradezu der Eindruck, daß Elisabeth Noelle-Neumann regelrecht im Schnelldurchgang durch die Promotion ge­schleust wurde. In einem Zeitraum von nur einem Monat und vier Tagen! durch­lief sie das Promotionsverfahren bis zur Promotionsprüfung (münd­liche Prüfung) mit der Gesamtbenotung sehr gut!

Verwunderlich umso mehr, als daß sich Elisabeth Noelle-Neumann den autobiographischen Dar­stellungen zufolge nach allen Regeln der Kunst durch das Studium und die Abschlußprü­fungen schlich.

 

10.02.1940

Abgabe der Dissertation durch Elisabeth Noelle

 

02.03.1940

Begutachtung der Dissertation durch Prof. Dr. Dovifat abgeschlossen und mit der Be­wertung sehr gut vorgeschlagen. Nur ein Verbes­serungsvorschlag wurde gemacht. Im Gutachten heißt es dazu:

 

„Seite 236 wird bei der Forderung enger Fühlungsnahme zwischen Volksführung und Volksmassen zu berücksichtigen sein, welche Auf­gabe hier gerade der NSDAP anver­traut ist. Die Seite 236 genannten Äußerungen des Reichsministers Dr. Goebbels sind zweckmäßig durch die Ausführungen des Führers zu ersetzen, die er in seinem Buch „Mein Kampf“ über die öffentliche Meinung gemacht hat.

 

 

Elisabeth Noelle schreibt hierzu in ihrer Autobiographie:

 

Mein Doktorvater Emil Dovifat nahm die Arbeit entgegen, las sie und hatte nur einen einzigen Korrekturvorschlag. Ich hatte den be­rühmten amerikanischen Journalisten Walter Lippmann zitiert, der 1922 ein glänzendes Buch zum Thema öffentliche Mei­nung geschrie­ben hatte. Lippmann war Jude. Dovifat erläuterte mir nun, es gebe an der Universität die strikte Anweisung, jüdische Autoren entweder gar nicht mehr zu zitieren oder, wenn man wenn man auf das Zitat nicht verzichten könne, hinter dem Autorennamen den Zusatz «Jude» anzufügen. Da ich für Lippmann wegen seines großartigen Buches eine fast grenzenlose Bewunderung hegte, entschied ich mich dafür, das Zitat mit dem Zusatz «Jude» in der Arbeit zu belassen. Dies ist später als Beleg für meinen angeblichen Antisemitismus herangezogen worden. Tatsächlich be­legt es eher das Gegenteil. Die Alternative wäre gewesen, den Hinweis auf Walter Lippmann zu streichen. (Zitat „Die Erinnerungen“, S. 83)

 

06.03.1940  

Vom Dekan der philosophischen Fakultät mit dem Prädikat sehr gut zur Promotions­prüfung zugelassen.

 

14.03.1940

Promotionsprüfung (mündliche Prüfung) in Geschichte, Zeitungswissenschaften, englisch-amerikanisch abgelegt und in allen drei Prü­fungsfächern mit sehr gut bes­tanden.

 

Elisabeth Noelle reichte gemäß der damals gültigen Promotionsordnung für die Philosophische Fakultät am 09.02.1940 eine eidesstatt­liche Erklärung zu ihrer Dissertation ein, in der sie erklärte:

 

Transkribiertes Originaldokument aus der Promotionsakte Elisabeth Noelle (erstellt am 20.03.2010)

 

 

Meineidliche Erklärung?

 

 

Aus einem nicht zu rekonstruierenden Grund muß ein Jahr später etwas bei der „Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums“ ruchbar ge­worden sein. Diese beabsichtigte eine Erwähnung Elisabeth Noelles in der NS-Biblio­graphie und richtete deshalb am 17.04.1941 eine Anfrage an den Dekan der Philoso­phischen Fakultät, Hermann Grapow, mit der Bitte um Aus­kunft darüber, ob die Dissertation „Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse“ in Verbindung mit amtlichen Stellen entstanden sei.

Der Dekan Grapow leitete diese Anfrage am 18.4.1941 an Elisabeth Noelle weiter, die zu diesem Zeitpunkt bei der Zeitung „Das Reich“ als Schriftleiterin angestellt war.

Elisabeth Noelle antwortete dem Dekan Grapow erst am 30.04.1941 und bestätigte, daß sie ihre Dissertation mit Unterstützung des Propagandaministeriums geschrieben habe. Am 03.05.1940 erfolgte die Rückmeldung Grapows an die „Parteiamtliche Prü­fungskom­mission zum Schutze des NS-Schrifttums“ und gab bekannt, daß die Dis­sertation in Verbindung mit dem Propagandaministerium ent­standen sei.

 

Anmerkung:

 

Die erhaltenen Aktenbestände  aus NS 11 ( Parteiamtliche Prüfkommission) des Bundesarchivs R enthält keine Dokumente zu Elisabeth Noelle und sind als überaus spärlich zu bezeichnen

 

Die Folge dieser Korrespondenz: Elisabeth Noelles Dissertation wurde nicht in die „Nationalsozialistische Bibliographie, 1941“, eine Publikati­onsreihe herausgegeben vom „Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums“, aufgenom­men. 1942 erschien das Beiheft Nr. 4 mit dem Titel „Hochschulschriften, Verzeichnis von Dissertationen und Habilitationsschriften“. Aber auch hier wird der Name Elisa­beth Noelle und ihre Dissertation nicht erwähnt.

Diese relevante Einzelinformation könnte ein Hinweis darauf sein, daß die NS-Zensur­behörden der Auffassung waren, Elisabeth Noelle habe eine falsche eidesstattliche Erklärung zur Erstellung der Dissertation abgegeben, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß diese ohne fremde Hilfe anfertigt wurde und keiner anderen Stelle zur Begutachtung vorlag.

In der NS-Zensurbehörde wird man sich selbstverständlich die Frage gestellt haben, weshalb das RMVP aktive Hilfeleistung bei der Er­stellung einer Dissertation gewähren sollte, ohne den genauen Inhalt vor der Promotionsprüfung vorgelegt zu bekommen und ab­zu­segnen. Dies würde jedoch bedeuten, daß Elisabeth Noelle eine meineidliche Erklä­rung abgab, die ihren Doktortitel in Frage hätte stel­len können.

 

Schlußfolgerung: Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Elisabeth Noelle anläßlich der Anfrage der „Parteiamtliche Prüfungskommis­sion zum Schutze des NS-Schrift­tums“ unter Zugzwang und in Erklärungsnöte geriet. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß sie sich zwei Wochen Zeit ließ, diese zu beantworten. Zwei Wochen waren Zeit genug, um sich zurückzuversichern. Die For­mu­lie­rung der Antwort auf Dekan Grapows Anfrage liest sich indes wie eine Flucht nach vorn. Sie konnte sich ja sicher sein, daß sie vom RMVP protegiert werden würde. Denn die erste, in ihrer Autobiographie geltend gemachten Querele um die Drucklegung einer Zwei­tauf­lage ihrer Dissertation, die sich im Spätsommer 1940 mit dem RMVP zugetragen haben soll,  ist unabstreitbar widerlegt.

 

 

Nostradamus-Artikel der DAZ vom 16.06.1925

 

 

Seit dem Interviewgespräch von Wolfgang Hagen mit Elisabeth Noelle-Neumann, das im Jahre 1996 geführt wurde, ist bekannt, daß zweit genannte Person die Urheber­s­chaft für diesen Artikel beansprucht, denn dieser wurde anonymisiert abgedruckt. Weshalb sie diese Kriegstrophäe über­haupt für sich beansprucht, bleibt völlig unklar. Wie bei Alexander Centgraf zog ins­besondere diese Einlassung eine intensive Recherche zu ihrer Per­son nach sich.

 

Alexander Centgraf war circa für ein Jahr Kommilitone von Elisabeth Noelle. Er stu­dierte ebenfalls an der Friedrich-Wihelms-Universität Zeitungswissenschaften bei Prof. Dr. Dovifat und promovierte im gleichen Abschlußjahrgang.

Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Kommilitonen ist, daß diese auch schon vor Abs­chluß der Universitätsprüfungen als freie Mitarbei­ter der DAZ  Artikel schrieben, die namentlich gekennzeichnet veröffentlicht wurden. Außerdem begaben sich beide Personen in einem zeitlich nicht sehr großen Abstan­d in die Preußische bzw. Berliner Staatsbiblio­thek, um dort „Nostradamus zu lesen“. 

Daß sich beide Personen persönlich kannten, dürfte damit zweifelsfrei außer Frage stehen. Und deshalb ist zumindest denkbar, daß ge­nau so gut Alexander Centgraf der tatsächliche Verfasser des fraglichen Artikels gewesen sein könnte.

 

Der Inhalt des Artikels ist an sich nicht weiter von Belang, weil dieser auch heute kei­nen weiteren Anstoß erregen würde ; interessant wird es erst in den letzten Zeilen. Dort heißt es:

 

 

 

Deutsche Allgemeine Zeitung, 16.06.1940

 

Die Prophezeiungen des Nostradamus

 

…….. Etwa siebzig Jahre nach der Errichtung der Republik in Frankreich, also gegen 1940, wird Deutschland „dem grossen Kontrakt“ von Versailles ein Ende ma­chen. „Fran­kreich, Du bist zu weit gegangen! Du hättest mit Dir reden lassen sollen!“ ruft Nos­tradamus sei­nem Vater­lande zu. Deutschlands Feldzug wird mit überras­chender Schnelligkeit, unvermuteter Kraft und unwiderstehlicher Kühn­heit ge­führt werden. Paris wird erobert, und die französische Hauptstadt muß nach dem Süden Frankreichs verlegt werden.

Es ist verständlich, dass man in Frankreich nicht nur gegen die Fünfte Kolonne, son­dern auch gegen die Kolonne Nostradamuskämp­fen zu müssen glaubt.

 

 

Der Ausspruch, der von Nostradamus stammen soll und einen Krieg mit Frankreich für das Jahr 1940 prophezeit, wurde in der gleichen Zeitung schon 15 Jahre vorher am 12.11.1925 wortwörtlich abgedruckt. Aber zum Zeitpunkt des wiederholten Abdruc­kes besaßen diese Zeilen einen extrem hohen propagandistischen Nachrichtenwert, denn der sog. Frankreichfeldzug war zu diesem Zeitpunkt fast ab­geschlossen.

Wie der Verfasser Walsing zu seinen Aussagen im Jahre 1925 kam, war in keinster Weise zu eruieren! Aber wie der Verfasser des Arti­kels vom 16.06.1940 dazu kam liegt auf der Hand: die entscheidenden Zeilen wurden schlicht und ergreifend abge­schrieben! Damit sollte bei den Lesern der Eindruck erweckt werden, daß sich aktuelle Ereignisse abspielen, die erstens lange Zeit vorher schon prophe­zeit wurden und zweitens, daß deshalb die Kriegsniederlage Frankreichs ein Sieg des Nationalsozia­lismus sei, der die Befreiung von der Versklavung der Versailler Verträge errang.

 

 

 

Deutsche Allgemeine Zeitung, 12.11.1925, Nr. 534

 

Ein Zukunftsroman der europäischen Menschheit

 

…….. Bisher hat man vergebens nach einem Schlüssel gesucht, der eine chronologi­sche Ordnung ermöglichen könnte, bis es kürzlich skandinavischen Forschern gelun­gen ist, zu einem überra­schenden Resultat zu kommen. Das Buch des No­stradamus enthält nämlich außer den Werken einen in Prosa geschrieben Brief an den damaligen König von Frankreich; Heinrich II. Der Inhalt dieses anschei­nend gänzlich wirren Briefes er­kannten diese Ausleger als eine Reihe knapp ge­haltener Voraussagen politi­scher Er­eignisse, beginnend mit dem Jahre 1815. Da hiervon inzwischen mehr als hundert Jahre vergangenen sind, gibt die Deutung der sich auf diese Zeit beziehenden Aussa­gen eine ganze Reihe von Anhalts­punkten für die Zukunft, und man hat als Er­gänzung passende Verse des Buchs mit gutem Erfolg entsprechend geordnet. Das sich danach ergebende Bild stellt einen Zukunftsroman der europäischen Menschheit dar, wie er phantasti­scher kaum ausgemalt werden kann, und der den Dichter oder Pro­pheten, wie man es nun nehmen will, in die erste Reihe der Verfasser dieser Art von Romanen stellt.

Etwa siebzig Jahre nach der Errichtung der Republik in Frankreich, also gegen 1940, wird Deutschland „dem grossen Kontrakt“ von Ver­sailles ein Ende ma­chen. „Frank­reich, Du bist zu weit gegangen! Du hättest mit Dir reden lassen sollen!“ ruft Nostra­damus seinem Va­ter­lande zu. Deutschlands Feldzug wird mit überra­schender Schnel­ligkeit, unvermuteter Kraft und unwiderstehlicher Kühn­heit ge­führt werden. Paris wird erobert, und die französische Hauptstadt muß nach dem Süden Frankreichs ver­legt werden. Ein alter Staatsmann, der schon früher am Ruder war, wird Frankreich zwanzig Monate blutig und tyrannisch re­gieren; sein Nachfolger jedoch große politi­sche Fehler, und ein Abkömmling des alten Kö­nigshauses be­steigt den Thron.

Die anderen europäischen Staaten mischen sich nicht in die deutsch – französischen Ausein­andersetzungen, denn alle haben koloniale Sorgen, hauptsächlich infolge des Erstarkens des Islam........

 

 

Der Hinweis auf die „Nostradamus-Kolonnen“ wiederum ist eine offene Anspielung auf einen Artikel, der nur 20 Tage zuvor am 27.05.1940 im Verlautbarungsorgan der NSDAP erschien. Der Verfasser des Artikels war ein gewisser Dr. Th. Böttiger.

Interessant ist hierbei zu beobachten, daß Elisabeth Noelle, die gerade erst bei einer Zeitung als Volontärin ins Berufsleben einstieg, den Begriff „Nostradamus-Kolonnen“ übernahm. Dies ist als sehr starker Hinweis zu verstehen, daß sie in einem ho­hen Maße in die Planungen des RMVP eingebunden war, zumal sie nur kurze Zeit davor eine Dissertation einreichte, die sie mit Unterstützung dieses Mi­nisteriums verfaßte.

 

 

 

Völkischer Beobachter, 27. Mai 1940, Nr. 48, Seite 2

 

Die Kolonne des Nostradamus

 

Von unserem diplomatischen Berichterstatter

 

…….. Der kleine, schmierige Jude Mandel, der jetzt in Frankreich das Volk bespitzelt, hat inzwi­schen eine neue Kolonne entdeckt. Es ist die „6. Kolonne“, die „Kolonne des Nostrada­mus“. Gegen sie führt das „Oeuvre“ schwerstes Geschütz auf. Ein Mitarbeiter des Blattes ist im Laufe eines einzigen Tages von, wie er schreibt, „drei Damen von bester Gesell­schaft“ angesprochen worden, die sich vollen Ern­stes über die Voraus­sagen des Nostra­damus unterhielten. „Man soll uns doch mit diesen vermaledeiten Voraussagen des No­stradamus in Ruhe lassen“, heißt es weiter. „Wo jetzt Franzosen in Artois, in der Picardie, in den Ardennen und in Lothringen ihr Blut vergießen, sei es nicht angebracht, von der Zerstörung von Paris und anderen Salbadereien des alten Verrückten zu reden. Neben der fünften Kolonne gebe es leider in Frankreich noch eine sechste Kolonne, die „Kolonne des Nostradamus“. Die soll jetzt ihren Mund hal­ten, fordert das Blatt, und der Name Nostra­damus soll nicht ausgesprochen werden. Nötigenfalls müsste man mit schärfsten Strafen gegen die Bewun­derer und Anhänge­rinnen des Michel Nostradamus vorgehen. Die Moral gewisser französischer Mitbürger sei zurzeit ziemlich gebrech­lich. Daher müsse man sie gegen das irrsinnige Ge­schwätz einer Bande von Dummköpfen, die sich ihrer Dummheit nicht be­wusst sind, schützen.

Der von 1503 bis 1566 lebende Pariser Astrologe Michel de Notredame (Nostrada­mus) hatte in einer berühmten Prophezeiung für das Jahr 1940 die Zerstörung von Paris und die Vernichtung Englands angekündigt. „Daß Damen der  besten Gesell­schaft“ seinen Pro­phe­zeiungen mehr vertrauen, anstatt wie Herr Reynaud auf das „Wunder“ in Gestalt von General Weygand zu vertrauen, wirft in der Tat ein bedenkli­ches Licht auf die „Moral ge­wisser Leute“……..

 

 

63 Jahre danach noch ewiggestrig

 

 

Ein bedenkliches Licht auf die Moral gewisser Leute……? Diese Feststellung trifft in der vollen Bedeutungsschwere auf Elisabeth Noelle-Neumann zu. Denn sie beanspruchte nicht nur eine äußerst fragwürdige Kriegstrophäe der nazistischen Kriegspropaganda für sich, son­dern schob obendrein noch einen fast nicht zu übertreffenden dummdreisten Kommentar mit aktuellem Bezug hinterher.

Nach dem Lesen von Nostradamus in der Preußischen Staatsbibliothek will sie schon gewußt haben, daß der Krieg für Deutschland ver­loren gehen, Hitler ein böses Ende nehmen und seine Leiche niemals gefunden werden würde ect. Diese begnadete Nostradamus-Er­leuchtung hatte sie im Jahre 1940.

Eine zweite Erleuchtung gab sie am 24.04.2003 in der Zeitung DIE WELT zum Besten, als sie „Nostradamus Prophezeiungen bei dem Krieg mit den Arabern angekommen“ sah. Im Interviewgespräch mit Wolfgang Hagen, wo sich Elisabeth Noelle-Neumann zwischen 1996 und 1998 auch zu Nostradamus ausließ, war davon noch nicht im entferntesten die Rede!

 

Wie denn auch? Selbst Elisabeth Noelle-Neumann kochte nur mit Wasser – allerdings mit sehr abgestandenem – und gibt damit ihre ei­gene Reputation der Lächerlichkeit preis. Fast exakt 63 Jahre lang übte sie Abstinenz und schrieb nichts mehr über Nostradamus, weil ihr der Geschmack daran gründlich verloren gegan­gen sei. Aber just in dem Augenblick, als sich dieser wieder einstellte, ging sie nach altbewährter und vor allen Dingen äu­ßerst publi­kumswirksamer Manier vor – offene Kriegshetze aus der untersten Schublade in einer nicht unbedeu­tenden Zeitung! Und das nur vier Wochen nach Beginn des Dritten Golfkrieges am 20.03.2003, also nachdem die Ereig­nisse schon eingetreten waren! Dabei zwingt sich einem fast unweigerlich der Eindruck auf, daß Elisabeth Noelle-Neumann gedanklich wieder jene Direktive des RMVP ausführte, die sie im Mai 1940 schon einmal erhalten hatte.

 

Eigentlich unnötig zu erwähnen, daß man nicht sehr tief graben muß, um auch ihrer zweiten Nostradamus-Erleuchtung auf die Schliche zu kommen. Denn dem obigen Zitatende aus dem Nostradamus-Artikel der DAZ vom 22.11.1925 folgt eine lange Litanei über einen Jahrhunderte währenden kriegerischen Konflikt zwischen Chri­stentum und islamischer Welt; ein Horrorszenario, dem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fast alle erfolgreichen Nostrada­mus-Autoren folgten!

Wirklich bedauerlich, daß Elisabeth Noelle-Neumann es versäumte, jenen gefälschten Nostradamus-Vers kurz nach dem 11.09.2001 in einer großen Zeitung zu zi­tieren, der per Internet weltweit kolportiert wurde. Dann wäre jedem sehr schnell und deutlich klar geworden, woher sie ihr exklusives Wissen bezog.

 

 

Knurrende Wölfe  

 

Aber kehren wir in jene Tage zurück, als nach dem Ende des Krieges alles in Trümmern lag und allerorts gehungert, geflucht und mit den Zähnen geklappert wurde. Gewiß – auch die Fabrikantentochter hatte einige temporäre Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Doch der Kelch der bittersten Armut ging der „Autobiographie“ nach zu urteilen an Mademoiselle vorüber. Ende 1946 bezog sie mit Erich Peter Neumann jenes Anwesen in Allensbach am Bodensee, das dem „Institut für Demoskopie“ bis heute als Residenz dient.

 

Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Nicht für den US-amerikanischen Geheimdienstableger Information-Control-Service, fernab im ausgebombten Berlin. Dieser forderte in etwa zeitgleich ein Gutachten vom Deutschen Verlag über Elisabeth Noelles Presseaktivitäten in der Zeit von 1941/42 an, in dem man am 03.12.1946 zu folgendem Urteil kam:

 

(Zitat: BArch R, RK (ehemals BDC) D0062, Vollständiges Dokument liegt als Kopie vor!)

 

8.

Die in tatsächlicher Hinsicht breit angelegten und reich bebilderten Artikel-Serien der Noelle im “Reich“ hatten eine äußerst gefährliche propagandistische Wirkung auf die deutsche Öffentlichkeit und haben das ihre zur Aufrechterhaltung und Stärkung der  faschistischen Kriegsmoral beigetragen.

 

9.

Es erscheint daher untragbar für die deutsch-demokratische Pressepolitik, der Elisabeth Noelle weitere publizistische Wirkungsmöglich­keiten zu gestatten.

 

 

Kommentiertes Kapitel „Hochheim“ in „Die Erinnerungen, S.147 - 150“ :

 

Ahnungslos? um die Vorgänge in Berlin, aber dafür allen Unbehaglichkeiten und materiellen Mängeln zum Trotz, konnte es sich das Ehe­paar Noelle-Neumann leisten, regelmäßig vom Bodensee nach Hochheim im Taunus zu reisen, um dort bei Siegfried Höxter (siehe Anmerkung), deutscher Standortkommandant der US-Truppen, zu Gast zu sein. Eines Tages hörte Elisabeth Noelle-Neu­mann, daß die Amerikaner in Nauheim eine Gruppe von Wissenschaftlern zusammenstellte, die Umfragen organisieren sollten. Sie be­absichtigte dort als Koryphäe auf diesem Gebiet ihre Mitarbeit anzudienen. „Immerhin wußte ich ja seit meinem Aufenthalt in Amerika ziemlich viel über die Methoden der Um­frageforschung.

 

An dieser Stelle in der „Autobiographie“ angelangt schafft es die Verfasserin (oder der/die VerfasserInnen??) in einer ansonsten töd­lich langweiligen Abhandlung doch tatsächlich einen, wenn auch einfach gestrickten, Spannungsbogen aufzubauen. Das Rezept des Handlungsschema:

 

Lieschen wird vom Geheimdienst der Besatzer bedroht, aber ein ritterlicher Unbekannter verhindert, daß der Prinzessin die Leviten gelesen werden!

 

Trotz einer angeblich eindeutigen Warnung Siegfried Höxters, daß sie in Nauheim in Gefahr sei, ließ sie sich nicht von ihrem Arbeitseifer zum Wohle der Not leidenden Mitmenschen abbringen. Ob Siegfried Höxter über den Zugang zu solch sehr spezifischen Informationen verfügte und auch weitergab bleibt jedoch höchst zweifelhaft. Sehr merkwürdig auch, daß der deutsche Stützpunktkommandant bei seinen Bedenken keine Anstalten machte, Elisabeth Noelle-Neumann eine Begleiteskorte mit auf den Weg zu gegen, die im Zweifelfall sofort hätte intervenieren können. Stattdessen schrieb er ihr eine Telefonnummer auf, die sie vorzuzeigen hatte, falls es zu ernsthaften Komplikationen kommen sollte.

Sodann brach Lieschen auf, kam in Nauheim an, und fand sich einem Offizier gegenüber, dem in keinster Weise nach belanglosen Höf­lichkeiten zumute war - das beabsichtigte Vorstellungsgespräch wandelte sich abrupt in ein Verhör. Lieschen zog daher ganz pfiffig und geschwind die Not­bremse, überreichte die ominöse Zahlenfolge an einen dieser gehässigen Köter und nach einem längeren Gekläffe auf der anderen Seite der Leitung war der Spuk vorbei…. Wer nun die Wölfe ihrer leichten Beute beraubte, darüber wunderte sich Lieschen, aber sie vernahm ein: „Zieh Leine.“ Lieschen machte also flugs die Biege und konnte und wollte sich nie einen Reim darauf machen, was dieses geifernde Zähnefletschen und dämliche Knurren eigentlich sollte.

 

Unglaubhaft – aber es interessierte sie auch später nicht im Geringsten!

 

Ihr war zwar bewußt, daß sie an einen Geheimdienst geriet, gleichzeitig kam sie nicht auf den nahe liegenden Gedanken, daß es noch eine alte Rechnung zu begleichen gab. Dabei hätte sie sich lediglich einige Jahre zurück erinnern müssen, als sie sich 1937/38 als DAAD-Austauschstudentin an der University of Missouri aufhielt, um den Vorfall in Nauheim zu begreifen. Doch auf diesen nicht unwe­sentlichen Punkt in ihrem Werdegang geht Elisabeth Noelle-Neumann in „Die Erinnerungen“ wohlweislich mit keinem einzigen verwert­baren Wort ein. Nichtsdestotrotz wird davon noch sehr viel die Rede sein…!

 

Doch lassen wir Elisabeth Noelle-Neumann einmal selber zu Wort kommen, was ihre demoskopische Pionierzeit betrifft:

 

Bitte anklicken

 

Audio-Quelle: 

NDR, Sendung 19.12.2011 http://www.ndr.de/info/audio97079.html

 

 

Anmerkung:

Zu Siegfried Höxter sind drei biographische Beschreibungen verfügbar:

 

1) Zeitungsartikel „The Paris News“, 30.05.1943 (links, 2. und 3. Spalte)

 

2) CIA-interne Biographie unter dem Pseudonym Stephan Haller

     Verfasser Patrick A. Beller, ca. 1959

     Zum Zeitpunkt der Abfassung als geheim eingestuft, mittlerweile freigegeben und als pdf-Datei auf der Webseite der CIA

     herunter zu laden (Abruf 08.12.11).

 

     Stephan Haller alias Siegfried Höxter

 

3) Siegfried Höxter, ein kämpferischer Sozialdemokrat

     Verfasserin Monica Kingreen in:

 

     Verfolgung und Widerstand in Hessen 1933-45

     Hg. Renate Tesche-Knigge, Axel Ulrich

     Eichborn, 1996

 

 

Schlussbetrachtung 

 

 

Elisabeth Noelle-Neumanns „Autobiographie“: ein einziger Morast aus gezielten Falschdarstellungen, äußerst unintelligenten, weil einfach nachzuweisenden Lügen und belanglosen Plappereien, die jedoch viel über den Charakter einer Person aussagen, die für besondere Verdienste einst das Bundesverdienstkreuz erhielt. Anstatt ihrer Nachwelt nach 93 Jahren Lebenszeit eine klare Botschaft zu hinterlassen, belästigt sie ihr Leserpublikum permanent mit:

 

 

ungemein sorgfältig gepackten Care-Pakete und einem überfahrenen Dachs, der als Tierleichen-Gulasch in einer schönen Porzellan­terrine herhalten musste,

(kulinarische Abenteuererlebnisse im Nachkriegsdeutschland, andere sucht man vergeblich)

 

Körben, die sie austeilte und wen sie abstoßend fand,

(interessanter wäre gewesen, wen sie wann, warum alles nicht abblitzen ließ)

 

ihrem Ehemann Erich Peter Neumann, der Alkoholiker wurde und glücklicherweise

verstarb, bevor man ihn die Psychiatrie einweisen musste,

(die Euthanasie läßt grüßen)

 

vertauschte Tischkarten,

(wer sich so benimmt ist laut Knigge nicht gesellschaftsfähig)

 

anderer Leute Schränke voller Pullover,

(hat die sich etwa in Kartoffelsäcke gehüllt?)

 

angeblichen Bettgeschichten und intimen Details Dritter,

(immer zu kurz gekommen oder überhaupt nicht?)

 

organisierten Drohanrufen,

(Viel Feind, viel Ehr war auch mal der reisserische Titel eines TV-Interviews mit Guido Knopp)

 

einem 10 Kilo Sprengsatz im Institut für Publizistik an der Uni Mainz,

(definitiv als infame Lüge zu werten, denn es waren 100 kg TNT)

 

 

Hier ein Schuß dirty talking, da noch etwas boshaftes Getratsche, als Sättigungsbeilage eine linksextremistische Bombe, viel demo­skopische Fachidiotie und noch viel mehr zusammen geschusterte rechtfertigende Selbstinszenierungen. Und fertig ist die Laube… dachte sie sich?

 

Ob diese literarische Edelmischung aber tatsächlich einzig und allein aus der Feder der Elisabeth Noelle-Neumann stammt muß offen bleiben. Aber es drängt sich doch die zwingende Frage auf, was man sich überhaupt dabei dachte, ein derart unzulänglich abgefasstes Machwerk zum Druck freizugeben. Denn – so sollte man meinen – renommierte Persönlich­keiten, die ihre Reputation zu hüten haben wie den eigenen Augapfel, achten stets darauf, daß man nicht aufgrund unbedachter Ver­balentgleisungen ohne Weiteres ans Kreuz ge­nagelt und gevierteilt werden kann. Andernfalls wäre diesen jegliche geistige Zurech­nungsfähigkeit abzusprechen. Möglicherweise trifft eine eher schlichte Erklärung am ehesten zu. Demnach könnte der Vater des Ge­dankens ganz gemäß dem Göringschen Motto während der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse gewesen sein:

 

Nach mir die Sintflut, Hauptsache gut gelebt!

 

statt.. !

 

Und wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, dem ist die weite Welt und alles untertan.

 

Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich „Die Erinnerungen“ als klassisches Lehrbeispiel dafür etabliert, wie man als Märchentante in keinem Fall auftreten sollte, wenn man in guter Erinnerung bleiben möchte. Sich nämlich selber zum Gespött der Leute zu machen und dabei auch noch zu glauben, man gäbe eine erstklassig zeitlose Vorstellung.

 

 

Dokumentation:

 

 

Elisabeth Noelle-Neumann und Nostradamus zwischen 1996 - 2006

 

 

1.  Die Erschaffung der Demoskopie  Wolfgang Hagen im Gespräch mit Elisabeth Noelle-Neumann

 

Anmerkung:

Aufgrund der belanglosen Überlänge des Interviewtextes wurden hier nur jene Pas­sagen wiedergegeben, die einen konkreten No­stra­damus–Bezug aufweisen.

 

2.  Nostradamus und ich  Die Welt 

 

Anmerkung:

Der kursiv markierte Teil aus „Die Welt“ vom 24.04.2003 wurde vom Verfasser wört­lich aus jenem Artikel übernommen, den Elisabeth Noelle-Neumann in der DAZ vom 16.06.1940 schrieb!

 

3.  Ich habe die Engel gesehen   Tagespiegel  

 

4. Was ist das Wichtigste im Leben, Frau Noelle-Neumann?  Welt.de  

 

5. Die Erinnerungen, S. 95 – 96  Autobiographie Elisabeth Noelle-Neumann

 

 

Qellen:

 

 

1. Die Erinnerungen, Elisabeth Noelle-Neumann

    Herbig Verlag, 2006

 

2. Promotionsakten Elisabeth Noelle, Nr. 915

    Archiv der Humboldt Universität Berlin

 

3. Personalakte Prof. Dr. Emil Dovifat, Nr. 215

     Archiv der Humboldt Universität Berlin

 

4. Nazi oder Karrierist?

    Über die wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit Elisabeth Noelle-

    Neumanns im Dritten Reich, Online-Dokument 07.02.2005

http://amor.cms.hu-berlin.de/~h0444vhn/noeneut.pdf

 

5. Veröffentlichung von Archivdokumenten zu Elisabeth Noelle-Neumann:

http://gurukul.ucc.american.edu/radiowave/noelle/noelle.htm

 

6. Bundsarchiv R, Berlin

 

7. CIA Webseite

 

8. newspaperArchive.com

 

9. Benutzte Quellen ohne Signaturangabe sind im Lesesaalbestand der Berliner

   Staatsbibliothek einsehbar oder über den Katalog zu ermitteln.

 

10. Zeitungsartikel älteren Datums stammen aus der Berliner Staatsbibliothek, die

       neueren Datums aus dem Internet.

 

 

 

 

 

 

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